Novemberpracht

In der Frühstückspause hatten die Kollegen geschimpft. Dieses Mal nicht über die Politik. Sondern über die Kälte und das Wetter. Man ginge im Dunkeln aus dem Haus und käme im Dunkeln wieder heim. Und überhaupt. Man sähe die Nachbarn kaum. Und früh Scheiben-Kratzen am Auto. Hoffentlich wäre es bald vorbei mit diesem November.
Sie hatte heute gar nicht mitreden können. Besser gesagt, sich nicht getraut mitzureden. Denn dann hätte sie widersprechen müssen. Sie mochte diesen Monat. Gerade mit dem wenigen Licht. Gerade mit dem Losgehen und Heimkommen im Dunkeln. Als gäbe dieser Monat ihr die Erlaubnis jetzt mal mehr daheim zu sein. Nicht nach der Arbeit noch durch den Park zu joggen oder im Garten nach den Blumen zu sehen. Nicht abends noch die Wohnung zu putzen. Sondern sich mit einem Tee hinzusetzen. Füße hoch. Alle Fünfe gerade sein lassen. Ohne schlechtes Gewissen zu Hause sein.
Sie las in der Zeitung ein November- Gedicht. Das sprach ihr aus dem Herzen:
Solchen Monat muß man loben,
Keiner kann wie dieser toben,
keine so verdrießlich sein,
und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
keiner so im Sturmwind graulen!
Und wie naß er alles macht!
Ja, es ist ‘ne wahre Pracht.
Ein wunderbares Geschenk. Solcher Monat. Für sie – ein Gottesgeschenk der besonderen Art.
Eine gesegnete Nacht wünscht Ihnen Pastorin Theresa Rinecker aus Weimar