Rede von Landesbischöfin Ilse Junkermann am 9. Dezember 2014 in Erfurt

beim Adventsempfang der Evangelischen Kirchen in Thüringen im Evangelischen Augustinerkloster zu Erfurt

„Ich sehe dich mit Freuden an
und kann mich nicht satt sehen ….“

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident, lieber Herr Carius,
sehr geehrter Herr Ministerpräsident, lieber Herr Ramelow,
sehr geehrter Herr Präsident, lieber Herr Prof. Dr. Aschke,
sehr geehrter Herr Bischof, lieber Bruder Dr. Hein,
sehr geehrte, liebe Damen und Herren mit unterschiedlichen Aufgaben und gleicher Würde,
liebe Schwestern und Brüder!

„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen“ – so dichtet Paul Gerhardt in seinem wunderbaren Weihnachtslied „Ich steh an deiner Krippen hier“. Vielen ist dieses Lied vor allem aus der Vertonung Johann Sebastian Bachs vertraut.

Es ist eine Urszene, die hier aufgerufen wird:
Menschen betrachten ein kleines Kind. Dabei werden sie in ihrem tiefen Innern berührt von dem, was sie sehen: Ein Menschenkind, verletzlich, zart, ganz und gar angewiesen auf die Zuwendung seiner Eltern.
Sie sehen es an und spüren etwas von dem Geheimnis, das in einem neuen Menschenleben liegt. Noch ist es verborgen. Noch ganz bei sich und ganz auf andere angewiesen. Wie wunderbar, dass Leben weiter geht. Und auch die Frage bewegt Menschen, wenn sie ein Neugeborenes betrachten: Was wird die Zukunft für dieses neugeborene Menschenkind wohl bringen? Werden alle Hoffnungen und guten Wünsche in Erfüllung gehen?
Wenn wir heute ein Neugeborenes ansehen, dann sind es nicht nur frohe Gedanken und Hoffnungen, die uns dann kommen.
Das nimmt allerdings nichts von dem, das auch wir uns „nicht satt sehen“ können.
Jedes neugeborene Kind ist ein Zeichen dafür, dass Leben weiter geht – ja, dass Gott den Glauben an die Menschheit noch nicht verloren hat.
Ja, Sie haben richtig gehört: Gott glaubt an uns. Und um uns das vor Augen zu bringen, kommt ER im Kind von Bethlehem menschlich auf uns zu. Ohne Blitz und Donner, ohne Medienkampagne, erst recht ohne Divisionen und Flugzeugträger, vielmehr als ein verletzliches, neugeborenes Kind, das sich mit seinen Eltern zusammen kurz nach der Geburt auf der Flucht befinden wird.

Ich möchte mit Ihnen bei diesem Bild etwas verweilen, und damit auch das bereits begonnene Themenjahr der Reformationsdekade unter dem Titel „Reformation, Bild und Bibel“ gebührend anklingen lassen. Ich möchte Sie einladen, mit mir zusammen genau hinzuschauen. Das ist gar nicht so einfach, bei einem Bild wirklich zu verweilen. Denn wir leben, i. U. zu den Generationen früher, in einer immer weiter zunehmenden Bilderfülle, auch Fülle an bewegten Bildern.

Hier – in der Geschichte vom Kind in der Krippe – wird ein Bild gezeichnet, das jenseits von Bilderfülle etwas zu sehen gibt von dem, was jede und jeden von uns unbedingt angeht in Ihrem und meinem Menschsein; und das ganz unabhängig davon, ob alle von uns an Gott glauben oder nicht.

(Beschreibung des Epitaphs für Caspar Niemeck, „Anbetung der Hirten“, Ev. Stadtkirche St. Marien zu Lutherstadt Wittenberg)

Ich habe es schon angedeutet: Mindestens genauso spannend wie die Frage, ob Menschen an Gott glauben oder nicht, finde ich die Frage, ob Gott den Glauben an uns Menschen weiter durchhält?!

