Gottesdienst mit Glockenweihe am 10. Sonntag nach Trinititis, 20. August 2017, in der Bergkirche zu Tambach-Dietharz

 

Predigttext:  Ex. 19, 1-6

1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai. 

2 Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. 

3 Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach: So sollst du sagen zu dem Hause Jakob und den Israeliten verkündigen: 

4 Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht. 

5 Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 

6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst. 

 

 

Liebe Festgemeinde!

Nun hat Tambach-Dietharz wieder ein vollständiges Geläut.

Einen vollendeten Dreiklang – wir haben es eben gehört.

Sie alle haben sich lange auf Festwoche 500 Jahre Reformation und auf diesen festlichen und freudigen Tag im Jubiläumsjahr der Reformation vorbereitet: der Gemeindekirchenrat, der Lutherverein, der Posaunenchor, die Kinder der Christenlehre. Manche von Ihnen waren im Dezember 2015 dabei in der Glockengießerei Maria Laach, als das glutrote Metall in die beiden Glockenformen geflossen ist. 

Seit Generationen begleiten die Glocken das Leben der Menschen hier. Sie rufen zu fröhlichen Anlässen, zu Taufen und Hochzeiten. Und sie begleiten Menschen in Trauer und helfen klagen. Und sie rufen mit ihrem Klang: „Kommt und hört auf das Wort Gottes!“ „Haltet inne am Morgen und am Abend und auch mitten am Tag. Haltet inne und wendet Euch Gott zu mit Euren Gedanken und Sorgen, mit Eurem Gebet.“  Und die Glocken läuten und erinnern zu besonderen Gedenktagen. Und: Sie mahnen zum Frieden.

Gut, dass nun auch hier in Tambach-Dietharz die Glocken wieder als Dreiklang erklingen.

 

Das passt gut zu diesem Sonntag, dem Israelsonntag und zum Predigttext. Auch hier geht es um den Dreiklang. Den Dreiklang, der zwischen den dreien erklingt: zwischen Gott und seinem Volk Israel und allen Völkern; zwischen Gott und dem einzelnen Menschen und unter den Menschen. Wir haben diesen  Dreiklang im Doppelgebot der Liebe im Evangelium gehört:

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften und deinen Nächsten wie dich selbst“.

Getragen ist dieser Dreiklang vom Grundton. Der Grundton ist Gottes Liebe. Sie geht allem voraus. Das ist das Erste, was Gott über Mose seinem Volk sagen lässt. Er erinnert an seine Hilfe, an seinen Beistand, seine Rettung des Volkes. „Ihr habt gesehen, was ich an den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“ Aus der Sklaverei hat er sie befreit. Durch die Wüste hat er sie bis hierher geführt. Was für ein schönes Bild: „... wie ich euch getragen habe auf Adlersflügeln...“. Ja, sie hingen in der Luft – ohne Rechte, ohne Land, ohne festen Boden unter den Füßen, Absturz und Untergang als die einzige Aussicht. Aber wie ein Adler seine Jungen auf seinen Flügeln trägt, so hat Gott sie aufgefangen und getragen. Daran wird ganz konkret erinnert, erinnert mit den genauen Zeit- und Ortsangaben:  HYPERLINK "javascript:void('Verse%20details');" 1 Im dritten Monat nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, an diesem Tag kamen sie in die Wüste Sinai.  HYPERLINK "javascript:void('Verse%20details');" 2 Sie brachen auf von Refidim und kamen in die Wüste Sinai, und Israel lagerte sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge“. Der dritte Monat ist der Monat nach dem ersten (Ex 12,2), das ist der, in dem Passa gefeiert wird; zur Erinnerung daran, dass alle vom Volk Israel in jener Nacht verschont wurden, als alle Erstgeborenen in Ägypten vom Engel des Herrn getötet wurden. Diese Nacht ist die Nacht ihrer Befreiung.  Einen Monat später, sie sind frei, aber in der Wüste. Hunger plagt sie. Da lässt Gott Manna und Wachteln vom Himmel kommen. So zeigt ihnen Gott: Er befreit sie. Und er erhält sie am Leben, auch in der Wüste. Und er schenkt ihnen den freien Tag, den Sabbat, den Tag der Freiheit. So konkret handelt Gott. So konkret trägt er auf ‚Adelers Fittichen’, wie wir nachher singen werden. 

