Impulsreferat von Landesbischöfin Ilse Junkermann vom 18.06.2016

Impulsreferat am 18. Juni 2016 bei der Sommertagung des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing „Europa im Krisenmodus. Haben wir noch eine gemeinsame Zukunft?“ von Landesbischöfin Ilse Junkermann, Magdeburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

ganz herzlich danke ich für die freundliche Einladung zu dieser spannenden Tagung!
Nun bringe ich heute Abend noch einmal eine andere Perspektive ein, die vermutlich und zunächst nicht so aktuell erscheint wie die bisherigen Vorträge. Gleichwohl kann es ein guter Anschluss sein an die Frage von heute Nachmittag, was kann den zu einer nachhaltigen Kohäsion in der EU führen, wenn es nicht, wie erhofft und geplant war, der Euro ist, ja, wenn die Einschätzung über die Kohäsionskraft des Euro ‚eine Fehleinschätzung’ war, wie Herr Bielmeier heute sagte.


Lassen Sie mich zunächst etwas weiter ausholen:
Im Jahr 2005 feierte die Stadt Magdeburg ihr 1200jähriges Gründungsjubiläum. Am 7. Mai jenes Jahres verlieh die Kaiser-Otto-Stiftung an der Grablege des großen Ottonen im Dom zu Magdeburg zum ersten Mal den Kaiser-Otto-Preis. Erster Preisträger im Jahr 2005 war Altbundespräsident Dr. Richard von Weizsäcker. Seine Ehrung galt im Besonderen seinem Engagement für den Dialog zwischen den beiden früheren deutschen Staaten und zwischen den Machtblöcken in Europa. Richard von Weizsäcker hatte die deutsche Einheit als Teil eines gesamteuropäischen Prozesses gesehen und mitgestaltet.
Weitere Preisträgerinnen und Preisträger der aller zwei Jahre vergebenen Ehrung waren Prof. Dr. Vaira Vike-Freiberga (1), Wladyslaw Bartoszewski (1922-2015) (2), Dr. Angela Merkel (3), Egon Bahr und im vergangenen Jahr die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa – OSZE“.
Ich erzähle Ihnen dies, weil ich die Linien meines Impulses noch ein wenig weiter ziehen möchte, als es die vorgesehene Themenstellung formuliert: „Europa und der Protestantismus“.

Nun ist der Protestantismus bekanntermaßen noch nicht einmal fünfhundert Jahre alt. Es erscheint mir als Landesbischöfin mit Bischofssitz am Dom zu Magdeburg angemessen, das Thema ‚Europa und der Protestantismus’ einzubetten in den übergreifenden Bezug ‚Europa und das Christentum’, allerdings und selbstverständlich mit einem protestantischen Blick.
Ganz protestantisch beginne ich:
Ich bin getauft und gehöre deshalb zur christlichen Kirche. Als Christin im bischöflichen Amt möchte ich deshalb die Linien unseres Themas wie gesagt ein wenig weiter ziehen und mit Ihnen nachdenken über

I. Europa und das Christentum – beide Phänomene sind von Beginn ihrer Existenz an das Ergebnis hochkomplexer Synthesen mit zuweilen hoch konfliktreicher Geschichte
II. Die besondere protestantische Kraft sowie
III. möchte ich Sie ein wenig locken, über eine Synthese der „Realpolitik“ mit dem „Wunder“ nachzudenken.
 

