01.07.2020
Sind Sie von hier?

Ich weiß, dass die Frage freundlich gemeint ist. Als Frau mit dunklerer Hautfarbe wird sie mir schließlich seit 40 Jahren gestellt: Wo kommen Sie her? Meist ist es reines Interesse. Aus demselben Grund habe ich es auch schon Leute gefragt, die wie ich „anders“ aussahen.
Den ersten Menschen mit dunklerer Hautfarbe habe ich bewusst wahrgenommen, als ich gerade so laufen konnte. Es war ein US-Soldat im Westen. Er kam mit dem Gesicht nahe zu mir, wie man das bei kleinen Kindern so macht und ich habe vor Schreck geschrien, erzählen meine Eltern. Dass ich so ähnlich aussah wie er, wusste ich da noch nicht. Und etwa so ist es bis heute geblieben. Man selbst denkt nicht ständig darüber nach; das geht anderen mit besonderen äußeren Merkmalen vielleicht ähnlich, sehr großen oder sehr kleinen Leuten. Von innen fühlt man sich einfach als Mensch. Dass etwas an einem speziell ist, fällt einem oft erst ein, wenn andere darauf reagieren, lachen, schimpfen oder fragen: „Ist Ihnen nicht kalt?“, „Wo waren Sie denn im Urlaub?“ oder eben: „Wo kommst du her?“ Und – zack – habe ich wieder einen Stempel auf der Stirn. Schöner wäre, wenn mal jemand fragen würde: „Sind Sie von hier?“ Denn das fühlt sich an, als könnte man wirklich hierher gehören
– selbst wenn man auf den ersten Blick anders aussieht als alle drumherum. Genau genommen ist jeder von uns anders – Haut, Haare, Augen, Ohren und tausend andere Details. Gott hat eben Phantasie. Da kann man nichts machen. Gute Nacht wünscht Milina Reichardt-Hahn, Pfarrerin in Fambach.


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