Grußwort von Oberkirchenrat Christhard Wagner am 10.01.2017

bei der akademischen Gedenkfeier zu Ehren von Prof. Dr. Dr. Klaus Petzold (1937 - 2015)

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Freunde und Verwandte von Klaus Petzold,
liebe Familie Petzold,

gerne habe ich die Anfrage für dieses Grußwort für die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland übernommen, denn uns verband nicht allein eine Zeit gemeinsamer beruflicher Zusammenarbeit, sondern auch geistlicher und inhaltlicher Übereinstimmungen.
Im Vorwort des Büchleins „Evangelische Jugendarbeit mit ökologischem Pfiff“ finden wir das Kirchentagslied „Gott gab uns Atem“ – mit 8 zusätzlich gedichteten Strophen durch Klaus Petzold.

Zwei davon will ich zitieren:

Gott gab uns Jahre, damit wir lernen
,Jugend und Kirche‘ ist nie vorbei.
,Schöpfung und Klima‘ werden geschändet,
ist das für Christen einerlei?

Gott ließ Gemeinschaft unter uns wachsen
Schluss mit den Kreisen nur um sich her!
Offen für Menschen und Mitgeschöpfe
Das ist doch so, so, so viel mehr.

Diese zwei Strophen erinnern mich zuerst an unsere gemeinsame Freude an der evangelischen Jugendarbeit. Das verbindet.
Die Jugendarbeit von Klaus Petzold war erfahrungsorientiert, gemeinschaftsprägend, schöpfungssensibel – und hatte Langzeitwirkung.
Was Anfang der 80’iger Jahre begann, wurde über 25 Jahre fortgesetzt.
Gemeinsam feiern, beten und arbeiten, ehrenamtlich organisiert und finanziell dank des Papiers autark – ein Erfolgsmodell, dass auch angesichts völlig veränderter Rahmenbedingungen immer noch Gültigkeit hat.

In die gleiche Zeit fällt der Beginn der Gedenkstättenpädagogik – auch hier selbstverständlich ein regelmäßiger Praxistest. Auch diese Arbeit wurde ein Dauerbrenner und wanderte bis nach Jena mit.
Nach der Schöpfungsverantwortung beim Papiersammeln war es nun die Frage nach dem rechten Umgang mit der Geschichte, nach Schuld, Verantwortung und sich daraus ergebende Konsequenzen, sei es in der Friedensarbeit oder in der Auseinandersetzung mit dem Neofaschismus.
Auch hier ist sein Ansatz, den ganzen Menschen ins Spiel zu bringen, deutlich.
Nicht umsonst heißt das Buch über diese Arbeit „Das hat mich verändert“.
Es ist die Pädagogik zum Anfassen, die eigens gemachte Erfahrung, die unter die Haut geht, die nachhaltig wirkt, tiefere Schichten der Hoffnung, des Menschenbildes und der geistlichen Erfahrung erreicht und prägt.

Mir sind diese Ansätze als langjährige Jugendpfarrer sehr sympathisch – und ich ahne, wie viele junge Menschen Klaus Petzold mit dieser Arbeit durch sein Leben geprägt hat.

Gleich nach der friedlichen Revolution kam Klaus Petzold zu uns. Zuerst nach Wernigerode, 1992 dann hier an die Fakultät.

Klaus Petzold gehörte mit einer Reihe anderer zu den Pionieren des Religionsunterrichts.
Es ist das Schicksal von Pionieren, in unbekanntem Terrain mit einer Vielzahl von Schwierigkeiten Neues zu erschließen.
Und Herausforderungen gab es reichlich.
Neben dem Aufbau von Ausbildungsstrukturen am PTI und später an der Universität gehörte es zur Aufgabe der Pioniere, Widerstände in Schule und Kirche zu überwinden und für den Religionsunterricht zu werben. Dabei unterscheiden sich die Motive der Abwehr ganz grundsätzlich. War es in der Schule ein stark ausgeprägter atheistischer Reflex, gab es unter kirchlichen Mitarbeitern – auch ich gehörte dazu, die Sorge, dass mit dem Religionsunterricht die gemeindliche Arbeit mit Kindern entscheidend geschwächt wird.

Die Debatte veränderte m.E. beide Seiten und es wuchs die Bereitschaft, beide Arten der Unterweisung zusammen zu denken. Dies ist mancherorts gelungen. Ich wünsche mir noch heute , dass die Möglichkeiten der Zusammenarbeit noch stärker genutzt werden.
Ich kenne auf beiden Seiten Mitarbeiter, die sich das wünschen.
2003 erschien die Untersuchung „Religion und Ethik hoch im Kurs“, erstellt von Klaus Petzold und Michael Wermke.
Sie stellen fest: der Religionsunterricht ist eine Thüringer Erfolgsgeschichte. Diesen Erfolg heftete sich so mancher an seine Weste. Heute denken wir an einen Pionier des Religionsunterrichts, der definitiv maßgeblich Anteil an diesem Erfolg hatte.
Am 07.11. wurde im Collegium maius in Erfurt des 25-jährigen Jubiläums des Religionsunterrichts gedacht – und auch dort war der Tenor: Der Religionsunterricht ist eine Erfolgsgeschichte.
Die Zahlen sind stabil. Der Anteil von nichtchristlichen Schülern steht immer noch bei ca. 30 %. Doch so schwer die Pionierarbeit ist, so anstrengend sind die Mühen der Ebene. Ziele, die ich schon als Bildungsdezernent auf der Agenda hatte, sind nicht erreicht: Ich nehme den konfessionell-koop.-RU, die Schulseelsorger, eine verlässliche kontinuierliche Personalplanung von staatlichen und kirchlichen Lehrkräften.
Immer wieder gibt es Diskussionen um die Lerngruppengrößen, die Zweistündigkeit des RU, die Refinanzierung.
Wie gelingt es, eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Ethik und Religionsunterricht voranzutreiben?
Wie kann der Fehler der Einschränkung von Fächerkombinationen und damit verbunden der Standortnachteil für Jena korrigiert werden? – und ganz aktuell: wie können wir Lehrkräfte, die RU als Drittfach gewählt haben, dies aber nicht ins 2. Examen nehmen konnten, so fortbilden, dass wir sie vozieren können?
Diese aktuellen Herausforderungen sind jedoch Luxus – denn die Pioniere des RU, wie es Klaus Petzold war, haben ein stabiles Fundament in Zeiten gelegt, als überhaupt noch nicht ausgemacht war, ob und wie sich der Religionsunterricht in Sachsen-Anhalt und Thüringen etabliert.
Und so bleibt für mich die dankbare Erinnerung an den Professor mit dem Stoffbeutel und der prägnanten altertümlichen Handschrift, der freundlich, jedoch sehr bestimmt seine Ziele verfolgte und so Segen für viele Menschen gebracht hat.

Im Namen der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, auch im Namen der Landesbischöfin erinnere ich mich mit Ihnen in Dankbarkeit an Klaus Petzold und schließe mit einer weiteren Strophe des Liedes vom Anfang:

Gott gab uns Jahre damit wir sammeln,
Er gab uns Kräfte, dass wir bestehen.
Gott hat uns viele Chancen gegeben,
damit wir ja nicht untergehen.