Thesenanschlag

Martin muss nochmal in die Stadt. Die Thesen anschlagen. Mit dem Papier in der Hand läuft er die Collegienstraße runter.
Auf der Höhe des Marktplatzes hat er plötzlich eine Vision. Er kann mit einem Mal sehen, was in 500 Jahren passieren wird. Reformationsjubiläum werden sie es nennen. Feiertag im ganzen Land. Martin sieht die Luthersocken, den Lutherlikör, Lutherbier und Luthersalami. Sieht die Massen, die zu den Originalschauplätzen reisen. Sogar Lutherpilgerwege wird es geben. Sieht ein Schild: „In diesem Hotel würde Luther übernachten.“ Und die Werbung: „Welches Auto würde Luther fahren?“
Entsetzt bleibt er stehen. Ihm wird heiß und kalt. „Was für eine verrückte Vision. Was die für einen Rummel machen. Um meine Person.“ Er überlegt ernsthaft, ob er umkehren soll. Und das Ganze lieber lässt.
„Ach Quatsch,“ denkt er. „Ich geh weiter. Die Thesen müssen raus. Das muss jetzt losgehn. So viel, was wir vorhaben. Mit Melanchthon will ich mich zusammensetzen. Wir müssen anfangen, das mit den Schulen zu planen. Mit den Schweizern Kontakt aufnehmen. Das machen wir in europäischer Zusammenarbeit. Mit Lukas Cranach zusammen ein neues Medienkonzept erstellen. Und ich brauch dringend das Gespräch mit Katharina. Wir müssen über die moderne Frau reden.“
„Nur gut“, denkt Martin, „keiner muss Reformation alleine machen.“
Eine gute Nacht wünscht Ihnen Pfarrer Tobias Schüfer, evangelisch und aus Erfurt.