01.09.2022
Seelen bei Nacht

„Nachtschichten gehören dazu, wir machen keine Ausnahmen.“ Sie weiß noch, wie hart dieser Satz war, als ihr den die Oberschwester um die Ohren gehauen hat. Sie war noch jung. Und die Station voll belegt. Schwerkranke Patientinnen dabei. Und sie fürchtet sich doch vor der Dunkelheit. „Dann machste dir halt das Licht an“, raunzte Schwester Rabiata. Wenn es nur so leicht wäre.

Als Kristin die erste Schicht antrat, war ihr flau. Aber dann stellte sich doch auch eine Arbeitsroutine ein, alles getaktet, alles nach Plan. Und zwischen der Arbeit gab es ruhigere Minuten, Zeit für ein kleines Pläuschchen mit denen, die nicht schlafen können.

Später wusste sie diese Schichten zu schätzen. Der allgemeine Puls fährt herunter, die vertraute Umgebung atmet aus. Die Gespräche mit den Kolleginnen werden privater. Nachts zeigt sich mehr Seele.

Der Patient aus Nummer sieben hat Angst vor dem Sterben, und dass niemand von seiner Familie dabei sein will. Sie drückt seine Hand.

Die Frau aus der zwölf will nicht mehr nach Hause zu ihrem Mann. Es fühlt sich nach Gewalt an. Kristin verspricht, dem Sozialdienst Bescheid zu sagen. Es gebe Hilfe.

Wie gut, dass hier niemand allein ist. Die Kranken nicht und die Pflegenden auch nicht.

Gott, halte deine Hand über ihnen.

Segen für alle, die krank sind. Und Segen für alle, die helfen.

Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche.


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