I. Der Hybrid (5) - Charakter Europas und des Christentums
Der christliche Glaube ist das Ergebnis einer großen Religions- und Völker-Synthese. Schon unsere heilige Schrift ist in ihrem Ur-Text zweisprachig: Das sogenannte Alte Testament ist uns auf Hebräisch überliefert, während uns die Zeugnisse von Jesus Christus im Neuen Testament auf Griechisch ansprechen. Jesus von Nazareth sprach aramäisch, doch überliefert wurden seine Worte und Taten in den vier Evangelien auf Griechisch, ebenso wie die Briefliteratur. Die Fachgelehrten mögen diskutieren über eine aramäische Ur-Fassung z. B. des Matthäus-Evangeliums – doch selbst die ältesten erhaltenen Textfragmente aus dem Anfang des 2. Jahrhunderts nach Christus bieten uns nur einen griechischen Text.
„Im Anfang war das Wort“ heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums; und ich möchte gleich hinzufügen: Im Anfang der christlichen Botschaft war – von ihren allerersten Anfängen an: Die Über-Setzung, der Dia-Log, der Brücken-Schlag zu den Anderen hin, zu den Fremden, zu denen, die nicht „schon immer zu uns“ gehörten; zuerst von den Judenchristen zu den Heidenchristen, dann von Jerusalem und Galiläa nach Kleinasien, von dort nach Europa.
Diese synthetisierende (6) Bewegung war nie eine Einbahnstraße. Durch die Begegnung mit den Anderen wurde auch das je Eigene verändert, umgeformt, neu geschaffen. Und es entstand – bei allen Kehrseiten - etwas ganz Neues, voller Schönheit und Kraft.
Der kirchengeschichtlich wichtigste Apostel des Jesus von Nazareth war Paulus von Tarsus, der früher „Saulus“ geheißen hatte. Auch dies war ein heftiger Bruch in der Kette der vermeintlichen Kontinuitäten ganz im Mutterschoß des neuen Glaubens: Kein Mann der ersten Stunde, sondern ein „Spätberufener“. Ein früherer Gegner und Verfolger, ein socher wurde zum theologischen Vordenker darüber, was durch diesen Jesus eigentlich geschehen war. Und dieser schrieb dann solche wunderbaren Sätze wie im Galaterbrief: „Hier [ in der christlichen Gemeinde] ist nicht mehr Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau, denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“(7) Also Zusammengeführtes, Gemischtes, Hybrides – mit einem Zentrum, einem Zusammenführenden, der eine große Kohäsionskraft hat.

Ich will kein harmonistisches Ideal-Bild vor Ihren Augen zeichnen. Diese Synthesen, diese versöhnten Verschiedenheiten waren heftig umstritten – auch in der frühen christlichen Kirche. Den Einen gingen die Abweichungen von den althergebrachten sozialen Normen und religiösen Traditionen viel zu weit. Andere waren ungeduldig und verstanden nicht, wie man als Anhänger der neuen Lehre noch an den alten Zöpfen hängen kann. Das Neue Testament ist voll von Zeugnissen solcher Auseinandersetzungen um einen stimmigen Weg zwischen Wandel und Kontinuität, zwischen Selbst-Abschließung im Eigenen und Öffnung dem Fremden, dem Neuen gegenüber. (8)
Wichtig in diesen Auseinandersetzungen war und bleibt bis heute, dass man in den Differenzen, die sehr fundamental sein können, miteinander auf dem Weg dieses Jesus Christus blieb.
Wir haben leider die Zeit nicht, jener schöpferischen Synthese-Kraft des Christentums ausführlich nachzugehen, die ihm von seinen Ur-Anfängen her innewohnt. Sehr holzschnittartig möchte ich einige Stichworte für diese Dynamiken nennen, in denen in der Geschichte des Christentums jeweils durch die echte Begegnung bisher einander fremder Elemente auf kreative Weise etwas konstruktiv Neues entstanden ist:
• bei der Einwanderung des christlichen Glaubens in die Herrschafts- und Verwaltungsstrukturen des spätantiken römischen Reiches
• bei der Inanspruchnahme der christlichen Botschaft in der großen karolingischen Reform des 9. Jahrhunderts (9)
• bei der Synthese von Staat und Kirche durch jenen bereits erwähnten großen Europäer Otto I. (seit der Schlacht 955 auf dem Lechfeld bei Augsburg gegen Ungarn der ‚Beschützer der lateinischen Christenheit’) (10)
• bei der Wiederentdeckung des antiken Philosophen Aristoteles und seiner Inanspruchnahme durch die christliche Theologie des Hochmittelalters
• bei der fruchtbaren Begegnung Mönchtum und Humanismus in der reformatorischen Bewegung
• beim spannungsvollen und fruchtbaren Ineinander von religiösem Glauben und kritischem Denken an der europäischen Universität …
• und, um im Blick auf Europa den großen Liberalen Theodor Heuss zu zitieren, auch er sah das Wesen Europas als ein Hybrid, ich zitiere: "Europa ist auf drei Hügeln erbaut – auf der Akropolis von Athen, auf dem Kapitol in Rom und auf Golgotha." Die Akropolis steht für die Demokratie, der Kapitol für Rechtssetzung und Gerichtsbarkeit und Golgatha für Menschlichkeit und Menschenrechte. Was für eine Synthese von ganz unterschiedlichen Orten und Kulturen!