Auch „Refidim“, diese Ortsangabe, erzählt davon: In Refidim hat Gott den Mose Wasser aus dem Felsen schlagen lassen für das murrende Volk. Und dort wurden sie angegriffen von den AMalekitern – und Gott hat ihnen beigestanden. 

Gottes Liebe und Beistand ist konkret, mit Zeit- und Ortsangaben zu nennen. Sie geht allem Voraus. Gott steht bei. Er rettet und er erhält sein Volk. Das ist die Grunderfahrung, der Grundton für das Vertrauen auf Ihn, für den Bund mit ihm.

Wenn Sie zurück blicken auf das Leben dieser Gemeinde und auch auf Ihr Leben: Wo und wie haben Sie das erfahren, ganz konkret mit Zeit und Ort zu nennen? 

Nicht wahr, wir sind oft viel zu schnell versucht, auf das Negative zu sehen. Die Bergkirche ist nun renoviert und hat ihre Glocken – aber was wird mit der Lutherkirche? Und was mit den Jungen in der Gemeinde? Und – was mag Sie persönlich an Sorgen bewegen? Da kann es viel Klage und auch Unmut, Murren, geben. 

Auch Gottes Volk hat gemurrt, immer wieder. Deshalb die konkreten Ortsangaben. Gott erinnert daran: Ich rette und helfe Dir. Das ist mein Bund. Jetzt aber: hört auf  meine Worte. 

„ HYPERLINK "javascript:void('Verse%20details');" 5 Jetzt aber: Werdet ihr auf meine Stimme hören und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein. 

 HYPERLINK "javascript:void('Verse%20details');" 6 Und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein. Das sind die Worte, die du den Israeliten sagen sollst.“

 

Auf wen ich höre, dem gehöre ich an, zu dem gehöre ich. Auf wen ich höre, dem folge ich, dem gehorche ich. Darum geht es in diesem Bund. 

Martin Luther hat die Kirche daran erinnert: Gottes Gnade geht voraus. Er hilft. Er rettet. Kein Mensch kann dafür etwas tun. Durch Christus bringt er einen neuen Grundton in unser Leben: den Grundton der Freiheit, Freiheit von unserem Versagen und unserer Schuld. Das ist die frohe Botschaft. Und wenn ich frei bin und mir mein Ansehen nicht verdienen muss, dann kann ich mich von Gottes Liebe leiten lassen zu guten Werken. Das ist der neue Bund durch Jesus Christus. Dankbar erinnern wir uns in diesem Jahr des Beginns der Reformation in Wittenberg. Martin Luther hat den Glauben neu ausgerichtet, auf den Grundton: Gottes Liebe in Christus. Allerdings: Luther hat in seiner Theologie zugleich den ersten Bund Gottes mit seinem Volk Israel infrage gestellt. Dieser sei abgelöst durch den zweiten, Israel nicht erwählt, sondern verworfen. Es suche den Weg zu Gott und zum Heil über die eigenen Werke. Und er hat alle Worte und Aussagen der Bibel, die von der bleibenden Erwählung Israels sprechen, umgedeutet – oder sie einfach nicht so ernst genommen und gewichtet – wie z. B. hier die ganz klaren Worte Gottes: „Ich habe euch getragen auf Adlersflügeln...“. Seine Liebe ist Grundlage, Grundton für den Bund mit seinem Volk Israel. Er hat es auf Adelers Fittichen geführt. Israel bleibt sein Volk, als Mittler für alle Völker, weil es auf Gottes Wort hört und ihm folgt, es befolgt. Dafür hat dieses Volk viel Leid erfahren, erfährt es bis heute. Auch Martin Luther hat durch seine israelfeindliche Schriftauslegung und durch Schriften gegen die Juden dazu beigetragen. Diese Schriften hatten schlimme Folgen, insbesondere im letzten Jahrhundert. Und so erinnern wir uns im Reformationsjubiläum und besonders als Deutsche auch an die Zeit, in der Jesus als „Deutscher Christus“ bezeichnet und vereinnahmt wurde. Im selben Zuge wurde die jüdische Bevölkerung in ganz Europa verleumdet, bedrängt und systematisch vernichtet.  Der Versuch, das ganze Volk der Juden zu vernichten, hat über sechs Millionen Menschen dieses Volkes das Leben gekostet. Am heutigen Israelsonntag gedenken wir des erlittenen Leids des Volkes Israel. Und erinnern an unser Versagen als Christen. 

