Brief aus Halle

Von den Synodalen der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche an die Gemeinden beider Kirchen am 5. Juli 2003

Die erste Gemeinsame Tagung der Synoden der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche ist am 5. Juli 2003 zu Ende gegangen. Zwei Tage lang haben die 150 Abgeordneten der beiden Kirchenparlamente über die für 2004 geplante Kirchen-Föderation diskutiert.

Der "Brief aus Halle"
Von den Synodalen der Kirchenprovinz Sachsen und der Thüringer Landeskirche an die Gemeinden beider Kirchen am 5. Juli 2003

Liebe Schwestern und Brüder,

Bischöfe auf dem Tandemfür uns Synodale steht nach der ersten Gemeinsamen Tagung unserer Synoden die Föderation unserer Kirchen nicht mehr nur als Überlegung auf dem Papier. Sie hat jetzt Namen und Gesichter. Über 200 Menschen waren dabei. Wir haben uns kennengelernt. Viel miteinander geredet. Viel einander zugehört. Nur so wird die Diskussion um das Zusammenwachsen der Kirchen konkret.
Die Herbsttagungen unserer beiden Synoden werden sich damit befassen. Und dann wird fortgesetzt, was wir in Halle begonnen und geübt haben – eine breite Diskussion in den Gemeinden und Kreissynoden.

Das Vertragswerk allein macht die Föderation noch nicht zu einer gemeinsamen Kirche. Dafür braucht es die Köpfe, Hände und Herzen der Frauen, Männer, Kinder und Jugendlichen in unseren Gemeinden. Kirche muss gelebt werden – aber nicht zum Selbstzweck. Darum das Motto der Gemeinsamen Tagung: "Wir geh‘n zusammen – Evangelische Kirchen für Mitteldeutschland". In Halle haben wir uns an die Ressourcen für unseren biblischen Auftrag erinnert.

 

WIR –

Wir, das sind Frauen und Männer aus den Kirchengemeinden zwischen Salzwedel und Meiningen, Heiligenstadt und Lauchhammer. Wir sind – rein zahlenmäßig betrachtet - kleinere Landeskirchen, besitzen aber eine große Geschichte. Aus Erfurt und Eisenach, Eisleben und Wittenberg strahlte das Schaffen Martin Luthers in alle Welt aus.

Gemeinsam ist uns die Erfahrung des Christsein in der DDR. Wir haben erlebt...

  • wie christlicher Glaube auch gesellschaftliche Strukturen durchwirken und verändern kann,
  • wie die Menschen insbesondere im Herbst 1989 mit ihrer Sehnsucht in die Kirchen gekommen sind und sich hier verständigt und gegenseitig ermutigt haben,
  • wie angesichts einer sich schnell wandelnden Gesellschaft die notwendigen strukturellen Veränderungen in den Kirchen bewältigt werden können.

 

GEH‘N –

Wir wollen die Föderation unserer Kirchen nicht auf die lange Bank schieben. Deshalb sind wir nach Halle aufgebrochen. Die Föderation hilft uns, nicht nur um uns selbst zu kreisen. So lernen wir, die eigene kirchliche Selbstbezogenheit zu durchbrechen. Unsere Mitte bleibt in jedem Fall die Botschaft von Jesus Christus.

Für die Kirchen-Föderation ist uns wichtig...

  • dass Gottesdienst die Mitte unseres kirchlichen Lebens ist und bleibt,
  • dass Gemeinden aus den unterschiedlichsten Regionen einer mitteldeutschen Kirche aufeinander zugehen und sich kennenlernen,
  • dass wir eine Mitteldeutsche Kirche werden - mit ganz unterschiedlichen regionalen Prägungen,
  • dass unterschiedliche Interessen in einem fairen Miteinander verhandelt und interne Machtkämpfe vermieden werden,
  • dass die Entscheidungsprozesse transparent gemacht werden und Probleme "nicht unter den Teppich gekehrt" werden,
  • dass die Kompetenz der Ehrenamtlichen in unseren Kirchen gestärkt wird
  • dass Kirche und Diakonie, auch wenn sie bei der Zusammenarbeit unterschiedliche Wege gehen, zusammenbleiben,
  • dass Einsparungen nicht mit einem Motivitationsverlust verbunden sind,
  • dass die Eigenverantwortung der Kirchgemeinden gefördert wird.

 

ZUSAMMEN –

Wir wollen das Miteinander von Gemeinden, Gruppen und Einzelnen auf allen kirchlichen Ebenen stärken. Das braucht Phantasie, Ideen, auch Mut. Und mitunter wird es anstrengend. Wir kennen das aus jeder Partnerschaft. Aber wir erhoffen uns eine stärkere Ausstrahlung im Sinne des Christuswortes: "Dass sie alle eins seien, damit die Welt glaube (Joh. 17,21)".

Es gilt, die Potenziale der Zusammenarbeit unserer Kirchen zu entdecken und zu nutzen. Gemeinsam sind wir stärker,...

  • weil wir Probleme mit doppelter Kraft angehen können,
  • weil wir voneinander und miteinander lernen können,
  • weil wir finanzielle und personelle Ressourcen zusammenlegen und optimaler einsetzen können.

 

EVANGELISCHE KIRCHEN FÜR MITTELDEUTSCHLAND -

Arbeitslosenstatistiken, Bildungskonzepte, Regionalentwicklung... die Lebensbedingungen der Menschen in Mitteldeutschland haben in unseren Diskussionen eine große Rolle gespielt. Es ist unsere Aufgabe, uns für diese Menschen mit der Kraft Jesu zu engagieren (Mt 28, 19f.). Wir wollen, dass unser Glaube den Alltag durchdringt und gestalten hilft.

Wir wollen uns als Kirche öffentlich mit deutlicher Stimme in die Gesellschaft einmischen,...

  • damit die Kategorien von "arm" und "reich" nicht das gesellschaftliche Leben bestimmen,
  • damit die Themen des konziliaren Prozesses "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" eine starke Anwältin haben,
  • damit Politik nicht abseits des Glaubens geschieht.

 

Herzlich grüßen Sie aus Halle im Namen aller Synodalen

gez.

Dr. Jürgen Runge
Präses der Synode der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen

Steffen Herbst
Präses Landessynode Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen

 

P.S.:

Wir wissen, dass viele Menschen in Ostdeutschland der Kirche fern stehen. Dennoch sind wir kein gottvergessenes Land in der Mitte Deutschlands. Umfragen der jüngsten Zeit haben ans Licht gebracht, dass der Glaube an Gott hier bei uns weiter verbreitet ist als das Vertrauen zur Institution Kirche. Haben Sie also frischen Mut mit großer Selbstverständlichkeit von Ihrem Glauben zu erzählen und ihn zu leben! Die Gesellschaft hat diese Hoffnung bitter nötig. Davon erzählt auch das Lied aus dem Evangelischen Gesangbuch, das wir im Abschlussgottesdienst zu unserer Gemeinsamen Tagung in der Marktkirche in Halle gesungen haben: "Vertraut den neuen Wegen auf die uns Gott gesandt! Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land. Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit (Evangelisches Gesangbuch 395, 3)."