Begrüßung und Grußwort von Landesbischöfin Ilse Junkermann im Lutherhaus Eisenach, 12.04.2017

zur Eröffnung der Ausstellung „Ketzer, Spalter, Glaubenslehrer“ - Luther aus katholischer Sicht

Sehr geehrter Herren Bischöfe, lieber Bruder Dr. Neymeyr, lieber Bruder Dr. Feige,
sehr geehrte, liebe Mitglieder des ökumenischen Fachbeirats,
sehr geehrter, lieber Herr Dezernent Wachtmeister,
sehr geehrter, lieber Herr Landrat Krebs,
sehr geehrte, liebe Mitglieder des Kuratoriums und des Verwaltungsrates,
sehr geehrter, lieber Herr Kurator Dr. Birkenmeier und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Lutherhauses Eisenach,
sehr geehrte Damen und Herren – unterschiedlicher Ehre und gleicher Würde!

Ganz herzlich begrüße ich Sie alle! Als Vorsitzende des Kuratoriums Stiftung Lutherhaus Eisenach und als Mit-Schirmherrin für die Ausstellung, die wir heute Abend eröffnen, freue ich mich sehr, dass Sie sich auf den – z. T. weiten – Weg hierher gemacht haben!

„’Ketzer, Spalter, Glaubenslehrer’ - Luther aus katholischer Sicht“ - die Ausstellung, die wir heute im Lutherhaus eröffnen, ist im großen Reigen der vielfältigen Ausstellungen in diesem Jahr eine ganz besondere. Ja, sie ist, so wage ich zu sagen, eine besonders kostbare Perle in der Kette der unbestreitbar vielen andere Perlen von Ausstellungen und Veranstaltungen. Diese ist eine besonders kostbare.

Warum?
Zum einen: Sie ist nicht, wie der Titel schon sagt, selbstverständlich „evangelisch“ geprägt, nimmt nicht selbstverständlich den komplexen Prozess, den wir Reformation nennen, allein für die evangelische Kirche oder den vielfältigen Protestantismus in Anspruch. Und sie weicht der konfessionellen Frage auch nicht aus mit einer vermeintlich ‚sachlichen’ Perspektive, die über aller Kirchlichkeit steht. Vielmehr nimmt sie dezidiert die katholische Sicht auf Luther in den Blick. M. W. ist sie die einzige mit dieser Perspektive.

Und sie ist zum andern eine besonders kostbare Perle auf der Schnur der vielfältigen Veranstaltungen und Ausstellungen über den Beginn der Reformation (der Zeitpunkt ist ja auch nicht unumstritten...!), weil sie eine wichtige Wegmarke unseres ökumenischen Miteinanders auf dem Weg zum Reformationsjubiläum und –gedenken markiert, ja, weil sie eine wichtige Wegmarke auf unserem weiteren gemeinsamen Weg ist.

‚Für uns gibt es nichts zu feiern!’, so oder so ähnlich lautete die Botschaft des damaligen Erfurter Bischofs Dr. Wanke im Jahr 2010 bei der Begegnungstagung von Rat der EKD und Kirchenkonferenz. Und auch mein Magdeburger Amtsbruder, Bischof Dr. Feige gab in den ersten Jahren der sog. Lutherdekade kritisch zu bedenken: „Katholische Christen können und wollen sich durchaus konstruktiv und kreativ mit der Reformation und ihren Folgen auseinandersetzen, empfinden die damit zusammenhängende Spaltung der abendländischen Kirche aber als tragisch und sehen sich – jedenfalls bislang – nicht in der Lage, dies etwa noch fröhlich zu feiern.“ (1)
Mit diesen Äußerungen haben die beiden eine wichtige Warnung ausgesprochen: ‚Wenn Ihr feiert, überlegt genau, was Ihr feiern könnt! Und: vergesst uns nicht! Und vergesst nicht den gemeinsamen Weg, den wir im sog. Jahrhundert der Ökumene zurückgelegt haben.’

