Streit-Lust

Wann haben Sie das letzte Mal richtig gestritten?

Ich weiß: Streiten fühlt sich meistens nicht toll an. Normalerweise reden wir auch nicht darüber.

Und nun steht dieses Wort ausgerechnet an Kirchen und Gemeindehäusern als Motto der Friedensdekade: Streit!

Sechs provozierende knallrote Buchstaben mit Ausrufezeichen. Darüber in unschuldigem Weiß eine ungewöhnliche Friedenstaube: Frech, zerzaust, angriffslustig. Den Ölzweig hält sie einsatzbereit, als ob er im nächsten Moment durch die Luft sausen könnte.

Auf Plakaten, die einladen zu lernen, wie man richtig streitet.

Nicht gegen Menschen. Sondern gegen Böses. Z. B. gegen Gier und Verdummung und Zerstörung. Gegen das Geschäft mit Atomkraft und neuen Kohlekraftwerken.

Wie beim Weltklimagipfel in Bonn. Als einige Dutzend Zuschauer richtig gestritten haben. Mit lautem Singen und fröhlichem Klatschen. Mit einem minutenlangen Protestlied. Als Reaktion auf die Rede von Trumps „Umwelt“-Delegation. Überraschend anders, völlig entspannt, kreativ.

Richtig streiten ist eine hohe Kunst.

Mein Lieblings-Lehrmeister ist da übrigens Jesus. Klasse, wie er die Händler aus dem Tempel jagt! Er beleidigt sie nicht und wird nicht handgreiflich. Aber die Tische mit den Souvenirs und der Kasse wirft er um: Ein Tempel ist zum Beten da und nicht für Geschäfte!

Ich bin mir sicher: Jesus hätte beim Weltklimagipfel mit gesungen und geklatscht. Solches Streiten tut echt gut.
Also: Hören Sie nicht auf mit Singen! Und streiten Sie richtig.

Gute Nacht!
wünscht Angela Fuhrmann, Pfarrerin in Gotha