Gottesdienst am Sonntag Oculi, 4. März 2018, im Dom zu Magdeburg

Predigt über 1. Petrus 1,13-20

 

Darum umgürtet die Lenden eures Gemüts, seid nüchtern und setzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi. Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.« Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

 

Gnade sei mit Euch und Friede, von dem der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

Liebe Geschwister!

"Umgürtet Euer Gemüt."

Ja, es gibt wirklich vieles, was unser Gemüt belastet und beschwert; was einem wie ein schwerer Umhang oder Mantel auf den Schultern lastet und den ganzen Menschen niederdrückt. Ich denke an die Trauer um einen Menschen und die Frage, auf die es keine Antwort gibt: ‚warum musste er so früh sterben?’ Diese Frage kennen auch Sie und diese Last auf Ihrem Gemüt, liebe Tauffamilie. Heute denken Sie besonders an Ihren Ehemann und Vater und Angehörigen, der vor eineinhalb Jahren gestorben ist. Wie gut, dass Johanna seinen Namen trägt. Mit ihr erfahren Sie: Gott schenkt auch Leben – und Gott bewahrt Leben, auch durch den Tod hindurch. Das sagt auch ihr Name: Johann, Johanna – d. h.: Gott ist gnädig. Ja, Gott ist gnädig und freundlich. Und diese Zuversicht in Ihrem Herzen mag wie ein Gürtel um den schweren Mantel der Trauer sein, dass Sie dennoch weitergehen können und nicht über ihn stolpern oder zu Fall kommen.

 

"Umgürtet Euer Gemüt." – Wie soll das gehen?

Oder ich denke an die vielen Menschen, v. a. Männer, die aus Kriegs- und Bürgerkriegsländern geflohen sind, auf gefährlichem, so beschwerlichen Weg zu uns gekommen sind, damit sie ihre Familie auf sicherem Weg nachholen können. Aber nun geht es nicht. Wo sind sie, meine Mutter und meine Geschwister? Oder meine Frau und meine Kinder. Wie ein schwerer nasser Mantel zieht diese Frage das Gemüt nach unten.

"Umgürtet Euer Gemüt."

Wie soll das gehen?

Ich denke an all die im Ökumenischen Domgymnasium,  die noch unter Schock sind und kaum begreifen können, dass einer ihrer Schüler und Mitschüler in der vergangenen Woche so plötzlich gestorben ist. Leon Kaiser, gerade erst 17 geworden. Warum? Das ist doch so sinnlos! Ein so junges Leben – so plötzlich zu Ende?

Wie ein schwerer Mantel legen sich die Fragen auf Herz, Verstand und Gemüt.

"Umgürtet Euer Gemüt!"

Ob das eines Tages gelingt – wenigstens den schweren Mantel der Trauer und der Fragen etwas hochziehen und mit einem Gürtel festhalten – so dass man zumindest nicht stolpert über die Erschöpfung und die schweren Gedanken und dadurch zu Fall kommt?

 

Umgürtet Euer Gemüt!

Liebe Geschwister,

dieses Bild hat mich sehr angesprochen. Die Adressaten des 1. Petrusbriefs hatten bei diesen Worten ein klares Bild vor Augen. Das lange Obergewand wird von einem Gürtel festgehalten. So kann es so hoch getragen werden, dass die Beine frei sind und man kräftig ausschreiten kann. Der Gürtel um die Lenden ist ein Zeichen: Jetzt sitz ich nicht mehr. Ich stehe auch nicht. Ich stehe auch nicht rum. Jetzt gehe ich. Jetzt mache ich mich auf den Weg. Jetzt breche ich auf.

Umgürtet Euer Gemüt!

Was ist das, das Gemüt? Was ist damit gemeint? Wir kennen es vom Doppelgebot der Liebe: ‚Du sollt Gott, deinen Herrn, lieben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt.’ Es ist das Organ der Gotteserkenntnis. Es gibt mir Orientierung; es ist das, was meine Haltung zum Leben bestimmt. Resigniere ich? Gebe ich auf?

Ja, dazu gibt es viel Grund – wenn ich auf mich sehe!

Deshalb schreibt Petrus weiter:

Umgürtet Euer Gemüt! Seid nüchtern und setzt Eure Hoffnung auf das Lamm!

