Festgottesdienst am 23. August 2017 in der Schlosskirche zu Lutherstadt Wittenberg

Der Lutherisch-anglikanische Gottesdienst fand während der Wittenberger Versammlung der Internationalen Ökume­nischen Gemeinschaft statt (International Ecumenical Fellowship = IEF)  

Predigttext: 1. Kor 10,16f

(16) Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? (17) Denn ein Brot, ein Leib sind wir vielen, weil wir alle an dem einem Brot Anteil haben.

 

I. Im Jubiläumsjahr feiern wir Christus

Liebe Schwestern und Brüder! Das Jahr des Reformations­jubiläums und -gedenkens reicht noch bis Ende Oktober. In einer Hinsicht sind wir bereits jetzt dankbar und glücklich und können ein Resümee ziehen. Es ist uns geschenkt worden, dass wir es in ökumenischer Gemeinschaft feiern und begehen. Das ist der Grundton in diesem Jubiläumsjahr: Wir sind eins in Christus. Wenn wir 500 Jahre Reformation feiern, feiern wir nicht uns; und schon gar nicht, wie in den früheren Jubiläen, in Abgrenzung und zur eigenen Profilierung als Protestanten auf Kosten der ökumenischen Geschwister. Wir feiern vielmehr in ökumenischer Gemeinschaft. Gott sei Dank! Das ist das besondere Glück des 500. Reformations­jubiläums: Wir feiern es als Christusfest.

Wir feiern gemeinsam Christus! Wir feiern Christus als unseren gemeinsamen Herrn. Er ruft uns aus der Verschiedenheit in die Gemeinschaft.

Uns verbindet mehr als uns trennt. Diese Einsicht ist im Lauf des letzten Jahrhunderts in vielen Gesprächen, theologischen Diskursen und Erklärungen und nicht zuletzt durch persönliche Begegnungen gestärkt, gewachsen. Wundersam, wie Gottes Geistkraft seine Kirche führt.

So kommen wir in diesem Jubiläumsjahr auf vielfältige Weise zusammen. Wir feiern miteinander Gottesdienste, lesen die Bibel, diskutieren die Missio Dei in der Welt, fragen nach dem Woher und Wohin der Kirche, und erleben bei dem allen eine ganz besondere Gemeinschaft.

Christus selbst ist es, der dies schenkt. Gott sei Dank!

Und so ziehen wir – dankbar und glücklich – dieses Resümee: Ökumenische Gemeinschaft und Verbundenheit ist der Grundton unseres Feierns und Gedenkens.

Ob vielleicht sogar spätere Generationen einmal im Rückblick sagen: ‚Dieses Jahr 2017 war eine der großen Wegmarken auf dem Weg der Ökumene hin zur sichtbaren Einheit der Kirche’?

 

II. Das Mahl des Herrn trennt (immer noch!) - ?

Liebe Geschwister, ein Schmerz allerdings bleibt. Er wird in diesem Jubiläumsjahr auch oft genannt: Nicht alle unter uns feiern gemeinsam Abendmahl. Hat Christus also noch viel an uns zu tun? Damit wir sichtbar ein Leib werden? Meint Paulus dies, wenn er schreibt:

(16) Der Kelch des Segens, den wir segnen, ist der nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot, das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi? (17) Denn ein Brot, ein Leib sind wir vielen, weil wir alle an dem einem Brot Anteil haben.

Kirche ist Christi Leib. Das hat der Apostel Paulus der Kirche geschenkt, Kirche als Leib Christi zu verstehen. Wer aus dem Kelch des Segens trinkt und von dem gebrochenen Brot isst, nimmt nicht nur an einem Mahl teil. Vielmehr wird er und sie gestärkt in der in der Taufe geschenkten Anteilhabe an Christus selbst, am Sterben und Auferstehen des Christusleibes, „...an der Gemeinschaft des Blutes Christi ...“. Fas ist die Gemeinschaft an Christi Lebenskraft. Er ist durch den Tod gegangen und hat unvergängliches Leben ans Licht gebracht. Lebenskraft, die alle anderen Bindungen überwindet. Lebenskraft, die Freiheit schenkt, Freiheit, für das Leben zu sorgen, für das Leben, einzustehen.

