01.03.2016
Medizin aus Klängen

Eben noch hat sie die Decke angestarrt. Vor sich hin gegrübelt.
Nun sitzt sie aufrecht im Bett. Im OP-Hemd. Die Beine mit den weißen Stützstrumpfhosen baumeln über dem polierten Boden – Krankenhaus-Chic.

Die Freundin ist gekommen. Mit einem fröhlichen Frühlingsstrauß. Und mit CD-Player.

Sie sitzen im Chor nebeneinander. Lieben dieselbe Musik. Entspannen sich beim Singen vom Alltagsstress.

In den letzten Wochen hat ihr das alles gefehlt. Das ganz normale Leben in der Familie und im Büro. Mit Wäschebergen und nervigen Kollegen. Vor allem das Singen hat ihr gefehlt.

„Du fehlst mir!“, sagt jetzt die Freundin. „Auch deine Stimme im Chor fehlt. Darum bringe ich dir ein bisschen Medizin. Was Alternatives…“
Sie lächelt geheimnisvoll und legt eine CD ein.

Und da geschieht es: Der Raum verwandelt sich. Wird zum Wohlfühl-Ort. Die Tulpen auf dem Nachtschrank verschwimmen zu einem leuchtenden Meer, gelb-orange.

Denn sie weint. Ein befreiendes Weinen. Das alles heraus schwemmt, was innen drin so weh getan hat: die endlosen Sorgen, die bohrende Angst, die Warum-Frage. Auch der Groll gegen Gott und das Selbstmitleid.

Alles, was wie ein Betonklotz gedrückt hat, löst sich jetzt auf. In warme, salzige Tropfen.

„Fürchte dich nicht!“, singen die Chorstimmen ihr in´s Herz. „Fürchte dich nicht! Ich bin bei dir... Ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch.“

Mehr braucht sie jetzt nicht. Diese Medizin tut so gut.

Eine gute Nacht ohne Betonklotz wünscht Ihre Angela Fuhrmann,
Pfarrerin von der Ev. Kirche in Gotha


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