Lasst Hoffnung wie einen Gürtel das halten, was an Euch zieht, was nach unten zieht, was Euch niederdrücken will, was Euch zurückhalten will in alten Verhältnissen. Das seht nüchtern an. Ja, unser Leben ist vergänglich. Ja, ich versage oft; und andere können mich verletzen, mir furchtbar weh tun; ja, das Leben schlägt uns Wunden, die nicht so leicht und schnell heilen. Ja, vieles lastet auf uns und zieht uns runter. Das nüchtern sehen und sich nichts vormachen, das ist der Gürtel, der eine Teil des Gürtels. Der andere, gewissermaßen die Gürtelschnalle oder, für damalige Zeiten gedacht, die zweite dicke Schnur, aus dem der Gürtel gedreht ist, das ist die Hoffnung.

„Seid nüchtern und setzt Eure Hoffnung ganz auf die Gnade.“ Mit den Worten für diesen Sonntag gesagt: Richtet Eure Augen ganz auf den Herrn. Vertraut ihm – Gott will, Gott wird Euch retten.

Immer wieder wird uns das in der Bibel erzählt. Das stärkt unsere Hoffnung.

Ich denke an die Israeliten umgürten ihre Lenden in der Nacht des Aufbruchs aus der Sklaverei in Ägypten umgürten. So sind sie reisefertig. So sind sie zum Aufbruch bereit. Ja, die Angst liegt auf ihren Gemütern: Werden wir dem mächtigen Pharao wirklich entkommen? Wie soll das nur gehen? Hat es überhaupt einen Zweck? Was passiert denn, wenn er sein Wort, das er Mose gegeben hat, wieder zurücknimmt und das Volk nicht ziehen lässt? Wie ein schwerer Mantel ziehen diese Gedanken nach unten. Wenn sie dennoch ihr Gewand umgürten, helfen sie ihrem Gemüt auf.

Manchmal ist es gut, Hoffnung und Sehnsucht ganz leiblich, ganz körperlich auszudrücken, weil das Gemüt gar noch zagend fragt, noch fragend zagt und zittert.

 

So umgürten die Israeliten ihr Gewand – weil sie auf Gott hoffen, Er befreit.

So umgürten wir unser Gemüt – und hoffen auf den, der schon alles für uns getan hat.

So lenkt Petrus unseren Blick auf das Lamm, auf Christus: In seinem Blut liegt Lebenskraft. Lebenskraft, die mir und Dir, die Euch zuteil wird. Silber und Gold sind vergänglich. Sie haben keine Lebenskraft  - auch wenn die Menschen das erhoffen, Lebenskraft, Lebensqualität durch Reichtum. Aber das täuscht. Denn das sind alles tote Güter.

Die Kraft des Lebens liegt im Blut Jesu, daran erinnert Petrus. Im Blut, das den Lebensodem Gottes trägt, seit Gott der Schöpfer dem Erdenwesen Adam seinen Lebensodem eingehaucht hat..

Das ist das Blut der Befreiung vor dem Aufbruch aus der Sklaverei. Aufbruch aus der Sklaverei, denn in der Sklaverei wird die Ebenbildlichkeit, die Würde des Menschen zerstört. Das Blut des Lammes, das ist das Blut aus dem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern, das Mahl, mit dem er sich selbst als derjenige bezeichnet, dessen Blut vom Todesengel befreit, dessen Leib und Blut für den Weg in die Freiheit stärkt.

So geht es darum:

Den Weg in die Freiheit immer wieder wagen. Ja, mit dem schweren Mantel auf den Schultern dennoch auf das Leben setzen. Sich nicht von Todesmächten gefangen halten lassen. Das Gemüt mit Hoffnung auf Gottes Gnade umgürten – und mit Nüchternheit gleichermaßen. Aufbruchbereit sein.

 

Aufbruchbereit sein und sich nicht festsetzen. Sich nicht in die schlimme Geschichte verbeißen und auch nicht in die eigenen Möglichkeiten „Du musst das (allein) schaffen!“

 

Aufbruchbereit sein, heißt sehen: Nichts bleibt, wie es ist. Es kommt noch anderes. Es kommt noch ein anderer. Diese Hoffnung begleitet unseren Weg. Wir bleiben unterwegs.

Denn wir hoffen auf ein gutes Ende.

So können wir auch Schweres tragen, auch manchmal hinter uns lassen, weil unser Leben bei Ihm bewahrt, in guten Händen ist.

Und auch mit schweren Gedanken hast Du ein Zuhause. Er sagt ja zu Dir, auch wenn Du nein sagst.

Er selbst trägt die Last schwerer Gedanken mit auf seinen Schultern, damit wir weiter gehen können auf dem Weg zu seinem Reich. So ‚umgürtet die Lenden Eures Gemüts; seid nüchtern und setzt Eure Hoffnung ganz auf die Gnade, die Euch angeboten wird in der Offenbarung Jesu Christi.

 

Amen.