23.05.2019
Vortrag von Dr. Friederike Spengler beim Festakt zu 70 Jahre Grundgesetz in der Stadtkirche Jena

"Die Würde des Menschen aus der Perspektive einer evangelischen Theologin"

Sehr geehrte Damen und Herren, Schwestern und Brüder,

Gesetze werden nicht im luftleeren Raum formuliert und Grundsätze nicht ohne konkreten Anlass. Diese Beobachtung zieht sich auch durch die Aspekte zum Thema „Menschenwürde“ hindurch, die ich heute hier einbringen möchte: Gedanken einer christlichen Theologin. Bereits das erste Buch der Heiligen Schrift, das wir als Schatz des Judentums unser „Erstes“ – landläufig „Altes“ – Testament nennen, kennt die Frage nach der Begründung für die besondere Stellung des Menschen. Sie wird mit dem Verweis auf die Schöpfungsgeschichte beantwortet. Gleich nach den zwei wunderbaren, ganz verschieden ausgerichteten Erzählungen vom planvollen Werden der Erde und allem, was zu dieser gehört, direkt nach der besten aller denkbaren Ausgangssituationen für das Leben – in paradiesischen Zuständen und mit Gott auf Du und Du – geschieht ein Mord! Als ob der Mensch nichts Eiligeres zu tun hätte als dies, gleich nach Bewusstwerdung seiner Möglichkeiten und des Auftrages, sich die Schöpfung vertraut zu machen: Einer erhebt gegen den Anderen die Hand und tötet. Und das vorsätzlich und aus niederen Beweggründen: kein Totschlag also, sondern Mord - Kain, der Bauer, erschlägt seinen Bruder Abel, den Viehhirten. Diese Szene wird kommentiert: Während geschildert wird, wie Gott das Opfer des einen annimmt und das des anderen nicht, ist Gott im Gespräch mit dem potenziellen Mörder. Lesen wir die Geschichte im 1. Buch Mose, Genesis, im 4. Kapitel heute, kann man den Versuch einer Art Konfliktlösung entdecken: Gott spricht den wutentbrannten Kain an „Warum senkt sich dein Antlitz“. Stellen Sie sich bitte bildlich vor, wie das aussieht: wenn sich das Antlitz Ihres Gegenübers senkt. Pures Kopfkino… Gott macht Kain darauf aufmerksam, dass es ihm in diesem Augenblick noch möglich sei, sich frei für oder gegen schuldhaftes Verhalten zu entscheiden. Der Mensch als Geschöpf der Freiheit, von Anbeginn an! Gott widersteht dem Versuch, diesen ersten Mord der Menschheitsgeschichte mit dem Entzug der Freiheit zu beantworten, und macht alle, die diese Geschichte über die Jahrhunderte hinweg gehört und gelesen haben, aufmerksam: Die besondere Stellung des Menschen unter den Lebewesen ist die eine Seite der Medaille, die andere ist Verantwortung, die aus Freiheit erwächst. „Wo ist dein Bruder Abel?“, fragt Gott den Kain. Und Frage und  Antwort dürfen, nein müssen uns bis heute unter die Haut gehen: „Was weiß ich? Soll ich der Hüter meines Bruders sein?“ Wer über die Würde des Menschen nachdenkt, wird stets von sich auf den Anderen verwiesen. Keine Würde für den Einen ohne die Würde für den Anderen, und zwar für jeden Anderen! Das macht die Bibel in unnachahmlicher Weise von Anfang an klar…

Fünf Kapitel weiter, ein generelles Tötungsverbot gegenüber Menschen. Beide Stellen berufen sich in ihrer Begründung auf die Sonderstellung des Menschen in der Schöpfung. Ob das Kraut, das Gras oder die Bäume – Gott macht sie „nach ihrer Art“. Ob Wassertiere oder Vögel, „alles nach ihrer Art“, ob Tier, Gewürm oder Feldtiere, „alles nach ihrer Art“. Den Menschen aber schafft Gott in SEINER Art – sich als Gegenüber. Die Theologie nennt das Gottebenbildlichkeit und bezieht sich auf die jüngere der beiden Schöpfungserzählungen, in der es heißt: (wörtlich) „Und Gott sprach: Wir wollen Menschen machen in unserm Bilde, nach unsrer Ähnlichkeit, (…) und Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, im Bilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich schuf er sie“. Die allgemeine Aussage über die Ebenbildlichkeit des Menschen gegenüber Gott gilt den Menschen als Mensch, also dem Wesen nach. Mit der Geschichte vom Brudermord an Abel gilt sie dem Individuum. Die Darstellung, wie Gott Kain überführt, indem er ihm schildert, wie das Blut seines Bruders zu ihm schreit, ist in seiner Unmittelbarkeit kaum zu überbieten. Wann hören wir heute das Blut unserer Schwestern und Brüder schreien? Und, hören wir noch die Frage an uns: Wo ist dein Bruder, wo ist deine Schwester?

