Grußwort von Landesbischöfin ilse Junkermann am 21./22. August 2012

zur Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages zwischen der Diözese Lund und der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM)

Liebe Schwester Jackelén, liebe Schwestern und Brüder!

Vor genau dreißig Jahren begann die Partnerschaft zwischen der damaligen Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Diözese Lund, und zwar durch schwedisches Engagement. Erzbischof Olof Sundby hatte im Jahr 1983 die Initiative dazu ergriffen. Es freut mich sehr, dass wir gerade in diesem Jubiläumsjahr unsere Partnerschaft bekräftigen!

Vielleicht kann man, rückblickend auf die vergangenen drei Jahrzehnte, den Vergleich mit einer Ehe wagen: Da gibt es die Zeit der ersten Verliebtheit. Alles am anderen ist neu und interessant, und es gibt viel zu entdecken. Was für ein Hochgefühl!

Aber irgendwann lassen die großen Gefühle nach. Es entstehen Konflikte und Reibungspunkte. Oder es stellt sich Routine ein. Immer mehr zeigt sich, dass eine Beziehung auch Arbeit bedeutet. Eingefahrene Gleise müssen verlassen werden, alte Gewohnheiten müssen sich ändern, damit die Beziehung wieder lebendig wird.

Wenn das gelingt, bekommt die Partnerschaft neue Impulse. Zugleich wird sie tiefer und stabiler. Das Vertrauen wächst, die Tragfähigkeit nimmt zu. Und es wird sichtbar, was man am anderen wirklich hat.

Dreißig Jahre, das ist eine lange Zeit – für eine Ehe genauso wie für die Partnerschaft zwischen unseren Kirchen. Die „erste Verliebtheit“, das waren die achtziger Jahre: Wie spannend, so habe ich mir sagen lassen, war es für Viele in der Diözese Lund, Kontakte in den sogenannten Osten Deutschlands zu haben. Wie kann man leben und vor allem Christ sein hinter dem „eisernen Vorhang“? Das war eine Frage, die viele beschäftigt hat. Und wie wichtig war es für die ehemalige Kirchenprovinz Sachsen, wie wichtig war es für Christinnen und Christen in der DDR, diese Verbindung zu haben! Ein Bischof hat damals gesagt: „Dass ihr in Schweden an uns gedacht habt, das hat uns in der DDR gezeigt, dass Gott uns nicht vergessen hat.“ Neben aller ganz praktischen und gewiss auch materiellen Hilfe war die Partnerschaft mit Lund für unsere Kirche das Tor zur Weltchristenheit. Was die Menschen in unserer Kirche damals bekommen haben an Offenheit und Weite, mitten hinein in die Enge des DDR-Systems, das erfüllt viele heute noch immer mit großer Dankbarkeit. Von dieser Basis zehren wir, noch immer, so wie jede Beziehung von ihren Anfängen lebt. Die persönlichen Begegnungen gehören dazu, in Lund und in der DDR. Und die gemeinsame Freude über die neuen Möglichkeiten nach der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer. Dafür steht der „Treffpunkt Trelleborg“ im Jahr 1990 mit über 500 Gästen aus der Kirchenprovinz Sachsen. Und, im Gegenzug, drei Jahre später der „Treffpunkt Naumburg“.

Dann kam eine Phase, in der es die Partnerschaft zwischen unseren Kirchen schwerer hatte. Die Kirchenprovinz Sachsen hatte mit Strukturproblemen zu kämpfen. Wir mussten uns anpassen an das westdeutsche Modell, Kirche zu sein und Kirche zu organisieren. Wir haben uns eingestellt auf neue Erwartungen und gesellschaftliche Herausforderungen. Zugleich waren wir nicht mehr Kirche der politischen Opposition und haben für manche dadurch an Attraktivität verloren. Der erwartete Mitgliederzuwachs blieb aus, im Gegenteil, wir wurden weniger und werden noch immer weniger und nicht mehr. Drastische Sparmaßnahmen, die bis heute andauern, haben das Erscheinungsbild unserer Kirche verändert und viele Kräfte gebunden. Auch die Vereinigung der Evang. Kirche der Kirchenprovinz Sachsen und der Evangelisch-lutherischen Kirche in Thüringen zur Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland gehört in diesen Zusammenhang. So blieb in diesen Zeiten wenig Energie, die Partnerschaft intensiv fortzuführen. Dass Lund nun nicht mehr das „Tor zur Welt“ war und wir, umgekehrt, nicht mehr die „Kirche hinter dem eisernen Vorhang“ waren, trug ebenfalls zu manchen Ermüdungserscheinungen bei. Wie gut war es, dass Torgny Werger in einem Gespräch vor etlichen Jahren es klar benannte und auf den Punkt brachte: „Entweder machen wir eine anständige Beerdigung dieser Beziehung, oder wir machen etwas aus ihr!“

Wie wir heute sehen, wurde aus der Beerdigung nichts, und darüber bin ich sehr froh. Stattdessen lebt unsere Partnerschaft neu auf, ja, „wir machen etwas aus ihr“! Ein Ergebnis davon ist die Vereinbarung, die wir nun unterzeichnen. Realistisch, um dann neu und selbstkritisch zu prüfen, ist sie zunächst auf vier Jahre begrenzt. Umrissen wird darin, was wir füreinander und miteinander tun können und wollen:

  • Die Kontakte zwischen einzelnen Kirchengemeinden intensivieren, denn Partnerschaft lebt von realer Begegnung.
  • Füreinander beten auf kirchenleitender Ebene und in den Gemeinden. Denn im Gebet sind wir miteinander verbunden.
  • Gemeinsame theologische Arbeit, damit wir uns auf das besinnen, was unsere beiden Kirchen trägt.
  • Und, um dies als Letztes zu nennen, einander Anteil nehmen lassen, wie wir versuchen, uns neuen Herausforderungen zu stellen und glaubhaft Kirche Jesu Christi zu sein. Denn, das haben die Überlegungen der vergangenen Jahre gezeigt, wir sitzen mehr denn je in einem Boot. War es früher das Exotische und Fremde, das eine große Anziehungskraft bewirkt hat, so sind es heute weit mehr die Ähnlichkeiten, die uns im gemeinsamen Suchen und Unterwegssein verbinden.

Und damit möchte ich einen Ausblick in die Zukunft wagen: Im Osten Deutschlands ist es für die meisten Menschen schon lange nicht mehr selbstverständlich, zu einer Kirche zu gehören und sich kirchlich zu engagieren. Doch auch in Schweden nimmt diese Selbstverständlichkeit ab. Wie begegnen wir dieser Anfrage an unseren Auftrag und an unser Selbstverständnis, für alle Menschen da zu sein? Wie versuchen Sie in Lund und wie versuchen wir in Mitteldeutschland, mit dieser Situation umzugehen? Hier möchten wir von Ihnen lernen. Und manche Schritte, die wir gehen, werden für Sie von Interesse sein.

Ein zweites: Welche Möglichkeiten finden wir, gerade Jugendliche zu erreichen, deren Bindung an Kirche oft besonders gering ist? Sie gehen spannende Wege in der Konfirmandenarbeit und auch in der theologischen Reflexion dessen, was Konfirmation heute bedeuten kann. Ein Ordinandenjahrgang von angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern der EKM hat die Diözese Lund zu diesem Thema im vergangenen Jahr besucht. Und kam mit vielen wichtigen Anregungen und Gedanken zurück! Diesen Erfahrungsaustausch möchte ich in Zukunft gern vertiefen.
Und wie gut hat es den Ordinanden – und auch mir! - getan, dass Partner aus Lund bei ihrer Ordination dabei waren!!

Schließlich, ein drittes Beispiel, leben wir in Mittel-deutschland intensiv auf das Reformationsgedenken im Jahr 2017 zu. Uns liegt sehr daran, dieses Jubiläum nicht nur historisch zurückblickend zu feiern. Vielmehr wollen wir ausdrücklich fragen, was die reformatorischen Grundaussagen heute bedeuten. Und: Wie lassen sie sich übersetzen ins 21. Jahrhundert? Wie können wir, die schwedische Kirche und die EKM, heute Kirchen der Reformation sein? Das sind Fragen, die uns ebenfalls verbinden.

Es gibt also genug Stoff, um die Beziehung zwischen unseren Kirchen zu leben und zu gestalten. Nicht wie ein altes, ermüdetes Ehepaar. Vielmehr als dynamische, lebendige Partnerschaft. Möge Gott unsere Bemühungen mit seinem Segen unterstützen. Ich freue mich auf alles, was uns in Zukunft miteinander verbindet und immer wieder zueinanderführt!

Danke für Ihre Aufmerksamkeit!