Wir könnten an jedes dieser Phänomene näher herangehen und wir würden dabei immer auch viele harte Auseinandersetzungen, menschliche Torheit auf allen Seiten, Dummheit und Niedertracht entdecken – und wir würden gleichzeitig darüber staunen, wie stets und überall durch die echte Begegnung von bisher einander Fremder schöpferisch Neues entstand und so unsere Welt ein wenig friedlicher und menschlicher wurde …


II. Die besondere protestantische Kraft
Der Protestantismus, und hier meine ich alle reformatorischen Bewegungen seit dem 16. Jahrhundert, setzt für Europa als Hybrid einen besonderen Akzent, er spitzt die Frage Umgang mit Unterschiedlichkeit noch einmal zu. Mit der Einsicht in das Priestertum jedes Getauften und damit mit der eigenen, individuellen Urteilskraft jedes Getauften über die christliche Lehre entsteht ein neues Grundmodell von gesellschaftlicher Kommunikation und Verantwortung. Jeder und jede hat Verantwortung und ist darin an sein Gewissen gebunden. So können unterschiedliche Überzeugungen entstehen. Diese Unterschiedlichkeit kann man mit Gewalt und Krieg zu bewältigen suchen oder mit friedlichen Mitteln Kompromisse aushandeln oder friedlich-schiedlich getrennte Wege gehen (-das ist das Abraham-Lot-Konfliktlösungsmodell, wie es z. B. im Augsburger Religionsfrieden zum Tragen kam) oder man kommt zu einem Diskursmodell, das sich auf Mehrheitsentscheidungen verständigt und dabei der echten Toleranz eine gewichtige Rolle gibt: Das ist das Modell der versöhnten Verschiedenheit. Das ist eine Herkunftslinie, eine der Kraftquellen der Demokratie: das Modell der Homogenität grundsätzlich in Frage zu stellen, vielmehr Heterogenität von Grund auf und ohne jede Einschränkung zu bejahen.
Bis die protestantischen Kirchen in Europa dafür ein lebens- und menschenfreundliches Modell entwickelt haben, hat es mehrere Jahrhunderte gedauert. Schließlich haben sie – nach vielen gewaltsamen und leidvollen Auseinandersetzungen – ein Modell gefunden, das in der Leuenberger Konkordie 1973 mit den beiden Worten „versöhnte Verschiedenheit“ zusammengefasst werden kann. Darin kommt die Grundüberzeugung zum Ausdruck: das Evangelium stiftet Gemeinschaft, auch über Lehrdifferenzen hinweg (LK 27), ggf. (LK 28 und 29 lesen). Diese Konkordie ist die Grundlage für die Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), in der über 100 lutherische, methodistische, reformierte und unierte Kirchen aus ganz Europa sich zusammengeschlossen haben. Ihr Generalsekretär, Prof. Dr. Michael Bünker, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, ist überzeugt – und dafür arbeiten wir alle in der GEKE: „Die evangelischen Kirchen leisten einen Beitrag zum Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften, sie lehren den Respekt und die Achtung von Glaubensüberzeugungen anderer und treten für die Menschenrechte ein.“ So will und wirkt die GEKE, wirken wir als Kirchen in Europa, mit ihren, mit unseren Mitteln und Möglichkeiten am Aufbau einer europäischen Zivilgesellschaft mit, mit dem Modell, mit der eigenen Praxis der versöhnten Verschiedenheit und einer entsprechenden Gesprächs- und Diskurskultur.
Nun habe ich die eine Linie des Protestantismus – Ja zu Heterogenität – schon weit ausgezogen ins 20. und 21. Jahrhundert. Lassen Sie mich nun noch einmal auf weitere Grundeinsichten des Protestantismus zurückkommen.

Mit der Überzeugung, dass jeder Getaufte zum Priester berufen ist, also unmittelbaren Zugang zu Gott hat, der keiner Vermittlung eines irgendwie gearteten ‚Würdigeren’ bedarf, ist ein Zweites verbunden: Im unmittelbaren Gegenüber zu Gott hat jeder Mensch seine eigene, unverletzliche Würde und ist einzigartig, ein Individuum. Um diese Individualität auszubilden, und auch, darauf komme ich gleich, um Verantwortung übernehmen zu können, dafür braucht es Bildung – für jede und jeden. Zum Protestantismus gehört Bildung, um zu einer eigenen Meinungsbildung zu kommen und nicht falschen Parolen hinterher zu laufen. Wie aktuell!

