Lieber so

Gestern war sie am Morgen losgefahren. Besser gesagt – sie hatte sich fahren lassen. Weil das mit den Augen nicht mehr gut geht. Und sie Mühe hat sich zu konzentrieren. Sie hatte sich gestern zum Friedhof fahren lassen. Und sich viel unterhalten mit ihrer Fahrerin. Die fast 50 Jahre jünger war als sie. Ihre Enkeltochter machte das immer mal – sie mit einer Freifahrt zu beschenken. Aber noch nie war der Friedhof ihr gemeinsames Sonntags-Ziel gewesen.
Wieso es ausgerechnet heute sein musste, hatte Steffi sie gefragt. Das Wetter sei miserabel, man könne sich wahrlich einen besseren Ausflugstag vorstellen. „Na, weil doch Totensonntag ist und ich ans Grab will.“ Sie hatte sich mit der Hand erschrocken den Mund zugehalten. Ja, „Totensonntag“ hatte sie gesagt. Sicherlich. Er war tot. Und doch gab es ein Wort für diesen Sonntag, das ihr viel besser gefiel: „Ewigkeitssonntag, Steffi“ – sie stupste die Enkelin sacht an, „ lass uns lieber Ewigkeitssonntag sagen“.
Weil sie ihn sicher glaubte. Seine Seele. Geborgen. Bei Gott. In der Ewigkeit. Weil sie es sich einfach nicht anders vorstellen konnte, als dass er auch heimgegangen war. Er hatte ein Zuhause gehabt, neben ihr, in der Zeit und nun hatte er eines in der Ewigkeit.
Auf sein Grab hatte sie dann Blumen und ein Licht gestellt. Und ein Lächeln war ihr durchs Herz gegangen, als sie es anzündete. In Erinnerung an das ewige Leben ein lange brennendes rotes Licht.
Steffi jedenfalls hatte sich auf der Rückfahrt bedankt. Für diesen Tag mit der Großmutter, die lebte. Und die ihr doch einen Blick hinüber geschenkt hatte.
Schlafen Sie gut und getrost. Pastorin Theresa Rinecker aus Weimar.