In diesem Bild finde ich die Antwort! Ich kann, wir können gewiss sein, dass er am Glauben an uns festhält. Dafür möchte ich Ihnen auch Rede und Antwort dafür stehen, woher ich diese Gewissheit nehme.

Eine einfache Antwort gibt es hier nicht. Und auch ein idealisiertes Weihnachtsbild würde hier nicht weiter helfen.
Denn: Es gibt starke Gründe dafür zu nennen, dass Gott den Glauben an uns auch verlieren könnte:
Nicht in einem fernen Mittelalter, vielmehr in unseren Tagen wird sein Name tagtäglich und millionenfach missbraucht. Er wird missbraucht, wenn unter Berufung auf ihn Menschen ihre Mitmenschen quälen, vergewaltigen, foltern, ihnen die Heimat oder gar das Leben rauben.
Nicht im Historikerkolleg über den August 1914 spricht man über den Krieg als die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“, vielmehr in der öffentlichen Debatte des Jahres 2014.
Mitten in Europa, mitten in Deutschland mehren sich die Stimmen, allein der Logik militärischer Mittel zu vertrauen. Das scheint die einzige Lösung, mit den vielfältigen Krisenherden der Gegenwart umgehen zu können.
Mir und nicht wenigen anderen macht Sorge, dass die Logik und furchtbare Eigendynamik militärischer Gewalt zunehmend unterschätzt und von manchen verharmlost wird – ausgenommen die Militärs!

Es geht mir nicht darum, einem blauäugigen Pazifismus das Wort zu reden. Das hieße, sich über das Böse im Menschen und seine Fähigkeit, ja auch sein Wille zu Gewalt und Unrecht, Illusionen machen. Deshalb gibt es nach christlicher Überzeugung eine Verantwortung und ein Gewaltmonopol des Staates. Ich zitiere die V. These der Barmer Theologischen Erklärung von 1934: „Der Staat (hat) nach göttlicher Anordnung die Aufgabe, nach dem Maß menschlicher Einsicht … unter Androhung und Ausübung von Gewalt für Recht und Frieden zu sorgen.“
Ich kenne niemanden, auch nicht in der Kirche, der im Jahr 2014 einen naiven Pazifismus vertritt und ich habe keine Sorge darum, dass unser demokratisches Gemeinwesen genügend wehrhaft sei, wenn es nötig sein sollte.

Allerdings: Wer aufhört, ernsthaft Alternativen zu suchen für die gewaltfreie Bearbeitung eines Konflikts, hat bereits die erste Weiche in Richtung Krieg gestellt. Wenn erst einmal geschossen und nicht mehr geredet wird, gibt es häufig kein Halten mehr auf der schiefen Ebene, die man betreten hat.

Was geschieht in unseren Tagen? Beginnen wir die Schrecken des Krieges zu vergessen?
Es gibt in den Niederlanden die historische Erfahrung, dass in früheren Jahrhunderten etwa aller hundert Jahre Deiche brachen und große Landmassen überflutet wurden.
Die Ursache für diesen merkwürdigen Rhythmus war nicht, dass es genau aller hundert Jahre eine besonders schlimme Sturmflut gab, sondern dass in der Abfolge von vier Generationen die Erinnerung an die Katastrophe soweit verblasst war, dass die Urenkel die Abwesenheit einer Überflutung für naturgegeben hielten und die Instandsetzung der Deiche zu vernachlässigen begannen.
Es ist gut nachvollziehbar: Wer die Katastrophe selbst erlebt und überlebt hatte, sorgte sehr aufmerksam dafür, dass die Deiche stets in gutem Zustand waren. Die Kinder dieser Überlebenden kümmerten sich ebenfalls um die Deiche und auch noch die Kindeskinder. All diejenigen, denen sich das Entsetzen des Deichbruches durch eigene Erfahrung oder die anschauliche Schilderung der unmittelbaren Vorfahren tief eingegraben hatte.
Für die Kinder der Kindeskinder freilich war die Erzählung vom Dammbruch nur noch eine ferne Geschichte und es gab im Alltag Wichtigeres als sich um einen intakten Deich zu kümmern … und so vergingen etwa einhundert Jahre bis zur nächsten Katastrophe …

Ich empfinde es als bedrückend, dass der Damm der gemeinsamen Überzeugung „Nie wieder Krieg in Europa“ schwächer wird. Das liegt nicht allein an denen, die uns mit ihrer Gewalt in die alleinige Logik militärische Gewalt hineinziehen wollen. Das liegt auch an unserer Phantasielosigkeit, uns die Lösung von Konflikten anders vorzustellen als eben mit dem bloßem Übergewicht von militärischer und/oder ökonomischer Stärke.
Und: Es liegt auch an unserem Zagen, was Friedfertigkeit wohl bewirken könnte; ob sie ebenso überzeugend wirken kann wie Gewaltandrohung.

Und wenn der Krieg einmal wütet, geschehen Dinge auf Gottes Erde, bei denen allen, die das erleben oder auch nur dabei zusehen müssen, für immer die Seele verbrannt ist von Schmerz, Scham und einem kaum vorstellbaren Entsetzen.
Flüchtlinge kommen zu uns, und ich will ausdrücklich sagen: Sie schaffen es Gott sei Dank bis zu uns und sie bringen Bilder auf ihrer Seele mit, von denen niemand – zu Recht - etwas sehen möchte.

An dieser Stelle spüren Sie, dass es nichts zu tun hat mit einer etwas kitischigen Weihnachtsidylle, wenn wir das Kind in der Krippe betrachten.
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen“. Das ist eben nicht die Anleitung, aus einer verkommenen Welt in den Raum einer heilen Innerlichkeit zu fliehen. Der Stall, noch im Rohbau, in dem dieses Kind liegt: Gott kommt mitten in eine Welt, die nicht perfekt ist, ja, die erhebliche Mängel schon im Äußeren hat.
Es war besonders in unserer protestantischen Tradition bis weit ins 20. Jahrhundert hinein allerdings genau so missverstanden worden. Auch der KZ-Aufseher ging unter Umständen nach dem Dienst in die Christvesper und sang voll Inbrunst Paul Gerhardts schönes Lied.

Wir beginnen zu begreifen, auch aufgrund dieses Missverständnisses: Was wir in der Krippe zu Bethlehem zu sehen bekommen, zeichnet keine Idylle. Vielmehr leitet es dazu an, genauer hinzuschauen.
Und da sehen wir:
Gott kommt in einem neugeborenen verletzlichen Menschenkind zu uns Menschen. So zeichnet ER den Menschen ein bestimmtes Bild von sich selbst - und von uns Menschen.

Wenn wir so auf Ihn und auf uns sehen, dann macht dies etwas mit uns. Ja, ich möchte sogar die These wagen, die für jedes Bild und für alle Bilder gelten: Dass wir verwandelt werden in das, was wir anschauen.
Cranach hat das wunderbar dokumentiert:
Die Stifter sind mit im Bild. Obwohl sie doch eine lange Zeit, mehr als 1500 Jahre vom Geschehen trennt. Sie sind, in die Geschichte hinein gegangen, Sie haben sich verwandeln lassen. Sie sagen damit: „Diese Geschichte ist auch unsere Geschichte. Dieses Kind, es ist auch unseres geworden. Es lindert uns den Schmerz über unsere Kinderlosigkeit.“ Wie die Hirten und wie die Eltern beten auch sie an.
Zugleich schaut das Ehepaar uns als Betrachter an, als wolle es fragen: „Und wie kommst Du in diese Geschichte? Was fängst Du mit ihr an?“

Lucas Cranach, Vater und Sohn, haben oft in ihre Bilder Menschen ihrer Gegenwart gemalt, und manches Mal darunter einen oder eine, die den Betrachter anschaut. Damit haben sie zum Ausdruck gebracht: Diese Geschichte geht auch uns, geht auch Dich an. Und: Ihr könnt, wir können diese Geschichte nur verstehen, wenn wir sie zu uns sprechen lassen; wenn ich meinen Schmerz und meine ungestillte Sehnsucht dort wiederfinde, wenn diese in der dargestellten Geschichte einen Ort der Zugehörigkeit, ja, eine Heimat finden.