Ein weiteres: In der Re-Lektüre des Evangeliums kommt Martin Luther zu der Überzeugung: jeder Mensch ist von der Sorge um das künftige, um sein Heil und Wohlergehen im Jenseits befreit, um der Sorge Christi willen, aus reiner Gnade und Liebe Gottes; so befreit und deshalb kann sich jeder Mensch ganz um das diesseitige Leben im Horizont der Gebote Gottes und seines bereits angebrochenen Reiches kümmern. Befreit von der Sorge um die eigene Gerechtigkeit, darin wurzelt die Freiheit eines Christenmenschen; und: diese Freiheit vor Gott und von Gott her macht zugleich frei von allen anderen Bindungen und ruft so in Verantwortung, in Verantwortung für Gerechtigkeit und Frieden im Gemeinwesen. Ganz kurz gefasst: Der Tetzelkasten wird vom Armenkasten abgelöst, die Frage nach dem eigenen Heil von der Sorge für soziale Gerechtigkeit. Diese hat nun wirklich eine sehr große Kohäsionskraft für eine Gesellschaft!
Aus diesen protestantischen Grundeinsichten über den Menschen, sein Verhältnis zu Gott und zu seinen Mitmenschen sind weitere grundlegende europäische Werte gewachsen:
Da jeder frei ist und Verantwortung hat – ist auch jede und jeder aufgerufen zur Mitverantwortung im Gemeinwesen, zu Verantwortung über das eigene persönliche Wohlergehen hinaus; Individualität ist der Sozialität verpflichtet. Dabei bleibt – im Grundsatz, lange Zeit nicht in der Praxis! - der protestantische Blick auf die Welt nüchtern. Das Reich dieser Welt ist noch nicht Gottes Reich. Die beiden Reiche und Regimenter sind zu unterscheiden. Die Menschen bleiben menschlich, mit Grenzen und Willen zum Guten wie zum Bösen. Weder soll der Staat religiös überhöht noch die Religion in Politik aufgehen oder die Kirche staatliche Gewalt sich anmaßen.
Verantwortung für die öffentliche Ordnung haben die von Gott dafür Eingesetzten. Deshalb beten wir in der Kirche regelmäßig für die politisch Verantwortlichen. Und wir sehen darauf, dass unser Staat oder Europa sich nicht selbst religiös überhöht, absolut setzt.

So sind die grundlegenden Werte und Überzeugungen Europas (nicht nur, aber) auch aus diesen protestantischen Einsichten gespeist:
• Gewaltenteilung und Rechtsstaatlichkeit aus der Einsicht in die menschliche Fehlbarkeit (das Kapitol) (Freiheit und Verantwortung gehören zusammen)
• Demokratie aus der Überzeugung, dass alle Verantwortung tragen (die Akropolis) (die Kraft und die Mühe des Diskurses)
• Menschenrechte aus der Überzeugung der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen (Golgatha) (Soziale Gerechtigkeit / Freiheit und Verantwortung).

Gerade weil wir als Christen die öffentlichen, die staatlichen Räume weltlich und nüchtern sehen – sehen wir sie als Raum für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Europa braucht, wie alle Welt, braucht auch Europa das Evangelium – als Botschaft und Kraft der Versöhnung, als Kraft des Humanen.

