Festgottesdienst am 12.Sonntag nach Trinitatis, 3. September 2017, in Neuhaus-Schirschnitz

Gottesdienst zum Jubiläum "25 Jahre Einweihung der Friedenskapelle bei Burggrub/Neuhaus-Schirschnitz"

 

Der Predigttext aus Jes. 29, 17-24 trägt die Überschrift:

‚Die große Wandlung’:

 

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. 18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; 19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. 20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. 22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. 23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. 24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

 

 

Liebe Festgemeinde!

 

Vor 25 Jahren ist etwas Wunderbares gelungen: Diese Grenz- und Friedenskapelle konnte eingeweiht werden. Verschiedene Menschen haben sich damals kurz nach dem Fall der Mauer in der Freude über die Wiedervereinigung von dem Wind der Wandlung ergreifen und bewegen lassen. Unglaubliches war geschehen, was keiner so schnell erwartet hatte. Die Grenze war geradezu über Nacht verschwunden. Eine wunderbare Veränderung. Wie sehr hatten die Menschen östlich und westlich bzw. hier: nördlich und südlich der Grenze unter dieser Trennung gelitten. Unüberwindbar waren die Grenzanlagen gewesen. Nur unter größter Lebensgefahr konnte man es wagen, sie zu überwinden. So viele sind im Todesstreifen entlang der ganzen Grenze zu Tode gekommen, zu Tode gebracht, getötet worden. Und so viele auf der Flucht gescheitert, kamen ins Gefängnis, mussten büßen für ihre Sehnsucht nach Freiheit, nach Reisefreiheit. Eine tödliche, eine Tod bringende Grenze. Allein der Himmel, der Blick in den Himmel war ein Fenster der Hoffnung. Diesseits und jenseits sahen die Menschen – wenigstens – den gleichen Himmel. Manch Sehnsuchts- und Hoffnungsseufzer mag zu ihm aufgestiegen sein. Schwer war es, dieses Fenster der Hoffnung offen zu halten. Eine Öffnung der Grenze, das war, das schien in weiter, weiter Ferne, wenn nicht gar unmöglich. Sollte man sich nicht einfach abfinden? Und dann geschah 1989 das Unglaubliche: Die Grenze wurde geöffnet, bereits ein Jahr später das geteilte Land wieder vereinigt.

Für dieses Wunder, für diese Wandlung wollten Sie hier ein Zeichen setzen, ein Erinnerungszeichen daran, dass Hoffnung sich erfüllen kann; dass sich die Tore auftun.

So fanden sich hier in Burggrub im Jahr 1990 siebzehn Menschen, die mit Elan und Leidenschaft beratschlagten und ein Zeichen setzen wollten. Auch künftige Generationen sollten sich an diese friedliche und zugleich epochale Veränderung erinnern. Und dann wurde es mehr als ein Zeichen. Es wurde eine Kapelle. Es wurde ein Ort der Begegnung und der Einkehr, des Gebets und des Gedenkens. Und diese Kapelle hat, dank des großen Engagements des Kapellenvereins, bis heute täglich geöffnete Türen. Nicht lange nach der Einweihung fand hier im Jahr 1992 eine große internationale Jugendbegegnung statt. Drei Jahre zuvor war das noch undenkbar gewesen! 280 Jugendliche aus über zwanzig Ländern waren hier zusammen gekommen. Sie hatten auf der Grenzlinie einen Kreuzweg angelegt. Wie gut, dass er bis heute gegangen wird.

25 Jahre sind seitdem vergangen. Der Wind des Wandels, des Wandels zum Guten hin, zu Frieden und einem gerechten Miteinander scheint weitergezogen zu sein.

Ja, immer häufiger bläst uns eher ein scharfer Wind ins Gesicht:

  • Da schlagen mächtige Herren Töne an, die uns fragen lassen: Sind wir am Beginn eines Rückfalls in den Kalten Krieg?

  • Und neue Grenzen werden errichtet. Nur unter tödlicher Gefahr sind sie überwindbar, die Grenzen nun nicht mehr durch, sondern um Europa herum.

  • Und auch durch unser Land gehen neue, unsichtbare, aber schmerzhafte Grenzen. Sie Teilen die die Menschen in Reiche, die immer reicher werden, und Arme, die von einem Tag auf den andern das Nötigste zusammen kratzen müssen. Und die Kinder, viel zu viele Kinder werden in unserem reichen Land in Armut groß.

Wie sehr brauchen wir auch heute eine große Wandlung. Damals dachten wir: Nun ist der eiserne Vorhang gefallen. Alles wird sich zum Guten hin wandeln. Heute stehen wir vor ganz neuen Problemen. Und da begegnet uns heute dieser Text, mitten in manche Ratlosigkeit hinein spricht er, wie Hoffnung auf Wandlung sich erfüllen wird.

 

Ja, auch wir heute brauchen Hoffnung. Denn Hoffnung hilft.

Hoffnung ist eine unglaublich starke Kraft. Sie öffnet Fenster in unsere Welt hinein, die geschlossen und unabänderlich scheint. Sie lässt uns durch diese Fenster hindurch andere Bilder sehen. Und wir können den Zeichen und Spuren solcher Hoffnung begegnen. Und das gibt unserer Hoffnung Nahrung. Hoffnung braucht Nahrung.