Und dann ein weiterer, dringender Hinweis auf die Würde des Menschen, der mit dieser Erzählung aufgezeigt ist: Gott fragt, hinterfragt den Menschen und fordert Antwort! Als sich Kain achselzuckend aus seiner Verantwortung stehlen will, bohrt Gott weiter: „Da sprach Gott: Was hast du getan? (…) Und nun, verflucht seist du, von dem Erdboden hinweg, der seinen Mund aufgetan, aufzunehmen das Blut deines Bruders von deiner Hand.“ Gott setzt die Grenze, grenzt das Böse ein, sanktioniert das Tun des Menschen durch Strafe. Als Kain seine Schuld gesteht, die Strafe aber in ihrer Gänze nicht ertragen kann (er argumentiert mit dem, was später als „vogelfrei“ bezeichnet wird und den so Rechtlosen der Willkür Dritter ausliefert), lässt sich Gott bitten. Er bezeichnet Kain mit einem Schutzzeichen. So muss er zwar die Folgen seiner Tat – im Sinne der Strafverbüßung – tragen, kann aber nicht seiner Würde beraubt werden. Dieses Entgegenkommen Gottes macht aus dem Täter keinen Rechtlosen, keinen Unwürdigen, sondern einen Menschen, der mit den Konsequenzen seiner Tat leben muss. Mit dieser Erzählung beginnt die Geschichte der Verantwortung außerhalb des Paradieses! Der Zusammenhang zwischen Antwort und Verantwortung ist kein Wortspiel, sondern konstitutiv. Ver-antwortung ist ein relationales Geschehen. Biblisch das zwischen Gott und Mensch. Ja, Gott krönt den Menschen mit Freiheit. Aber, keine Freiheit ohne Verantwortung. Keine Verantwortung ohne Freiheit.

Jesus führt diese im Judentum gelebte Bestimmung des Menschen als Ebenbild Gottes weiter, indem er sie lebt. Er begegnet sowohl Freunden als auch Feinden würde-voll. Er erteilt denen Nachhilfe in Sachen Menschenwürde, die sich ausgerechnet bei ihm Absolution für menschenverachtendes Verhalten holen wollen. (Man denke an die Steinigung einer Frau, die beim Ehebruch entdeckt wurde.) Ja, Jesus erteilt bereits der Infragestellung der Würde eines Menschen eine Absage „Herr, wer hat denn gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes an ihm offenbar werden“ (Joh 9,2f.) Von Jesus selbst kann man sagen, dass er seine Würde bis zum entwürdigenden Tod aufs Spiel setzte, damit der Mensch in seiner Würde vor Gottes Augen Bestand hat. Damit wird christologisch noch einmal auf die Spitze getrieben, was bereits von der Ebenbildlichkeit des geschaffenen Menschen gesagt wurde: Keiner kann einem Menschen seine Würde geben, keiner kann sie ihm nehmen. Christus, nicht geschaffen, Mensch und Gott in einer Person, tat dies, um auch die Abgründe menschlicher Natur mit der von Gott verliehenen Würde zu versöhnen.

Für mich ist aus der Perspektive christlicher Theologie der Grundsatz der Würde des Menschen in der Verfassung nicht ohne den Gottesbezug in deren Präambel zu denken. Denn der Staat kann die proklamierte Würde dem Menschen nicht verleihen, sie „sie tragen vorstaatlicher Charakter“ (so auch Huber, TRE 22, 583). Im Zusammenhang mit dem Gottesbezug nun, weist Artikel 1 über sich selbst hinaus. „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“ spricht genau die relationale Verfasstheit von Verantwortung aus, die die Würde des Menschen außerhalb seiner selbst verankert. Das Grundgesetz statuiert die Menschenwürde als unverhandelbare Voraussetzung, deren Schutz und Achtung Aufgabe des Staates ist. Das Gesetz definiert dabei nicht, was „Würde“ ist.

Die christliche Theologie kann ihre Perspektive in die Suche nach inhaltlicher Füllung, nach ständig zu überprüfender Interpretation zur Verfügung stellen. Sie reichert damit den Diskurs an. Sie argumentiert: „Was dir von außen gegeben, zugesprochen ist, kann dir keiner nehmen. Nicht einmal du selbst. Menschen können deine Würde mit Füßen treten, dich entwürdigend behandeln, deine Würde ignorieren, aber sie können sie dir niemals nehmen. Du selbst kannst dir deine Würde beschädigen, dich entwürdigt fühlen oder dich auch selbst würdelos verhalten, aber du bist und bleibst der Mensch, dessen Würde als gegeben angesehen wird.“ Diese zugesprochene Würde als Wesenswürde ermöglicht die Gestaltung der Würde eines jeden Menschen: Als Handeln in Freiheit, die die Freiheit des Anderen achtet.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,  um die zeitgemäße Ausgestaltung der Menschenwürde muss stets neu gerungen werden. Wir haben Sie nie für immer und alle Zeiten. Vielmehr sei im Anklang an die aktuelle Jahreslosung der Kirche formuliert: „Suche die Menschenwürde und jage ihr nach!“

 

 

 

 

 

 


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