Wir haben neu erkannt: Als Christen sind wir tief verwurzelt im Glauben Israels. Jesus, den wir als Christus erkennen, war Jude. Wir gehen in die Irre, furchtbar in die Irre, wenn wir die bleibende Erwählung Israels leugnen.

Eine Spur dieses Irrwegs findet sich auf Ihrer nun mittleren Glocke. Sie ist auf den Ton ‚des’ gestimmt. 1938 wurde sie gegossen. Sie trägt, das haben Sie nun im Zuge der Erweiterung des Geläuts entdeckt, sie trägt die unsägliche Inschrift: „In Treue zum Christus der Deutschen“.

Gott sei Dank stehen noch Bibelworte auf ihrem oberen und unteren Rand „Ich bin der gute Hirt.“ und „Kommt her zu mir alle, ich will euch erquicken“ – allerdings, das „die ihr mühselig und beladenen seid“, hat man weggelassen.

Was soll man mit dieser Glocke machen? 

Sie hängt nun zwischen den beiden neuen, zwischen der großen und der kleinen, der „Schöpferglocke“, die auf den Ton b gestimmt ist und der „Vollenderglocke“,  auf den Ton ges gestimmt ist. 

Liebe Gemeinde hier in Tambach-Dietharz, nehmt Euer Erbe an. Nehmt diese mittlere Glocke als Mahnung und Erinnerung: Wir hängen zwischen dem Schöpfer und Vollender, wir hängen dort mit unserem Versagen, damit, dass wir in die Irre gehen können. Wir leben von Gottes Gnade. Seine Gnade ist es, dass wir nicht abstürzen und zugrunde gehen, weil er den Grund und Grundton für unser Leben uns schenkt!  

Lasst Euch von ihrem Ton mahnen und erinnern: Nie wieder sollen wir unseren Glauben missbrauchen, um uns als bessere Menschen über angeblich andere, schlechtere zu erheben. Nie wieder soll überzogener Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit unser Herz erreichen. 

Wir spüren deutlich, dass wir an Festtagen die dunklen Kapitel unsere Geschichte nicht verleugnen dürfen. Nur so ist unser Feiern ein ehrliches Feiern. Gerade dazu macht uns das Evangelium von der Liebe Gottes frei. 

Gott hält an seiner lebendigen und innigen Beziehung fest: zu seinem Volk, das er bleibend erwählt hat, zu uns, die wir durch seinen Sohn Jesus Christus teil haben an seinem weiten Herz, an seiner Berufung, an seiner Treue. 

Er helfe uns und stärke uns, auf ihn zu hören, seinen Worten und Geboten zu folgen, ihm anzugehören. Die Glocken mögen Sie und die Menschen in Tambach-Dietharz immer wieder an diesen Dreiklang erinnern: Gott ruft und trägt uns und stellt uns in eine Gemeinschaft, die vom Grundton seiner Liebe geprägt ist. Möge dieser Grundton Sie tragen und miteinander verbinden – zum Dreiklang der Menschlichkeit. Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.