Impulsreferat von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 28.05.2016

zum Wandelforum beim 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig

1. Wie geht Reform? Erster Versuch: Reform, wie alle es machen
Auslöser: die Ressourcen gehen zurück, entsprechend werden die Strukturen zurückgebaut:
Weniger Mitglieder – weniger Geld – größere Pfarrbereiche. Bei diesem Rückbau bleibt das Bild von Kirche ganz an Staatskirche orientiert: Gemeinde wird vom Amt und Amtsbereich (nichts anderes ist die Parochie) her gedacht. So kommt es im Rückbau zu Fusionen und Regionenbildung – und damit zu gedehnten und überspannten Strukturen.
Der Rückbau geschieht scheibchenweise – wann soll und kann und darf man damit aufhören?
Die Mitarbeitenden – haupt- wie ehrenamtliche – sind erschöpft. Es ist immer mehr Arbeit für immer weniger Menschen. Das Ergebnis ist Stress, Erschöpfung, Demotivation und (Gefahr der) inneren Kündigung.
 

2. Zweiter Versuch: Einen eigenen Weg als Kirche finden
Der Weg der Kirche ist nicht Reform, vielmehr sich neu formen und bilden lassen vom Evangelium her (das meint das reformatorisch formulierte ‚ecclesia semper reformanda’).

Der 1. Schritt auf diesem Weg ist die Buße, die Umkehr. Die erste der 95 Thesen Martin Luthers zu Buße und Ablass gilt auch für die Kirche.
„Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: “Tut Buße“ usw.(Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“
Das bedeutet: Grenzen und Scheitern erkennen und benennen; und im Licht des Evangeliums Freiheit gewinnen vom Bisherigen und von Lasten. Dies habe ich in meine 1. Bischofsbericht zum Thema im Frühjahr 2012 getan: Die Grenze benannt: Wir sind mit dem bisherigen Rückbau an unsere Grenzen gekommen. So kann es nicht weitergehen, ohne dass die Mitarbeitenden strukturell und auf Dauer überfordert werden. (1)

Der 2. Schritt (2) ist die Erinnerung
- an biblische und reformatorische Grundeinsichten („Ihr alle seid durch die Taufe berufen...“)
- an die eigene Geschichte (in diesem Fall an die Berufsbildentwicklung im Bund Evang. Kirchen in der DDR, vgl. im zweiten Bericht vor der Landessynode von 2013 auf S. 20 ff (3)
- von anderen lernen, von den römisch-katholischen Geschwistern (Beispiel: Poitiers, Bistum Hildesheim, Bistum Magdeburg (VOLK-Prozess (Vor Ort lebt Kirche).

Ein 3. Schritt ist die Buße auch im Blick auf das Leitungsverständnis.
Basierend auf der Einsicht, dass es keine Lösung gibt für alle, dass es nur viele Lösungen geben kann, dass Leitung deshalb eher heißt, von diesen vielen verschiedenen Lösungen erzählen und sie miteinander in Austausch und Gespräch bringen und weniger, ein einziges Modell zu favorisieren und vom berühmten grünen Tisch her zu projektieren.
Von Aufbrüchen habe ich im o. g. 2. Bischofsbericht im Frühjahr 2013 erzählt, s. dort.

4. Schritt: das Innovationsklima befördern – Vom Rückbau zum Umbau
Das geschieht bereits mit dem 3. Schritt (von Aufbrüchen erzählen).
Diese beiden Berichte und der erste Gemeindekongress der EKM im Jahr 2012 sowie weitere Überlegungen haben dazu beigetragen, dass die Landessynode ein Projekt Erprobungen angestoßen hat. Darin sollen Gemeinden und Menschen in den Kirchenkreisen ermutigt werden, ihre, auch gerne verrückten und ungewöhnlichen Ideen, in einer Erprobung umzusetzen. Wichtig ist, dass dabei Fehler- und Scheitern-Erfahrungen ausdrücklich erwünscht sind. (4)