Gestatten Sie mir, an dieser Stelle Papst Franziskus zu zitieren, der in seiner Dankesrede für die Verleihung des diesjährigen Karlspreises der Stadt Aachen für den „Traum von einem neuen europäischen Humanismus[!]“ geworben hat. Indem er dies tut, agiert er 1. selbst inspiriert von jener großen Synthese-Kraft der christlichen Theologie und spricht er 2. auch Europa jene Synthese-Kraft zu, die tief in seiner Geschichte wurzelt.
Ich zitiere:
„Die Wurzeln unserer Völker, die Wurzeln Europas festigten sich im Laufe seiner Geschichte. Dabei lernte es, die verschiedensten Kulturen, ohne sichtliche Verbindung untereinander, in immer neuen Synthesen zu integrieren. Die europäische Identität ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität. … Das Gesicht Europas unterscheidet sich nämlich nicht dadurch, dass es sich anderen widersetzt, sondern dass es die Züge verschiedener Kulturen eingeprägt trägt und die Schönheit, die aus der Überwindung der Beziehungslosigkeit kommt. … Wir sind aufgefordert, eine Kultur des Dialogs zu fördern, indem wir mit allen Mitteln Instanzen zu eröffnen suchen, damit dieser Dialog möglich wird und uns gestattet, das soziale Gefüge neu aufzubauen. Die Kultur des Dialogs impliziert einen echten Lernprozess sowie eine Askese, die uns hilft, den Anderen als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen, und die uns erlaubt, den Fremden, den Migranten, den Angehörigen einer anderen Kultur als Subjekt zu betrachten, dem man als anerkanntem und geschätztem Gegenüber zuhört. … Ich träume von einem neuen europäischen Humanismus: >Es bedarf eines ständigen Weges der Humanisierung<, und dazu braucht es >Gedächtnis, Mut und eine gesunde Zukunftsvision.< … Ich träume von einem Europa, von dem man nicht sagen kann, dass sein Einsatz für die Menschenrechte an letzter Stelle seiner Visionen stand.“ (11)

Ich komme zu meinem dritten und letzten Punkt, bei dem ich Sie zu einer ganz besonderen Synthese verlocken möchte, der Synthese nämlich zwischen der Erwartung des Wunders einerseits und der sogenannten „Realpolitik“ andererseits.


III. Die Synthese von Wunder und Realpolitik
Mehrere Wunder in der Realpolitik habe ich in meiner Einleitung schon erwähnt und ich wundere mich regelmäßig darüber, dass uns diese Wunder als Wunder nicht viel deutlicher vor Augen stehen und uns in unserer schwierigen Gegenwart nicht viel stärker uns Mut und Zuversicht stärken!
Wer hätte – realpolitisch betrachtet – vor 30 Jahren damit gerechnet, dass zu Beginn des 3. nachchristlichen Jahrtausends im Dom zu Magdeburg einmal ein Altbundespräsident, eine lettische Staatspräsidentin, ein ehemaliger polnischer Außenminister, eine ostdeutsche Pfarrerstochter, der Vordenker westlicher Entspannungspolitik und die Nachfolge-Organisation der KSZE einen „Kaiser-Otto-Preis“ entgegennehmen werden, welcher an Personen und Institutionen verliehen wird, ich zitiere von der Homepage der Stadt Magdeburg: „ … die sich um den europäischen Einigungsprozess besonders im Hinblick auf die ost- und südosteuropäischen Staaten und die Förderung des europäischen Gedankens verdient gemacht haben.“

Was alles gegen das europäische Projekt spricht, wird in diesen Tagen und Wochen ausführlich analysiert und kommentiert und bangen Blickes schauen wir auf den 23. Juni und das britische Referendum über Verbleib oder Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.
Der Flyer zu dieser Tagung zählt weitere zentrale Krisenherde auf. Allein realpolitisch betrachtet, könnte mir als überzeugter Europäerin schon der Mut schwinden …
Doch was ist wirklich „real“?
Von David Ben-Gurion, dem ersten Ministerpräsidenten Israels wird eine wunderbare Sentenz überliefert, in welcher das Wunder und die Realpolitik eine paradoxe Synthese eingehen:
„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“