So bringen die Maler zum Ausdruck: Nicht nur wir schauen das Bild an – das Bild schaut uns an und spricht zu uns. Es wirkt auf uns. Es bildet uns. Es prägt uns in den Tiefenschichten; in den Tiefenschichten sowohl unserer Einstellungen, unserer inneren Leitbilder, wie auch unserer Gefühle und häufig unbewussten Prioritätensetzungen. Ja, wir werden verwandelt in das, was wir anschauen.

Wie geht das?
Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung legen die Hypothese nahe, dass in unseren sogenannten „rationalen“ Entscheidungen die eigentlichen Präferenzen nicht gesteuert werden von unserem kognitiven Bewusstsein. Vielmehr werden sie von tiefer liegenden Schichten unserer Persönlichkeit gesteuert. Bis zu zehn (!) Sekunden vor der „vernünftigen“ Entscheidung werden andere Hirnregionen aktiv und wählen bereits eine Option. Das bedeutet: Die sogenannte „rationale“ Entscheidung liefert nur noch eine Art nachklappende Entscheidung, die das vermeintlich Kognitiv-Stimmige rechtfertigt. Doch die Entscheidung wurde in Wahrheit bereits von woanders her gesteuert.

Im Jahr 1525 hat Martin Luther ein Buch verfasst, das den bezeichnenden Titel trägt: „Vom unfreien Willen“. Er hat es später einmal als sein wichtigstes Buch neben seiner Bibelübersetzung bezeichnet. Darin entwirft er ein Bild des Menschen, der natürlich einen freien Willen hat. Z. B. im Blick auf die Frage, ob er heute eine schwarze oder eine blaue Jacke anziehen soll; oder auch in der Frage, ob die Karin den Bernd heiraten soll oder doch lieber den Robert.
Ja, Martin Luther würde sogar sagen, dass es in die freie, vernünftige Abwägung der Politikerinnen und Politiker gelegt ist, ob sie nach der Thüringer Wahl im Herbst 2014 lieber eine Rot-Rot-Grüne- oder eine Rot-Schwarze- oder eine Rot-Schwarz-Grüne-Koalition bilden sollen. An der Beantwortung dieser Frage hängt nicht das Heil, und es werden mit dieser oder jener Koalition auch keine letzten Menschheitsfragen beantwortet oder gar, so bin ich überzeugt, Katastrophen ausgelöst.

Es geht „lediglich“ um ein – hoffentlich! – vernünftiges Abwägen der verschiedenen Handlungsoptionen auf der Basis eines demokratisch zustande gekommenen Wahlergebnisses. Und bei diesem Abwägen sind wir Menschen frei, nach bestem Wissen und Gewissen eine Entscheidung zu treffen.
Frei – und verantwortlich zugleich. Denn gerade in diesen Tagen wird vielen in Thüringen und darüber hinaus bewusst, wie stark tiefgreifende Bilder und Erfahrungen wirken, so stark, dass es zu gewalttätigen Angriffen kommt. Ich bin sehr dankbar für den heutigen Kommentar von Henryk Goldberg in der Thüringer Allgemeinen heute.
Ein Beleg, wie wichtig der Mensch mit seinem freien Willen bewusst Verantwortung übernimmt, damit die Menschen nicht aneinander vorbeireden und –handeln und der Damm eines friedlichen Miteinanders auch in Krisenzeiten nicht dünner wird. Diese Verantwortung gehört zur Freiheit!