5. Schritt: Verändertes Leitungsverständnis – prozessorientiert und offen für nicht planbare Entwicklungen
a) offen sein für Emergenz:
In diesem Wandlungsprozess können wir nicht alles planen oder gar zentral steuern. Denn die Kirche befindet sich in einem komplexen System - innerkirchlich und gesellschaftlich. Durch viele nicht voraussehbare Faktoren bleibt der Weg offen, deshalb sollten auch wir offen sein, wach und wahrnehmend, nicht in alten Mustern verhaftet.
Das Stichwort Emergenz (5) beschreibt einen Wandlungsprozess, der offen ist. Es geht nicht um Wachstum aus Vorhandenem, nicht um Verbesserung. Emergenz kann in einem Prozess auch Stillstand bedeuten, sogar Rückgang. Der Mangel, das Fehlende kann in etwas Verheißenes führen – allerdings jenseits unserer Erfolgsvorstellungen. Z. B. gibt es Gemeinden, die sich ein Sabbatjahr verordnen. Es ist spannend was in dieser Brachzeit passieren kann. Es kann nachhaltiger sein als ein permanenter Gemeindeaktionismus.
Die klassische und unsere ureigenste Emergenzerfahrung ist das Gebet. Beim Beten halten wir uns offen für einen unberechenbaren vom Geist gewirkten Prozess. Für Leitung bedeutet dies dreierlei: zur Umkehr ermutigen und rufen, zur Umkehr aus Selbstbezogenheit und Selbstgenügsamkeit von Kirchengemeinden (6) und: sich öffnen für das, was da ist, aber nicht gesehen wird (an Schätzen und Ressourcen) sowie sich offen halten für das, was geschieht und sich entwickelt.

b) Leitung als Hebammenkunst: neue Visitationsordnung (7)
Luthers Theologie vom Priestertum aller Getauften hat die kirchliche Hierarchie auf den Kopf gestellt. Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist bereits zum Papst, Priester oder Bischof geweiht. Daraus ergibt sich:
- Leitung in der Kirche ist ein kommunikatives Geschehen, geschwisterlich nicht hierarchisch – von Christus ist die geistliche Leiterin geleitet.
- Die neue Visitationsordnung ist von diesem reformatorischen Gedanken des mutuum colloquium et consolatio fratrum sororumque – des wechselseitigen Austausches und Diskurses der Schwestern und Brüder mit dem Ziel und Inhalt der Tröstung – bestimmt, das ist ein wahrer Paradigmenwechsel. Visitation als kommunikatives Geschehen im Geist Christi, ein Austausch auf Augenhöhe, es geht um Wahrnehmung, Wertschätzung und mögliche Perspektiven. Und: Visitation geschieht im Vertrauen: im System liegen diejenigen Kräfte bzw. sie werden geschenkt, die wie Wehen bei der Geburt eines Menschen dazu helfen, dass Neues auf die Welt kommt.

6. Schritt: In Grenzen leben – offene Fragen
Reform läuft nicht glatt, es gibt insbesondere derzeit zwei offene Fragen:
wie laufen Trauerprozesse in Organisationen?
Wie gehen wir mit Ungleichzeitigkeiten (das Alte ist überlebt, das Neue noch nicht ins Leben gebracht) um?




(1) Vgl. EKMD.de

(2) Er ist eng mit dem 1. Schritt verbunden bzw. verflochten.

(3) EKMD.de

(4) Vgl. EKMD.de

(5) Das ist ein Begriff aus der Chaostheorie, vgl. Isabel Hartmann und Reiner Knieling: Gemeinde neu denken, Geistliche Orientierung in wachsender Komplexität, Gütersloh 2014, S. 33 ff.

(6) Die „Initative geöffnete Kirchen“ geht diese geistliche Frage von der praktischen Seite her an, vgl. meinen Bericht vor der Frühjahrssynode 2016 auf EKMD.de

(7) Ebd.