Gottesdienst am 14. Sonntag nach Trinitatis, 17. September 2017, im Dom zu Magdeburg

Predigt über Mk 1,40 – 45

 

Gnade sei mit Euch und Friede...

 

Gott loben und ihm danken – das ist das Thema dieses Sonntags.

Aber wie geht das? Wie komme ich zum Innehalten? Damit mein Lob aus der Tiefe und mein Dank aus meines Herzens Grunde kommt?

Hören wir auf den

 

Predigttext:

40 Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. 41 Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein!

42 Und alsbald wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein.

43 Und Jesus bedrohte ihn und trieb ihn alsbald von sich

44 und sprach zu ihm: Sieh zu, dass du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. 45 Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekannt zu machen, sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; und sie kamen zu ihm von allen Enden.

Liebe Schwestern und Brüder,

Lob und Dank? Zunächst einmal weit weg. Es geht doch mehr um eine Heilung, oder? Ja, das ist die Geschichte, wie Jesus einen Aussätzigen heilt. Aber es wird noch viel mehr erzählt. Was daran hindert, ins Loben und Danken zu kommen. Was Jesus daran hindert, wird uns erzählt, und was den Aussätzigen daran hindert. Und was die Konsequenz daraus ist.

Zunächst: Wie schwer es auch Jesus hat, ins Loben und Danken zu kommen: Atemlos, ja, geradezu in Hektik ist Jesus. Er sucht Ruhe – und findet sie ganz schwer. Ein einziges Kommen und Gehen wird uns am Anfang des Markusevangeliums geschildert. Wenn wir den Abschnitt zuvor noch dazu nehmen, wird das noch deutlicher. Da lesen wir:

35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.

37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

 

Er sucht die Ruhe, noch vor Sonnenaufgang steht er auf und geht hinaus. – aber seine Jünger stöbern ihn auf, ja, eilten ihm nach. Keine Zeit für Ruhe! Es gibt so viel zu tun! So viele warten auf Dich. Aber er will woanders hin gehen. Das tun sie – gleich in ganz Galiläa gehen sie umher. Ein einziges Kommen und Gehen.

Und das geht so weiter: Ein Aussätziger kommt

Jesus treibt ihn – nach der Reinigung – von sich, er soll zum Priester und zurück in die Gemeinschaft gehen. Das tut der Geheilte nicht, vielmehr geht er hinaus in die Öffentlichkeit, so dass Jesus nicht mehr öffentlich in die Stadt gehen kann. Er geht an einsame Orte – aber die Menschen kommen zu ihm.

Ruhelos, dieses Kommen und Gehen.

Jesus sucht Ruhe. Aber er findet sie nicht so richtig.

Als ob er noch zwei Herzen in seiner Brust habe: immer wieder lässt er sich aus der Ruhe bringen. Störungen haben Vorrang für ihn. Aber: das geht auf seine Kosten, auf Kosten seiner Gemeinschaft mit Gott.

Das, liebe Schwestern und Brüder, ist mir sympathisch: selbst Jesus muss lernen, in die Ruhe zu kommen. Selbst Jesus muss lernen, dass er – jedenfalls so, in Eile und Unrast – dass er so die Welt nicht retten kann.

Auch Jesus muss lernen, sich zurück zu ziehen von übermenschlichen Erwartungen, um Ruhe zu finden. Er ist ganz Mensch. Wie schwer fällt das mir oft. Und wie schwer fällt es in unserer Gesellschaft, wenigstens den einen, den Ruhetag zu halten. Wir hören es heute bis in unseren Gottesdienst hinein. Auch hier habe ich, haben wir Jesus an unserer Seite. An ihm kann ich sehen:

Ruhe finden ist harte Arbeit – das Vielerlei Nötige ist eine große Verführung, sich aus der Ruhe bringen zu lassen. Und dann fehlt wesentliches für mein Menschsein: Mit Gott in Ruhe im Gespräch sein, so zum Loben und Danken finden.

Und was hindert den Aussätzigen, den Geheilten, ins Loben und Danken zu kommen? Was hindert ihn so sehr, dass Jesus zornig auf ihn ist?

