Lieblingsbuch

Neulich fiel mir das Lieblingsbuch meines Großvaters in die Hände:

Eine kleine Taschen-Bibel, in Leder gebunden, völlig zerlesen.

Mit vielen Anmerkungen in Schnörkel-Schrift, genauso winzig wie die gedruckten Buchstaben. Mit grün angestrichenen Worten. Und mit herrlich altmodischen Lesezeichen zwischen den Seiten:

Ein Papierstern mit Goldrand, ein Schwarz-weiß-Foto von Winterlings-Blüten, ein blaues Seidenband.   

In meiner Erinnerung war mein Großvater ein würdevoller Herr mit einem freundlichen Schmunzeln im Gesicht. Er züchtete Stangenbohnen hinter dem Haus und redete nicht viel. Uns Enkelkindern schenkte er manchmal Schokolade, jedem ein kleines Stückchen. Er starb, als ich zehn Jahre alt war.

Aber nun lerne ich ihn besser kennen durch diese Bibel. Neugierig blättere ich weiter. Lese die Worte, die er unterstrichen hat. Versuche, seine Notizen zu entziffern. Stelle mir vor, in welcher Situation er sie aufgeschrieben haben könnte.

Vieles kann ich nicht lesen. Vieles bleibt ein Geheimnis. Aber mein Großvater ist mir doch näher gekommen. Und immerhin haben wir dasselbe Lieblingsbuch.

Ich schlage einen Psalm auf, den ich besonders mag. Freue mich über das kleine Bleistift-Kreuzchen daneben. Hier also treffen wir uns, bei diesem entspannten Abendgebet, das ich jetzt auch für Sie mit bete:

Ich liege und schlafe ganz in Frieden; denn allein du, Gott, hilfst mir, dass ich sicher wohne.  

 

Eine gute Nacht – ganz in Frieden –

wünscht Angela Fuhrmann, evangelische Pfarrerin in Gotha