Grußwort von Landesbischöfin Ilse Junkermann, 14.01.2017

zur Eröffnung der Ausstellung „Jesus reloaded. Das Christusbild im 20. Jahrhundert. Werke der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg“

Sehr geehrte Vorsitzende des Kunstvereins Apolda Avantgarde, liebe Frau Heinemann,
sehr geehrter Herr Geschäftsführer des Kunstvereins, lieber Herr Giese,
sehr geehrter Herr Beigeordneter der Stadt Apolda, lieber Herr Heerdegen,
sehr geehrte Frau Superintendentin des Kirchenkreises Apolda-Buttstädt, liebe Frau Hertel,
sehr geehrte Kuratoren der Ausstellung,
liebe Frau Dr. Fromm, lieber Herr Beege,
sehr geehrte Damen und Herren!

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass Sie, liebe Verantwortliche für diese eindrucksvolle Ausstellung („Jesus reloaded. Das Christusbild im 20. Jahrhundert. Werke der Stiftung Christliche Kunst Wittenberg“) mir die Schirmherrschaft dieser Schau angetragen haben. Ich habe dieser Bitte sehr gern entsprochen.
Ganz ohne Risiko für beide Seiten ist diese Kooperation ja nicht. Eine gewisse Spannung ist offenkundig und Sie, lieber Herr Beege, haben im Interview mit unserer Kirchenzeitung ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht, ich zitiere:
„Die Christusbilder, die wir ausstellen, sind nicht im Auftrage der Kirche entstanden.“
Was würde etwa George Grosz dazu sagen, dass eine Landesbischöfin zur Eröffnung einer Ausstellung spricht, in der sein Blatt „Da donnern sie Sanftmut und Duldung …“ aus dem Jahr 1922 (1) gezeigt wird? Sie, sehr geehrte Damen und Herren haben das Bild jetzt nicht vor Augen: Es zeigt einen Pfaffen, er steht vor einem Kreuz, an seinem Talar und am Kreuz klebt Blut, zu seinen Füßen ein Schlachtfeld des 1. Weltkrieges, der Betrachter sieht einzelne Gliedmaßen. Tausend Mal hat der weit aufgerissene Mund des Pfarrers den Namen „Jesus Christus“ ausgesprochen, hat „Sanftmut und Duldung gedonnert“ und hat der Hölle des Krieges eine religiöse Rechtfertigung zugesprochen.
Ich will die Frage nicht vorschnell beantworten, was der Künstler dazu sagen würde, dass eine Landesbischöfin hier spricht. Der Respekt vor der Leidenschaft, mit der viele Künstler des 20. Jahrhunderts mit ihrem Werk protestiert haben gegen religiös bzw. kirchlich legitimierte Verbrechen an Menschen, verbietet einen leichtfertigen Umgang mit dieser Spannung.
Ich will diese Spannung nicht beschwichtigen, sie vielmehr offen halten; auch und gerade aus Gründen offen halten, die im Kern mit dem christlichen Glauben, mit der Theologie und, ja, auch mit der Kirche zu tun haben.
Die Christus-Gestalt ist stärker als alle Instrumentalisierungsversuche, denen sie sich – durch die Jahrhunderte hindurch – ausgeliefert sah.
Wir sehen einen Menschen – ecce homo. Wir sehen die Menschlichkeit, in die sich der Gott, an den wir Christen glauben, hineinbegeben hat: im Kind der Maria, im Angeklagten vor Pilatus, im Gemarterten, im Auferstandenen.
Dem Neuen Testament ist sehr wohl bewusst, welchen Risiken sich GOTT aussetzt, wenn er sich so, als verletzlicher und sterblicher Mensch in der Menschen Hände begibt. So muss sich die Kirche, ja, alle, die sich ihm nähern, die Christus den Mensch gewordenen Gott in ihre Mitte lassen, alle müssen sich im Klaren sein: Wir können ihn dabei missbrauchen, ihn falsch darstellen, auch wenn es unsere Absicht ist, ihn ins beste Licht zu rücken.
Jede echte Äußerung, jeder Brückenschlag, jede wirkliche Kooperation bergen das Risiko, vereinnahmt und missbraucht zu werden.
Es gehört zum tiefen Geheimnis der christlichen Botschaft, dass sie von einem Gott erzählt, der dennoch lieber dieses Risiko einging und eingeht, statt in Ewigkeit mit sich und seiner Herrlichkeit allein zu bleiben.

Und was er da geäußert hat im Mann aus Nazareth ist so stark, dass es sich gegen alle Verharmlosungs-, Verkitschungs- und Vertröstungsversuche immer wieder Sprache und Bild verschafft; egal, ob die Autorinnen und Autoren jener Äußerungen nun Kirchenmitglieder sind oder nicht.
Die Spannung, die sich hier zeigt, können wir weder von Seiten der Kirche noch von Seiten der Kunst ermäßigen wollen. Mich jedenfalls erfüllt es mit Scham und Trauer, dass die Botschaft dieser Menschlichkeit im Bild Jesu Christi mitunter gegen ein landläufiges kirchliches Selbstverständnis behauptet und verteidigt werden musste und muss. Es ist ein Beleg dafür, dass das Heil auch außerhalb von Kirchenmauern gefunden und erfasst, ja, sogar die Botschaft dort zu Zeiten besser bewahrt werden kann. Auch wenn die kirchliche Dogmatik anderes besagt, wenn sie formuliert: extra muros ecclesiae nulla salus. (2)

Liebe Verantwortliche für diese Ausstellung,
Sie verstehen „Jesus reloaded“ als Ihren Beitrag zum großen Reformationsgedenken im Jahr 2017. Ich bestärke Sie ausdrücklich in dieser Intention!
Die hier gezeigten Christusbilder legen meiner Ansicht nach Zeugnis davon ab, dass das Bild Gottes im menschlichen Menschen stärker ist als alle Versuche, Religion und Glaube für die Erniedrigung von Menschen durch andere Menschen zu missbrauchen.
Der Protest, der sich hier äußert, führt mitten ins Zentrum der reformatorischen Bewegung um Martin Luther. Die Reformation begann bekanntermaßen mit den 95 Thesen von 1517 – egal, ob sie nun an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angebracht gewesen waren oder nicht. An seine Bischöfe, seine kirchlichen Vorgesetzten hat Martin Luther sie in jedem Fall geschickt. Und im Kern geht es in diesen Thesen um den Protest gegen die Instrumentalisierung der christlichen Botschaft, konkret gegen ihre monetäre Funktionalisierung zum Bau des Petersdomes in Rom.
Der Kern dieses Protestes Luthers ähnelt dem Protest der hier gezeigten Künstler in prägnanter Weise:
Die Botschaft von dem Gott, der Mensch wurde, damit wir Menschen Menschen werden, diese Botschaft ist zu kostbar, als dass wir sie für Geld oder für politische Machtgelüste instrumentalisieren dürfen. Solcher Protest wird auch verstörend sein. Solcher Widerstand wird Widerspruch hervorrufen – wie bei anspruchsvoller Kunst.
Ich wünsche dieser Ausstellung viele Besucherinnen und Besucher und in viele Verstörungen in dem eben beschriebenen Sinn, viele Irritationen, viele Debatten, keine betuliche Museums-Atmosphäre, vielmehr leidenschaftlichen Diskurs im Sinne jener Spannung, die unbedingt offen gehalten werden muss, gerade im Jahr des Reformationsjubiläums.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!




(1) Im Katalog auf Seite 95
(2) Kein Heil außerhalb der Kirchenmauern.