Nun heißt das Buch von Martin Luther aber „Vom unfreien Willen“. Es heißt so, weil es neben und außer diesen vernünftig verhandelbaren Fragen aus Politik, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Moral und Ethik noch ganz andere Fragen gibt, bei welchen sich die Einschätzung der biblischen Texte ganz merkwürdig berühren mit den vorhin erwähnten neuesten Erkenntnissen der Hirnphysiologie.
Die rational verhandelbaren Fragen und ihre Entscheidung zeigen quasi nur die beleuchtete Seite des Mondes oder die Spitze des Eisberges.
Auf dieser rationalen Ebene sind wir frei, zu entscheiden, dieses oder jenes zu tun.
Doch woher kommen die tiefer liegenden Bilder, woher kommen sie, die Einstellungen und Präferenzen, die Sympathien und Antipathien, welche alle bereits Sekunden vor der rational begründeten „Wahl“ die eigentliche Entscheidung bereits getroffen haben?

Hier, bei dieser Frage, ob wir eigentlich die Bilder frei wählen können, die uns in Wahrheit steuern, war Martin Luther nicht so optimistisch. Hier war er, so bin ich überzeugt, realistisch und überraschend modern.
In seiner drastisch-mythologischen Sprache hat er dies auch zum Ausdruck gebracht: „Der Mensch ist wie ein Reittier, auf dem immer einer drauf sitzt: Gott oder der Teufel.“ , wie der Spitzensatz in seinem Buch „Vom unfreien Willen lautet“.
Dieser Satz wäre missverstanden, wenn man ihn als Ausdruck eines mittelalterlich-pessimistischen Menschenbildes verstünde.
Martin Luther war weder Optimist noch Pessimist. Er war Realist im Blick auf den Menschen. Er wusste etwas davon, dass Bilder uns steuern, Bilder uns besetzen, Bilder uns ausfüllen und zum Bösen – oder zum Guten lenken, und zwar die Bilder und je nachdem, welche Bilder uns prägen bzw. uns geprägt haben

Das ist, nebenbei gesagt, auch der tiefere Grund dafür, dass Luther gegen die Bilderstürmerei war, die in vielen Kirchen und Klöstern damals tabula rasa machte mit den Bildern von Heiligen und biblischen Szenen.
Martin Luther wusste, dass die Seele des Menschen von guten Bildern lebt. Und Martin Luther wusste, dass mit einer Zerstörung der Bilder aus Holz, Leinwand und Metall noch gar nichts gewonnen ist für die wahre Freiheit des Menschen.
Vielmehr, das war ihm wichtig: Es kommt darauf an, zwischen Bilderfülle und Bilderverbot eine Kriteriologie dafür zu entwickeln, welche Bilder uns knechten und in die Irre führen und welche Bilder uns freimachen und uns helfen, wahrhaft als Menschen zu leben.

Ein Bild, das uns heute wieder stärker zu prägen und zu steuern beginnt und das ich für abgründig falsch halte, ist das Bild von der Attraktivität, von der Konfliktlösungskompetenz ausschließlich militärischer Stärke, ich sprach zu Beginn darüber. Das ist ein Götzenbild, ein Trugschluss und Wahn. Wenn dieses Bild – vor aller Ratio und Vernunft – unser Handeln wieder stärker zu steuern beginnt, dann werden die Deiche irgendwann auch in Europa wieder reißen.

Ein weiteres Beispiel für ein Bild, das ich getrost als „Götzenbild“ bezeichnen möchte ist die heute weithin verbreitete Vorstellung einer vermeintlich absoluten Autonomie und Unabhängigkeit von uns Menschen. Was für ein groteskes Zerrbild, das uns suggeriert, dass wir autark sein können, nicht angewiesen auf unsere Mitmenschen: Auch nicht wenn wir schwach werden, wenn wir krank werden, wenn wir alt werden?! Mir friert vor einer Welt, in der jede und jeder meint, nicht auf einen Anderen, nicht auf eine Andere angewiesen sein zu sollen oder gar zu wollen.