Der Kelch des Segens, Wein aus einem Kelch zu trinken, das verbindet mit der Lebenskraft Christi, verbindet physisch mit ihm. „Blutsgemeinschaft mit Christus“, das bedeutet: Wir haben teil an Jesu gegenwärtigem Leben als Auferstandener.1 Und ebenso stärkt und festigt as Brot, das wir brechen und gemeinsam essen, unsere Gemeinschaft mit Ihm. So sind wir nicht mehr nur eine Gemeinschaft verschiedener Menschen. Vielmehr werden wir Menschen zu jenem Lebensraum, den Gott uns in Christus selbst eröffnet; den Raum der Freiheit und des Lebens! Diese heilsame Verbindung erfahren wir in den irdischen Elementen Brot und Wein. Wir können sie fassen, wir schmecken sie, wir spüren sie leibhaftig. So verbindet der Herr in der Feier des Mahles Himmlisches und Irdi­sches. In dieser Verbindung mit ihm wächst zugleich die Gemeinschaft unter uns – als Christi Leib. Nur so wird Kirche. Nur so bleibt Kirche Kirche: Die Bindung mit Christus und die Bindung in Christus immer wieder stärken lassen durch Ihn selbst.

Aber ist Kirche ein Leib? Fehlt nicht die sichtbare Einheit? Der eine, einzige gemeinsame Tisch? Wir erleben es als großen Schmerz, dass diese Gemeinschaft nicht sichtbar ist, gerade in der Feier des Abendmahls nicht sichtbar ist; dass sie unvollkommen bleibt. Müssen wir nicht noch mehr Kräfte einsetzen, um zur sichtbaren Einheit zu kommen?

Liebe Geschwister in Christus! Je länger, je mehr denke ich darüber nach, ob dem wirklich so ist? Dass wir die sichtbare Einheit brauchen, vollkommen brauchen. Gewiss, wir verstehen Abendmahl bzw. Eucharistie theologisch unterschiedlich und wir feiern unterschiedlich und nicht alle gemeinsam. Angesichts dessen bewegt mich die Frage: Kommt nicht gerade darin zum Ausdruck, dass Christi Leib ein gebrochener Leib ist? Ist nicht genau dies ein wesentliches Kennzeichen für Christi Leib? Der Auferstandene trägt die Kreuzesmale an seinem Leib?

Oder anders gefragt: Wenn wir anstreben, vollkommen eins zu sein, indem wir einig sind in Verständnis und entsprechend in liturgischer Feier des Abendmahls, wenn wir dies anstreben, versuchen wir dann nicht, Christus sein Versöhnungswerk an uns aus der Hand zu nehmen, es ihm zu entwinden – und uns an seine Stelle zu setzen? Selber groß – und ohne ihn, ohne sein Versöhnen? Ohne sein Versöhnen und Verbinden als ein andauernder Prozess?

Auf Christi Liebe und Hingabe für uns sind wir bleibend angewiesen. ER befreit und macht uns zu einem, zu seinem Leib! Er verbindet uns, uns verschiedene! In seiner Bitte um Einheit im hohepriesterlichen Gebet in Joh. 17, da bittet er: „Nicht für diese allein bitte ich dich, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben, damit alle eins seien, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, damit auch sie in uns seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,20 f.). Vater und Sohn sind verschieden – eben Vater und Sohn – und zugleich eins. Sie werden nicht uniform. Sie wirken miteinander – als verschiedene. Müssen wir nicht ganz neu über unsere Einheit, über Einheit in seinem Leib nachdenken? So, wie Paulus zwei Kapitel später schreibt: Ein Leib, viele Glieder, viele verschiedene Glieder.

Lasst uns auch und mehr darüber sprechen und nachdenken: Inwiefern braucht er uns nicht gerade als verschiedene Glieder, denen Er das eine Brot ist und bleibt; die Er selbst in die Gemeinschaft des Leibes ruft und eingliedert in der Taufe? Die Er immer wieder ruft, von ihren Werken und Leistungen weg, ruft, Liebe und Versöhnung von ihm zu empfangen! Und Freiheit! Freiheit, ihn zu bezeugen mitten in dieser Welt; Freiheit, im Licht seines kommenden Reiches zu leben – und für das Leben im Licht dieses Reiches einzutreten; also: für Gerechtigkeit und für Frieden, Frieden zwischen Menschen, Kirchen, Völkern, mit der Schöpfung!

„Versöhnte Verschiedenheit“, durch und in Christus versöhnte Viele, das ist eine Spur, die in unserem ökumenischen Miteinander gewachsen ist und, so bin ich überzeugt, uns den Weg weist und der Weg unseres Miteinanders ist. So bleibt es Christi Werk, uns Verschiedenen immer wieder neu Anteil zu geben an seiner Liebe und Lebenskraft. Und Freiheit von allen anderen Bindungen und Gemeinschaften.

Genau das steht in diesen beiden Versen im Vordergrund. Das Mahl des Herrn ist ein Mahl der Befreiung. Es bewirkt Freiheit von Götzendienst, Freiheit und Leben in Würde. Damals hat sich Götzendienst in der Teilnahme an Götzenopfern und Götzenopfermahlzeiten ausgedrückt. Wer dies als Christ tut, der widerspricht der Freiheit in Christus! Darum geht es Paulus in diesen Versen. Freiheit in Christus heißt auch Freiheit vom Götzendienst. Man kann nicht zwei Herren dienen. Christus ist der eine Herr. Das hat Wirkung auf den Alltag bis hin zum Bruch mit der herrschenden Kultur.

Deshalb frage ich: So beharrlich wir nach der sichtbaren Einheit am Tisch des Herrn fragen, müssen wir nicht ebenso beharrlich nach der Wirkung des Abendmahls fragen; ja, mehr uns wechselseitig fragen, wozu uns diese Gemeinschaft mit Christus ruft und sendet! Wovon und wofür sie befreit!? Von welchem Götzendienst wir uns als seine Kirche und Kirchen befreien lassen und deshalb Abstand nehmen sollen!? Ich denke dabei z. B. an die Frage nach unserer Bedeutung in der Gesellschaft. Oder an unsere Aufmerksamkeit und Sorge für unsere materiellen Ressourcen mehr als für unsere geistlichen Gaben. Ja, lasst uns gemeinsam danach unter uns fragen. Und auch persönlich danach, ob wir zu einem Leben des Genug finden und der Genügsamkeit, damit auf dieser Erde, auf Gottes Erde alle genug zum Leben haben.

Und lasst uns im Blick auf unsere Welt fragen: Welchen Götzen dienen wir heute? Mit der Folge, dass lässt die Welt im 21. Jahrhundert im Todesschatten bleibt, mit Krieg und Bürgerkrieg, Menschen auf der Flucht, modernen Versklavungen, bis zum Menschenhandel, zum Kinderhandel, zur Ausbeutung ihrer Körper, zum Organhandel?! Die Schreie von Unrecht und Menschenverachtung gellen in unseren Ohren, gellen weltweit! Gut, wenn wir in diesem einen Leib Christi weltweit ein alternatives Netzwerk bilden, alternativ zu dem ökonomisch dominierten Netzwerk, ein alternatives Netzwerk für eine versöhnte Welt; ein Netzwerk, das Geschichten von Unrecht öffentlich macht.

Das wirkt der Kelch des Segens und das Brot in der Gemeinschaft des Leibes Christi: Sie wirken Segen für diese Welt. Sie wirken eine Gemeinschaft, in der alle zu ihrem Recht kommen.

Ja, das wirke der Kelch des Segens und das Brot der Gemeinschaft der Verschiedenen im Leib Christi. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

1 Vgl. Luise Schottroff: Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth, ThKNT 7, Stuttgart 2013, S. 188