Hoffnung erhält Nahrung, wenn wir die Bilder mit unserer Wirklichkeit verknüpfen.

Deshalb beginnt Jesaja seine Hoffnungsbilder mit Naturbildern. Ihr werdet es in Eurer Welt sehen! Der hohe Libanon wird ebenes Land und die Fläche am Karmel bekommt hohe Bäume.

Es geht um Umwälzungen in dieser Natur und in dieser Gesellschaft. Wenn die Bäume und Gärten und Felder im Sommer verdorren und alles mehr als desolat aussieht, so ganz ohne Grün und Hoffnung, dann seht: Im Winter grünen sie. Diese umwälzende Veränderung seht in Eure graue und dürre Wirklichkeit hinein!

 

Und das ist die Erfahrung auch in der Geschichte: Hoffnung entfaltet ihre Kraft mitten in desolaten Zuständen.

Denken Sie an die Zeit der geschlossenen Grenze. Ja, da wagten Menschen in diese Situation hinein, ihren Traum von Freiheit zu träumen!

Hoffnung weiß, den Himmel auf Erden wird und kann sie nicht schaffen. Was sie kann, ist die Fenster offen halten.

Verwegen hält sie daran fest, ja, klammert sich daran. Noch eine kleine Weile, so sagt Jesaja am Beginn seiner Hoffnungsworte, noch eine kleine Weile und Gott selbst wird seine Erde mit Güte und Gerechtigkeit füllen. Immer nahe sollen wir diese Wandlung erwarten.

 

So sprechen uns die Bilder des Jesaja von der großen Wandlung bis heute an, persönlich und gesellschaftlich.

  • Fruchtbares Land – ja, das brauchen die vom Krieg zerstörten Städte in Mosul und anderswo.

  • Und in Jordanien und im Libanon - die riesigen Flüchtlingslager – da braucht es eine grünende Landschaft.

  • Und ich denke auch an festgefahrene Situationen, wo sich nichts bewegt, wo Erstarrung und Ödnis sich breit macht, da braucht es, dass neues Leben sich regt.

 

Wann endlich wird Frieden? Wann wird sich die Hoffnung auf große Wandlung erfüllen?

„Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“ Wenn es doch so wäre! Ist das nicht nur eine Vertröstung? Wie lange schon warten Menschen auf ihr Recht! Wie lange schon regieren immer wieder Tyrannen!

Wie viel Blindheit, Dummheit, Taubheit und Ignoranz ist selbst bei den Regierenden zu finden, wie viel Nationalegoismus und Gewinnsucht. Jesaja kündigt an: Ihnen sollen die Augen und Ohren aufgehen.

Am Ende des Verheißungstextes heißt es: Welche irren, werden Verstand annehmen.

Wie sehr wünschen wir uns das, zum Wohl der Menschen. Wenn ich nur daran denke, dass manche noch immer den Klimawandel leugnen, ja, sogar aus dem mühsam und lange ausgehandelten Klimaabkommen austreten. Was muss noch passieren?

Auch Jesaja verheißt ein schlimmes Ende, er warnt immer wieder – ohne wirklichen Erfolg.

Und dann und dennoch dieses unglaubliche Verheißungswort! Wie kann geschehen, was er verheißt? Wozu brauchen wir diese Worte?

Wir brauchen solche Bilder der Verheißung. Sie halten das Fenster der Hoffnung offen. Sie öffnen neue Horizonte. Und sie stärken uns, daran fest zu bleiben, an der Gewissheit: Gott kann diese große Wandlung bewirken. Diese Bilder halten unsere Hoffnung wach. Sie lassen uns wach bleiben für das Wunder.

Und sie ermutigen uns, schon heute zu handeln und nicht nur abzuwarten. Sie sind ein Protest: Tyrannen werden gestürzt.

Nur durch Gottes Geist geschieht Wandlung.

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch Gottes Geist“, so prophezeit der Prophet Joel.

Ja, damals 1989, war die große Wandlung gekommen: eine friedliche Revolution. Einzigartig ist sie in der Chronik der Umwälzungen, eine friedliche Revolution ohne Waffen und Gewalt! Mit Kerzen und Gebeten und viel Gottvertrauen und Gottes Geist kam sie.

Auch heute brauchen wir Gottes Geist für den so notwendigen Wandlungsprozess.

Die Wandlung fängt im Herzen eines jeden Menschen an – auch bei uns.

Wenn Gottes Geist Kraft bekommen soll, dann braucht er Raum – in den Herzen der Menschen, dass Ideen grünen und fruchtbar werden, sich ausbreiten und andere anstecken.

So wie Sie damals mit Ihrer Idee von dieser Kapelle viele angesteckt haben. Und so wie heute die Kapelle ein Ort ist, an den Menschen mit ihren Sorgen und Hoffnungen kommen; an dem sie Kraft schöpfen, um die Fenster der Hoffnung offen zu halten.

So bitten wir darum, für uns je einzeln und unser Miteinander, dass in uns Raum wird für Gottes Geist des Friedens und der Gerechtigkeit.

So bitten wir mit den Worten des Apostels Paulus: „Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Röm 15,13).

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.