Zwei Dinge sind mir an dieser Stelle wichtig:
1. Es ist völlig klar: „Europa steckt nicht in einer, sondern gleich in mehreren Krisen, der >Poly-Krise<. So nennt [Kommissionspräsident Jean-Claude] Juncker die explosive Mischung, die aus verschleppten Reformen, überbordenden Schulden, historischen Migrations-Bewegungen und erschreckenden Terrorrisiken besteht – und Europa in Bedrängnis bringt.“ (12) Ich wage dabei die These, dass die zu starke Engführung auf den gemeinsamen Wirtschaftsraum dazu führt, dass Europa die drei genannten Hügel verlässt! Mit CETA und TTIP werden sowohl das Kapitol (wenn Schiedsgerichte an Stelle von öffentlichen Gerichten urteilen) als auch der Aeropag (Geheimverhandlungen am Parlament bzw. an den Parlamenten vorbei) gefährdet und Golgatha (die Verpflichtung auf die Menschenrechte) mit dem Türkei-Deal.
Die größte Krise ist dabei, so bin ich überzeugt, das sich Abschotten gegen Menschen in Not mithilfe von Mauern und Zäunen und damit verbunden das Relativieren wesentlicher und Europa verbindender Werte, der Menschenrechte, der Genfer Flüchtlingskonvention.
Der Mangel an Empathie und Mitmenschlichkeit, für den die Zäune und Mauern um Europa Sinnbild und Symbol sind, wirkt nicht nur nach außen abschreckend – er wird auch massiv nach innen wirken und die Menschen innerhalb Europas sich ebenfalls heimatlos fühlen lassen, so fürchte ich.
Wo schlägt das Herz Europas? Wie sehr von den drei Hügeln her, wie sehr von der Nützlichkeit des Bündnisses für die einzelnen Beteiligten her?

Eine schwere Krise. Der Realitätssinn gebietet es, diese „Poly-Krise“ so nüchtern wie möglich wahrzunehmen.
Doch es gibt 2. einen Punkt, an dem meiner Ansicht nach diese gebotene nüchterne Wahrnehmung in eine Krisen-Selbstfixierung und destruktive Selbst-Suggestion umschlägt, die ihrerseits jedes Realitätssinnes entbehrt.
Historische Beispiele habe ich schon angedeutet, bei denen die Kategorien „Wunder“ und „Realpolitik“ kräftig durcheinander gerieten in den letzten 70 Jahren der europäischen Geschichte.
Lassen Sie uns bitte erhoffen, darum beten und alles dafür tun, dass die gegenwärtige schwere Krise Europas das werden kann, was eine jede Krise immer auch ist: Eine „schwierige Situation“, die laut Duden „den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung darstellt“ und in der die gemeinsame synthese-freudige Identität Europas gestärkt und gekräftigt wird.
Lassen wir bitte einen Moment lang „das Wunder“ und die „Realpolitik“ eine Synthese eingehen und uns Folgendes vorstellen:
• Die Staaten der Europäischen Union einigen sich auf ein gemeinsames politisches Handeln gemäß der Genfer Flüchtlingskonvention und bieten allen, deren Leib und Leben bedroht ist, ein menschenwürdiges Asyl. Zeitgleich verständigen sie sich auf ein europäisches Einwanderungsgesetz.
• Politiker/innen aller demokratischen Parteien erklären ihren Wähler/innen streitlustig und meinungsstark den Sinn und die Gründe für diese historische Anstrengung, in der Überzeugung, darin kommt Europas Herzschlag, Europas tragende Vision zum Ausdruck.
• Die politischen Mehrheiten in den einzelnen Mitgliedsstaaten für diesen Kurs entstehen innerhalb einer echten Debatte in den jeweiligen Ländern. In einer Debatte wie hier in der Akademie.
• Die deutsche Regierung vermeidet es, anderen Europäern Belehrungen von oben herab angedeihen zu lassen.
• Die Herausforderungen dieser zweifelsohne großen gemeinsamen Anstrengung werden fair, transparent und solidarisch zwischen allen Mitglieds-Staaten der EU geteilt.
• Jede und jeder behandelt den Anderen, die Andere als Subjekt und mit einer unverlierbaren Würde – und daraufhin erlebt jede und jeder beglückt, dass er oder sie auch selbst so von den Anderen wahrgenommen und behandelt wird!

Was würde geschehen, wenn dieses geschieht?! Ich bin ganz positiv gespannt. Ich bin zuversichtlich und neugierig – ich setze auf das Wunder, weil ich Realistin bin.
Ohne den langen Atem des visionären Realismus z. B. einer KSZE hätte ich z. B. als Hohenloherin niemals die Aufgabe der Landesbischöfin in Magdeburg übernehmen können. Ja, es ist für mich regelmäßig ein Grund zum Wundern, wenn ich über die ehemalige innerdeutsche Grenze fahre, wenn ich täglich aus meinem Fenster hinüber zum Dom St. Mauritius und Katharina schaue.