Sie haben dies als Weggefährten gesagt.
Und ein ehrliches Gespräch unter Weggefährten – und das sind wir als Christinnen und Christen – das ist kostbar wie eine Perle. Das Gespräch über diese Äußerungen hat unser ökumenisches Miteinander auch in Mitteldeutschland vertieft. Wir haben uns einander zugemutet, einander ernst und diese Frage mit auf den Weg genommen. Ja, sie hat unseren Weg verändert. Dabei denke ich – neben unserem Aufeinander-Hören im sog. ‚Mitteldeutschen Konfessionsgespräch’ und den Gottesdiensten und Gebeten, die wir miteinander feiern und halten dürfen - neben diesen denke ich besonders an den Pilgerweg der Versöhnung im November 2015 in Lutherstadt Wittenberg als ACK Sachsen-Anhalt und an den Buß- und Versöhnungsgottesdienst „Erinnerung heilen – Christus bekennen“ jüngst in Kloster Volkenroda mit unseren Selbstverpflichtungen.
Ja, wir sind gemeinsam auf dem Weg. Unser ökumenischer Weg hier in Mitteldeutschland ist eingebunden in den der weltweiten Kirche, ich erinnere hier nur – stellvertretend für viele Gespräche und Konsultationen – an den gemeinsamen Brief des Ratsvorsitzenden der EKD und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, in dem sie bekräftigen, zu welcher Einsicht der aufrichtige und ehrliche Austausch geführt hat: Wir feiern 2017 nicht die Kirche, wir feiern ein Christusfest. Daran haben Sie, lieber Bruder Dr. Feige, als Vorsitzender der Ökumenekommission der Dt. Bischofskonferenz, einen nicht unerheblichen Anteil. Und ich denke, um nur noch einen zu nennen, an den Gesprächsprozess zwischen Lutherischem Weltbund und dem Päpstlichen Einheitsrat unter dem Titel „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“, der seinen Höhepunkt im gemeinsamen Gottesdienst in Lund am Reformationstag 2016 hatte.
Ja, wir sind eingebunden in diese größeren und weiteren Prozesse, insbesondere auch in die Lehrgespräche.

Bei all dem aber kommt es auch auf uns an. Es kommt auch darauf an, dass und wie wir einander wahrnehmen, wie wir aufeinander hören, - wie der andere sich selbst sieht und versteht und an welchen Fragen und Themen er hängt, was ihm Probleme und ja, auch Bauchschmerzen bereitet.
Selbstverständlich geht das alles nicht ohne die wissenschaftliche Erforschung der gemeinsamen und der unterschiedlichen Glaubens- und Theologiegeschichte.
Doch wenn wir uns von Christi Bitte und Gebet um Einheit anrühren und in Bewegung setzen lassen, dann bleibt alles Papier.

Und ein zweites: Ein Blick auf eine so streitbare und umstrittene Person wie Martin Luther, der sich nicht an der – beidseitigen - Abgrenzung gegenüber den ‚Andersgläubigen’ orientiert, vielmehr fragt: ‚Was bedeutet diese Person für uns?’, ein solcher Blick hilft gegen Vereinnahmungen für die eigene Sache, die ja auch immer eine Verkürzung ist. So war die Erfurter Tagung „Martin Luther aus katholischer Sicht“ für mich ein Highlight unseres Miteinanders und, zu allen neuen Perspektiven auf Martin Luther und die eine Kirche und die Reformation hinzu für mich nicht zuletzt auch deshalb, weil Sie beide, sehr geehrter Herr Professor Thönissen und sehr geehrter Herr Professor Freitag sich damals in Erfurt auf eine Mitwirkung im ökumenischen Fachbeirat für diese Ausstellung haben ansprechen lassen.
So ist diese Ausstellung ein gemeinsames ökumenisches Werk. Und, so kann es gar nicht anders sein, als dass wir gemeinsam, Sie lieber Bruder Dr. Neymeyr als Bischof des Bistums Erfurt, und ich als Landesbischöfin der Evang. Kirche in Mitteldeutschland die Schirmherrschaft übernommen haben.

So danke ich nun allen, die an der Konzeption wie an der Ausführung dieser Ausstellung mitgewirkt haben, ganz herzlich! Ich bin gespannt, wie sich mein Blick auf die Geschichte - je nach Brille, durch die wir alle nachher bewusst schauen können – verändert.
Möge sie uns und den, so hoffe ich, vielen Besucherinnen und Besuchern helfen, unsere unsichtbaren Brillen abzunehmen, damit wir trotz allem, was uns noch trennt, ein glaubwürdiges und kräftiges Zeugnis der Liebe Gottes für alle Menschen und diese Welt geben können.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!




(1) Aus: Gerhard Feige, Katholische Thesen zum Reformationsgedenken 2017, veröffentlicht zum Reformationstag 2012