Wie? Denken Sie?. Aber hier, in dieser Geschichte? Wenn Sie jetzt denken, das muss ich vorhin überhört haben, dann liegen sie falsch. Sie haben richtig gehört. Aber: Martin Luther, die meisten Übersetzer scheuen sich, hier die schwierigere Textvariante zu nehmen, sie ist anstößiger.

In V. 41 heißt es: „Und es jammerte ihn, und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein“

Es gibt eine andere Textvariante zu diesem Vers. Da steht statt „es jammerte ihn“: „er wurde zornig“.

Aber warum denn? Wie soll man das verstehen? Würde das einen Sinn ergeben? Ja, Man könnte die Geschichte auch so lesen:

Aussatz gilt zu biblischen Zeiten als Strafe Gottes für Verleumdung und üble Nachrede. Auf der Haut zeigt sich, dass einer andere schlecht macht – und so besser, so gut dastehen will.

Ob Jesus das gesehen hat, als er den Aussätzigen sah? Ob er das erkannt hat: Das ist einer, der andere schlecht macht, der so auf Kosten anderer lebt? Einer, der nicht bei sich ist?

Und man könnte weiter in dieser schwierigeren Lesart lesen: Die Bitte des Aussätzigen ist weniger Hilferuf, ist vielmehr Provokation, öffentliche Provokation: „Willst Du, so kannst Du mich reinigen“ – Es liegt ja nur an deinem Wollen..., mal sehn, ob du das kannst ...

Das erzürnt Jesus. Ja, er will sich wichtig machen. Und versucht, Jesus bloß zu stellen. Da bietet Jesus ihm Paroli und sagt: Ich will’s tun! Und reinigt, und heilt ihn.

Und dann ermahnt er ihn, ja bedroht ihn, dass er sich ändert. Und wirft ihn dann hinaus, so die wörtliche Übersetzung. Er soll zurück in die Gemeinschaft gehen. Er soll sich dort einfinden als einer unter anderen – und nicht sich herausstellen und wichtig machen. Er soll zur Ruhe kommen.

Wenn wir die Geschichte ohne Jesu Zorn lesen, dann verstehen wir nur die Hälfte, dann fehlt uns Entscheidendes: Heilung geschieht nicht nur oberflächlich. Heilung braucht auch die Tiefe, die Ruhe, damit auch die Seele erreicht wird und Heil wird und ein Mensch bei sich sein kann und nicht die anderen braucht, um sich groß zu machen. Heilung braucht Tiefe und Ruhe, um zum Loben und Danken zu kommen.

Wenn das nicht geschieht, hat das schwere Folgen. Hier, in der Geschichte, hat es die Folgen, dass der Geheilte Jesus schadet:

Er hört nicht auf Jesu Worte. Seine Haut ist rein und geheilt, aber seine Seele noch lange nicht. Er muss sich weiter wichtig machen und erzählt überall herum, dass er nun geheilt ist. Das erscheint als Lob. Das ist Eigen-Lob, Selbstdarstellung. Damit bringt er Jesus so in Bedrängnis, „sodass Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten“

Ja, das kann geschehen: Dass Jesus aus der Öffentlichkeit gedrängt wird, an den Rand, weil wir selbst in der Mitte stehen wollen; bzw. weil wir uns scheuen, Konflikte in der Tiefe zu bearbeiten;. weil wir Ruhe fürchten, die Konfrontation mit mir selbst, meinen heil-bedürftigen Seiten.

So fragt dieser Predigttext uns heute:

Wo gehen wir zu wenig in die Tiefe, in die Besinnung? Insbesondere nach Fehlwegen und Fehlern, nach Konflikten. Wo stellen wir vorschnell die Barmherzigkeit in den Mittelpunkt und verdrängen den Zorn. Wo scheuen wir Spannungen und Konflikte in der Tiefe zu bearbeiten? Diese Geschichte mahnt uns: Damit kann es leicht passieren, dass wir Jesus verdrängen. Dass wir ihm seinen Platz in der Öffentlichkeit nehmen, ihn weit weg verbannen – in die Einsamkeit. Und dass wir selbst nicht zur Ruhe kommen, in der Lob und Dank wächst; dass vielmehr unser Eigenlob in der Mitte steht.

Es braucht Stille, es braucht Ruhe, es braucht Besinnung auf sich selbst. Dann finde ich, dann finden Sie zum Loben und Danken. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.