Der visionäre Realismus, den ich meine und zu dem ich Sie verlocken möchte, ist keine Schwärmerei.
Allerdings: Es wäre wie immer in der langen und wechselvollen Geschichte Europas und des Christentums: Auch bei dieser Synthese gäbe es viele harte Auseinandersetzungen, menschliche Torheit auf allen Seiten, Dummheit und Niedertracht. Die Abgrenzungs-Fanatiker aller Coleur würden natürlich versuchen, dieses Friedens- und Menschlichkeitsprojekt zu torpedieren. Doch was sollte die Alternative zur Menschlichkeit sein?!

„Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“
Und wer an Wunder glaubt, hat hart zu arbeiten

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


(1) Geb. 1937, 1999 bis 2007 Präsidentin der Republik Lettland.

(2) In Warschau geboren. Während des Zweiten Weltkrieges schloss er sich dem Widerstand gegen Deutschland an. Im September 1940 wurde er ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt. 1944 nahm er am Warschauer Aufstand teil. Von 1973 bis 1985 war Bartoszewski Professor für Geschichte an der humanistischen Fakultät der Katholischen Universität in Lublin. Politisch engagierte sich Bartoszewski in der Gewerkschaft Solidarnosc. Von 1990 bis 1995 war er polnischer Botschafter in Wien und von Juni 2000 bis September 2001 Außenminister Polens. 2007 wurde er Staatssekretär in der Kanzlei von Premierminister Tusk und dessen Beauftragter für Außenpolitik. Wladyslaw Bartoszewski engagiert sich im besonderen Maße für die polnisch-deutsche wie für die jüdisch-christliche Versöhnung.

(3) Die Bundeskanzlerin erhielt den Preis 2011.

(4) Von 1972 bis 1974 war Egon Bahr Bundesminister für besondere Aufgaben und von 1974 bis 1976 Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auch in diesen Funktionen hat er sich - ganz im Sinne des Statutes zum Kaiser-Otto-Preis - "in herausragender Weise um die Verständigung unter den europäischen Völkern verdient gemacht". "Wandel durch Annäherung" - Idee und Konzept zu einer Öffnung der Bundesrepublik in Richtung Osteuropa, zu einer Intensivierung der Zusammenarbeit insbesondere zwischen den beiden deutschen Staaten stammten von ihm. Bahr verstarb im August 2015 im Alter vor 93 Jahren.

(5) Als Hybrid versteht man Gebündeltes, Gekreuztes oder Gemischtes.

(6) Als ‚zusammenführend’, ‚verknüpfend’ verstanden, eher wie in der Chemie, weniger wie in der Philosophie (in der Dialektik).

(7) Gal 3, 28.

(8) Vgl. z. B. den gesamten Galaterbrief als ein Ringen um die Frage, ob jemand zur Gemeinde des Neuen Bundes gehören könne, ohne beschnitten zu sein oder das Apostelkonzil (Acta 15) mit seinem Versuch, die verschiedenen Strömungen der Jesus-Bewegung beieinander zu halten.

(9) Reform des Landeskirchenwesens durch Reichskonzilien, Einrichtung von Bistümern (gg Abgaben), röm. Gesetzessammlung, einheitliche Liturgie, Seelsorge u Predigt verpflichtend in der Volkssprache, Förderung des Mönchtums; Ziel von Karl d Großen: die Heidenmission als Pflicht eines christlichen Kaisers, um ein Heiliges Römisches Reich zu schaffen, ein Europa unter dem Zeichen des Kreuzes; so bekommt die Kirche wirtschaftliche und militärische Macht, allerdings vergibt der Kaiser die kirchlichen Ämter (an loyale Familienmitglieder)

(10) 929 m Editha v Wessex, Schwester des angelsächsischen Königs, 951 m Adelheid von Burgund, Herrscher über Oberitalien, 2.2.962 vom Papst in Rom zum Kaiser gekrönt, zwei Jahre später setzt Otto I. den Papst ab.

(11) L‘ Osservatore Romano Nr. 19 vom 13. Mai 2016, 7f. Das Zitat im Zitat stammt ebenfalls vom Papst Franziskus aus seiner Ansprache an den Europarat, gehalten in Straßburg am 25. 11. 2014.

(12) Eric Bonse, In der Defensive. Wie ein Korrespondent die europäischen Institutionen erlebt, in: Zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft 5 / 2016, 22.