Müde

Sie ist müde. Ja, auch vom Tag heute. Aber nicht nur. Seit längerem wacht sie morgens mit dem Gefühl auf, dass sie es alles nicht mehr schafft. Am liebsten würde sie im Bett liegen bleiben. Den ganzen Tag. Und dann noch einen. Vielleicht eine ganze Woche lang. Würde sich die Decke über den Kopf ziehen, das Telefon nicht hören. Wäre nicht ansprechbar, für keinen und niemanden, müsste nichts sagen, nichts entscheiden und nichts gut finden.
Noch sind es die Kinder, die morgens in die Schule müssen. Für die steht sie auf, gewohnheitsmäßig, deckt den Tisch, mechanisch, bevor sie sich selbst auf den Weg zur Arbeit ins Büro macht.
Sie ist müde. Eigentlich seit Jahren schon.

Sie mag den Herbst. Wenn die Tage kürzer werden und die Dunkelheit sich ausbreiten darf. Nicht nur in ihr selbst, sondern auch draußen. Sie fühlt sich verstanden von den Birken vor dem Haus, die ihre Blätter fallen lassen. Vom Himmel, der öfter jetzt grau trägt. Von den Igeln, die sich in ihren Bau zurückziehen.
Fühlt sich verwandt und verbunden mit der Natur.
Sie mag den Herbst, die dunkle Jahreszeit. Irgendwann wird es wieder heller werden. So viel weiß sie vom Leben. Irgendwann wird sie von allein Lust haben, aufzustehen und loszugehen. Kein Mensch bleibt ewig im Bett.
Für jetzt und heute ist Müde-sein in Ordnung. Sie spürt die Wärme ihres Zimmers und nimmt ihre dicke Decke.
„Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind!“ - in diesen Liedvers hüllt sie sich ein und überlässt sich getrost dem Schlaf in der Nacht.

Eine warme Decke für Leib und Seele wünscht Ihnen in dieser Nacht
Pfarrerin Elisabeth Wedding aus Jena