Christuszeugnis in sozialistischer Umwelt 1969-1981

Mit der Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen war eine gewisse Stabilisierung der kirchlichen Arbeit in der DDR ermöglicht. In den vielfältigen Lebensformen der Gemeinden wurde die Verheißung Jesu Christi in der säkularisierten Umwelt bezeugt.

Als „Kirche im Sozialismus“ hat sich der BEK mit seinen Gliedkirchen nicht vom Staat steuern lassen, obwohl die Kirchen faktisch von den Rahmenvorgaben dieses „realexistierenden Sozialismus“ abhängig blieben. Als 1972 Propst Dr. Heino Falcke auf der Tagung der Bundessynode in Dresden in einem Grundsatzreferat vom „verbesserlichen Sozialismus“ sprach, durchbrach er allerdings ein Tabu: die DDR wollte sich nicht von der Kirche sagen lassen, was an ihrem System „verbesserlich“, d.h. änderungsbedürftig sei. Die Kirchenleitung der KPS  hat trotzdem, Jahr für Jahr, in ihren Berichten vor der Synode öffentlich Beschwerden vorgetragen – nicht nur wegen Behinderungen kirchlichen Lebens, sondern auch über Belastungen des gesellschaftlichen Lebens.

Wichtig waren gerade in jenen Jahren die Kontakte zur Ökumene: sie gaben Anteil an weltweiten Programmen der Kirchen. Das konnte auch die Selbstbezogenheit der DDR-Gemeinden durchbrechen. Die KPS baute ihre Partnerschaften zu den Kirchen in Tanzania, den Niederlanden, zur Orthodoxen Kirche in Polen und zur Kirche der Böhmischen Brüder in der CSSR aus. Vertreter dieser Kirchen konnten in die DDR eingeladen werden; in Einzelfällen konnten auch Vertreter der KPS zu ökumenischen Konferenzen reisen.

Als 1968 Dr. Werner Krusche zum Bischof der Kirchenprovinz berufen wurde, führte er sich mit einem Vortrag unter dem Thema „Die Reformation geht weiter!“ ein. Reformen in der Kirche waren überfällig. In Anlehnung an die Studienarbeit der Ökumene über die  „Missionarische Struktur der Gemeinde“  wurden Arbeitsschritte eingeleitet, die eine deutlichere Mitwirkung von Gemeindegliedern in der Leitung von Gemeinde und Kirchenkreis vorsahen. Unter dem Leitwort „Die Gemeinde Jesu Christi auf dem Weg in die Diaspora“ (1973) gab Bischof Krusche Orientierung für die veränderte Situation der Kirche.  Das Modell neuer Leitung im Kirchenkreis wurde diskutiert und eingeführt, eine Novellierung der Grundordnung in Auftrag gegeben und 1980 unter Leitung von Präses Helmut Waitz zum Abschluss gebracht (zusammen mit einer Gebietsreform und der zeitlichen Begrenzung leitender Ämter).

Die Schulpolitik der DDR bedeutete seit Jahrzehnten eine schwere Belastung für die christlichen Familien. Begabten Schülern wurde vielfach der Zugang zur Oberschule verwehrt; Kinder, die zur Christenlehre gingen, wurden häufig benachteiligt  oder sogar öffentlich diskreditiert. Die Kirchen in der DDR – auch die katholische Kirche – haben dagegen öffentlich Stellung genommen. Einzelfälle wurden mehrfach reguliert, das kirchenfeindliche Klima blieb.

In dieser Situation wurzelt auch der beharrliche Protest von Pfarrer Oskar Brüsewitz: Verbittert über die repressive Bildungspolitik der DDR, hatte er erfahren, wie wenig Einzelproteste der Kirchenleitung und der Pfarrerschaft ausrichten konnten. Deshalb setzte er mit seiner Selbstverbrennung am 18.8.1976 ein Signal, das die Republik aufrüttelte. Das spätere Bemühen Erich Honeckers, durch die Begegnung mit Bischof Albrecht Schönherr und dem Vorstand des BEK am 6. März 1978 einen gewissen Burgfrieden zu stiften, wirkte sich positiv in den Betrieben und Gemeinden aus.

 

Professor Dr. Harald Schultze (Magdeburg), ehemaliger Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt