Festgottesdienst zu Erntedank 1. Oktober 2017 in der Frauenkirche zu Dresden

Predigt über Jes 58, 7-12. Im Gottesdienst erklang die Bachkantate „Es wartet alles auf dich“ (BWV 187)

 

Der Predigttext aus Jesaja 58,7-12 wurde zuvor als Lesung aus dem Alten Testament verlesen:

7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

 

Liebe Festgemeinde!

Staunen, Dank und Freude, davon ist das Herz erfüllt! Das gibt dem Erntedankfest seinen besonderen Klang! Staunen über die Wunder der Schöpfung; Dank und Freude darüber, dass wir versorgt sind, dass Gott für uns sorgt. „Du Herr, du krönst allein das Jahr mit deinem Gut.“1 Ja, das Erntedankfest gehört zu den schönsten Festen des Kirchenjahres! Jedes Jahr neu freue ich mich auf die geschmückte Kirche, freue ich mich, Gott „mit Herz und Mund“ zu singen aus „meines Herzens Lust“. Ich denke, Ihnen geht es ähnlich. Ja, das ist eine besondere Stimmung in und um uns: Unsere Herzen sind voller Freude und Dank.

Dabei steckt in dem, was wir ernten, viel Arbeit. Gerade in der Landwirtschaft wird hart gearbeitet, unter heftigen Marktbedingungen; auch in der Lebensmittelindustrie arbeiten die Menschen unter harten Bedingungen und meist zu schlechten Löhnen. Und auch unter uns sind viele, die hart arbeiten. So gehört zum Dank auch der Dank für alle, die mit ihrer Arbeit zum Wachsen und Gedeihen beitragen.

Zugleich wissen wir: es hängt am Ende nicht an uns, dass die eigene Arbeit auch Früchte schenkt. Alles hängt daran, dass Gott zu aller Arbeit und Mühe das Gelingen gibt. Ja, „deine Gnade ist’s, die allen Gutes tut.“2

So weitet Erntedank unseren Blick über unser Tun hinaus auf Gott.

Das gilt auch für alle anderen Dinge in unserem Leben. Dinge, die ganz klein begonnen haben, gewachsen sind und die ich dann irgendwann geerntet habe. Dazu gehört auch alles, wofür ich mich eingesetzt habe, worum ich gekämpft habe, und was ich am Ende doch nicht selbst habe machen können. Was mir vielmehr im Letzten geschenkt wurde. Auch das gehört heute mit auf den Altar meines, unseres Dankes. Gott beschenkt uns mit Dingen, die wir nicht selbst machen können. Er lässt uns sogar dort ernten, wo wir nicht gesät haben. Und auch darüber füllt Freude unser Herz.

Wie wunderbar, dass heute in der Mitte des Erntedankschmuckes ein Herz ist! Dank und Freude – da stimmen Kopf und Herz zusammen. Ein solches Dankfest macht nur Sinn, wenn das Herz mitschwingt. Das haben die Azubis des Floristikinstituts begriffen. Sie stellen uns die Herzen vor Augen.

Liebe Gemeinde, der Predigttext für unseren heutigen Gottesdienst schlägt eine andere Tonart an. Beim ersten Hören da klingt es eher nach Sollen und Müssen, nach Pflicht und weniger nach Freude und Dank::

Brich dem Hungrigen dein Brot, ... die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn. ... Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

Insgesamt – wir haben vorhin den ganzen Text gehört – hören wir acht Aufforde­rungen zum Handeln. Sie sind eingebunden in ein „Wenn-dann“: „Wenn du den Hungrigen dein Herz finden lässt ..., dann wird dein Dunkel sein wie der Mittag...“ – weniger Freude und Dank, mehr Imperativ und Druck.

Allerdings: Solche Imperative sind auch heute dringend nötig und berechtigt. Sie treffen uns mitten ins Herz. Denn wir sehen und hören es jeden Tag: Syrien, Sudan, Jemen, Afghanistan, Irak, die Rohinga ... .Die Menschen fliehen, wenige fliehen auch zu uns. 65 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Sie fliehen vor Hunger oder Krieg oder beidem. Ihnen fehlt das Nötigste zum Überleben: Brot, ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Freiheit. Die Welt braucht unseren Einsatz mehr denn je, weil Friede und Gerechtigkeit an so vielen Orten fehlen. Und auch in unserer Gesellschaft, in den reichen Gesellschaften, gibt es Risse, tiefe soziale Risse zwischen Reich und Arm.

Alle diese Aufforderungen sind wichtig und richtig. Ja, sie sind heute besonders wichtig, da immer mehr politisch Verantwortliche und Parteien auf Egoismus setzen, auf Abschottung und Abgrenzung, auf das Eigene zuerst. So möchte ich diese Imperative auch den Trumps und Putins dieser Welt zurufen. Und auch unserer Regierung, die sich nun neu bildet. „So spricht der Herr: Brich dem Hungrigen, dein Brot. Und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus…“

Immer noch ist es prinzipiell möglich, dass alle Menschen dieser Erde gut und reichlich versorgt werden können – wenn die einen nicht so sehr auf Kosten der anderen leben würden; wenn nicht so unglaublich viele Mittel in die Rüstung fließen würden und Krieg gebären. „Brich dem Hungrigen dein Brot...“, liebe Schwestern und Brüder, bewirken solche Imperative tatsächlich etwas? Ich weiß es ja von mir selbst, wie schnell sich mein Herz verschließt: ‚Ja, ja, ich weiß, was eigentlich dran ist, „was gut ist und was der Herr von uns fordert“ (Mi 6,8). Und immer wieder scheitere ich daran. Und immer wieder fühle ich mich ohnmächtig. Was kann eine Einzelne schon bewirken?

Und dann erreichen die Prophetenworte doch mein Herz. Und sie malen vor Augen, wie die Welt anders aussehen kann. Beim zweiten Hören auf den Text höre ich nicht nur acht Aufforderungen. Ich sehe auch acht Verheißungen. „Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, ... Dann wird

- dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,

- und deine Heilung wird schnell voranschreiten,

- und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen,

- und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.

Wenn du ... den Elenden sättigst, dann wird

- dein Licht in der Finsternis aufgehen,

- und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.

- Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken.

- Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.

Schönheit und Wärme, das Licht der Morgenröte, Gesundheit und Lebenskraft, ein bewässerter Garten und eine Wasserquelle – allesamt Bilder der Sehnsucht; Bilder, die ein glückliches Leben vor Augen malen; Bilder von einem glücklichen Leben, explizit „für Dich“, für mich. Bilder, die locken. Wie das erste: „... dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte! Morgenröte – haben Sie sie vor Augen? Was für eine besondere Stimmung, wenn der Tag dämmert! Das Morgenlicht schickt schon etwas Helligkeit voraus, ganz unmerklich weicht das völlig Finstere. Schon regen sich einzelne Vögel. Dann erscheint der erste Lichtstreif des Tages am Horizont. Der Mond verblasst. Einzelne Wolken hoch oben am Himmel sind von ferne erleuchtet. Und dann ist entweder der Himmel tiefdunkelblau, oder, an einem sonnigen Morgen, zunächst noch in sanftes Rot getaucht: Morgenröte.

Morgendämmerung: Da ist das Dunkel noch da - doch die Nacht kann sich nicht mehr halten. Da beginnt sich der Tag bereits zu regen und die Nacht geht ihrem Ende entgegen.

So wurde das altorientalische Königtum zelebriert: An jedem Morgen erscheint der König neu am Horizont und bringt Licht in das Dunkel seines Volkes und Landes. So verehrten die Völker rund um Israel ihren König.

Jesaja nimmt das Bild auf – und verändert es entscheidet: Jeder und Jede ist gerufen, wie ein König Licht ins Dunkel zu bringen. Ja, jeder und jede kann das, ist von Gott dafür beauftragt! Jeder ist ein König, eine Königin. Dem entspricht, dass Gott jedem Menschen eine besondere Würde zuspricht:

es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward;

Und jeder und jede erhält sogar einen neuen Namen:

und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Dieser Würdenamen wird uns zugesprochen, auch wenn wir immer wieder schuldig werden, weil wir unser Herz gegenüber der Not verschließen und nicht genug tun. Gott will, dass Leben gelingt. Dafür braucht er jeden Menschen Nicht nur einen König braucht es. Alle braucht er. Gott sagt durch den Propheten: Ja, deine Sehnsucht kann sich erfüllen, es gibt einen Weg zu einem glückenden Leben. Und den weisen die Imperative: So können, so sollen wir als Menschen sein: barmherzig und einfühlsam, um Gerechtigkeit bemüht, den Weg des Friedens beschreitend.

Wer möchte das nicht sein?! Eine, die mit Leidenschaft das tut, was anderen das Leben lebenswerter und leichter macht? Die aufbaut, was lange wüst war? Eine, die den Namen trägt: „Die die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.“ Ich wäre gern so jemand! Ich bin gerne so jemand! Und viele sind wir. Gott will, dass wir es ihm nachtun und den Bedrängten Recht verschaffen; unser Herz öffnen und für Gerechtigkeit und Freiheit sorgen.

Zugleich zeigen uns die Worte Gottes im Mund des Propheten auf, wie würdelos es ist, sich nicht vom Leiden anderer berühren zu lassen. Davon locken sie uns weg. Sie locken uns, unseren Weg unter dem Himmel zu gehen, den Gott über seiner Welt und über mir ausspannt: Auf diesem Weg wirst du sein wie „ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“ „Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.“

Das ist die einzige Stelle in der Bibel, das Gott diese Worte sagt. Sonst sagen es Menschen, die Gott in seinen Dienst ruft und die mit diesen Worten antworten: „Siehe, hier bin ich.“ das Wort, dass Gott sagt: Siehe, hier bin ich. Womit kann ich dir, Mensch, dienen?

Liebe Schwestern und Brüder, auch dafür sagen wir heute Gott Dank: Wir – Sie und ich, je einzeln, je einzigartig – sind von ihm für würdig befunden, seinen Willen in dieser Welt zur Geltung zu bringen. Er dient uns dabei. Er stärkt uns und hilft uns.

Wir sind für würdig befunden, sensibel zu bleiben für fremdes Leid und es dort zur Sprache zu bringen, wo es zum Himmel schreit.

Wir sind für würdig befunden, uns gegen Ungerechtigkeit zu wehren und Widerstand zu leisten, wo Barmherzigkeit fehlt.

Wir sind von ihm für würdig befunden, unsere Hände denen zu öffnen, die der Hilfe bedürfen.

Diese Würde gilt uns, auch wenn wir so oft weghören, auch wenn wir so oft wegschauen. Auch wenn wir immer wieder versagen. Gott schenkt uns diese Würde immer wieder neu. Er traut uns als seinen geliebten Kindern zu, Licht dieser Welt zu sein und „aufzubauen, was lange wüst gelegen hat“.

Erntedank ist ein wunderbares Fest. Die geschmückten Kirchen sind etwas für unsere Augen und unser Herz. Sie rühren uns an, wecken Freude und Dank.

Die Auszubildenden des Floristikinstitutes haben in diesem Schmuck den Würdenamen ins Bild gebracht. Den Würdenamen, den uns Gottes Verheißung zuspricht: „der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert“. Ein Bild, das besonders Sie hier in Dresden berührt, in Erinnerung an die Zerstörung Ihrer Stadt, auch die Zerstörung der Frauenkirche.

Im Zentrum aber ist das Herz gestaltet. Unser Herz. Dieses Herz rührt Gott an und füllt es mit Staunen, Freude und Dank. Er sagt zu uns: „Ja, so kannst du, Mensch, sein: ein Mensch, dessen Herz von mir gefunden und aufgesucht wird. Halte es offen für den in Not, deinen nahen und deinen fernen Nächsten. Tu Deinen Königsdienst in dieser Welt, damit die Nacht vergeht. Ich stärke Dich. Ich helfe Dir auch. Siehe, hier bin ich.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus, unserm Herrn. Amen.

1 Aria A in Joh. Seb. Bach, Es wartet alles auf dich (BWV 187)

 

2 Aria A in Joh. Seb. Bach, Es wartet alles auf dich (BWV 187)