Zeit-Fragen

Alles hat seine Zeit… Leben und Sterben. Lachen und Weinen. Tanzen, Schweigen.

Kohelet – wie alt warst du, als du das gedichtet hast?

Weißhaarig? Voller Lebensweisheit, ohne Drang zur Rebellion? Alles nehmen, wie es ist. Anschauen, was einmal war. Ohne Selbstmitleid. Ohne Ungeduld. Ohne Anklage.

Oder warst du vierzig, mitten in der Midlife-Krisis? Das erste Beziehungsporzellan zerbrochen und manche Träume auch?

Deine Worte gefallen mir.

Nur – die Zeiten haben sich geändert. Weißt du, wie wir heute Zeit erleben, Kohelet?
Wie einen rasenden ICE. Von einer Pflicht zur andern. Die Nacht wird zum Tag. Zeit ist Geld. Sonntags-Shopping ist in. Arbeiten und Konsumieren, Aufräumen und Vorplanen – am besten alles gleichzeitig. Coffee to go. Leben und Lieben und Lachen to go.

Manchmal nur das Erschrecken: Wo sind die Jahre hin? Der Wunsch auch, die Zeit zurückzudrehen. Keine Zeit mehr zu missbrauchen durch Streiten und Verletzen und zu viel Gerede. Mehr Tanzen, mehr Streicheln, mehr Schweigen vielleicht…

Du meinst, dann würde was fehlen, was uns zu Menschen macht? Nicht perfekt sein. Ganz du selbst. Mit Ecken und Kanten. Beulen und Narben. Das wäre so wundervoll menschlich…?

Du meinst, ich kann mir alles ruhig anschauen, auch diese Tränen-Nacht damals, mein Scheitern? Weil es keine verlorene Zeit gibt? Weil alle Zeit in Gottes Händen ihren Sinn bekommt, ihre tiefe Schönheit?

Ich weiß nicht, Kohelet. Aber vielleicht brauche ich noch eine Zeit. Du weißt ja: Alles hat seine Zeit.

Und nun: Zeit zum Schlafen!
Gute Nacht wünscht Angela Fuhrmann, Pfarrerin in Gotha