In die Fülle unserer Bilder von Macht und Ohnmacht, von „Schwarz und Weiß“, von „Freund und Feind“, von Autonomie und wahrhaft menschenwürdigem Leben zeichnet Gott nun sein eigenes, unter Umständen von unseren Bildern sehr verschiedenes Bild hinein.
ER kommt in einem neugeborenen verletzlichen Menschenkind zu uns Menschen. Damit entwirft ER ein bestimmtes Bild von sich selbst und von uns Menschen.
Er zeichnet dabei ein neues Bild von sich und von uns. Und noch mehr: Er projektiert gleichsam neu, was wirkliche Macht ist: die Fähigkeit zum Beispiel, sich in den Anderen hineinzuversetzen, das Vermögen, die Welt einmal aus der Perspektive des Anderen, der Anderen zu sehen und nicht auf dem eigenen Standpunkt zu beharren.
Genau das bekommen wir zu sehen, wenn wir auf das Kind in der Weihnachtskrippe blicken? Es gibt uns zu sehen, wie er, der allmächtige Gott, sich „mit Haut und Haaren“ an den Ort der Anderen begibt.
Und das ist wahrhaft zum Staunen!
Das ist keine kitschige Idylle, das ist ein reichlich riskantes Unterfangen. Da kann man Schaden nehmen. Da kann es sein, dass man gekreuzigt wird, weil diese Anderen den Sinn dieses Brückenschlages einfach nicht verstehen wollen; weil sie nicht wahrnehmen können, dass hier die Logik der Macht des militärisch und ökonomisch Stärkeren durch-kreuzt wird.

Wir wissen nicht, was passieren würde, Wladimir Putin friedlich auf Poroschenko zuginge und um ein Gespräch auf Augenhöhe bäte.
Wir wissen nicht, wie riskant es tatsächlich wäre, wenn der Ausdruck „Russlandversteher“ aufhörte, ein Schimpfwort zu sein.
Wir wissen nicht, wie riskant es tatsächlich wäre, wenn die ökonomisch und militärisch Stärkeren endlich einmal damit aufhören würden, Völker, Länder und Menschen der sogenannten „Dritten Welt“ als latente Bedrohung oder als ewige Hilfeempfänger zu betrachten.

Allerdings: Ganz stimmt es nicht, was ich eben gesagt habe. Denn: Wir wissen durchaus, was passieren kann, wenn jemand sich von diesem Krippenbild prägen lässt und sich seinerseits auf die Perspektive der Anderen einlässt:

  • So glauben wir und setzen darauf unser Vertrauen: Der gekreuzigt wurde, der wurde auferweckt durch Gottes unerschöpfliche Lebenskraft. Er ist alle Tage bei uns gegenwärtig – und wirkt mit seiner Kraft der Sanftmut.
  • Wir haben erfahren, wie das Vertrauen der Welt in Deutschland wieder gewachsen ist, als Willy Brandt am Denkmal für die Ermordeten des Warschauer Ghettos die Knie beugte.
  • Und wir haben erfahren, dass auch ein Eiserner Vorhang fallen kann, so dass sogar einstige erbitterte Kriegsgegner ein neues Bild vor Augen bekamen, das Bild vom „Gemeinsamen Haus Europa“.
  • Wir hoffen, dass es möglich ist, wenigstens dem einen oder der anderen, Geschichten von Unrecht und Schuld gemeinsam anzuschauen, um Vergebung zu bitten und zu hoffen, dass Vertrauen wachsen kann an der Stelle von Verletzung und Beschämung.

Für diese Veränderungen – durch Sanftmut und Friedlichkeit, Nächstenliebe und Schuldeingeständnis – für diese Veränderungsmöglichkeit hat der allmächtige Gott das Bild vorgezeichnet:
ER kommt – ohne Vollkasko-Mentalität, ohne offenes Hintertürchen, ohne List und Arg – an die Stelle der Anderen, nimmt ihren Platz ein und schaut einmal, wie sich die Welt aus dieser – menschlichen – Perspektive ausnimmt und anfühlt.
Das ist ein Wunder, ein staunenswertes Wunder. Es ist höchst real, mit Augen, Ohren und allen Sinnen wahrnehmbar, nicht in einem Mythos, sondern in der realen und brutalen Weltgeschichte wahrnehmbar, ja, genau terminierbar: „zu der Zeit, als ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging und Quirinius Statthalter in Syrien war“ und dreißig Jahre später wurde er „gekreuzigt unter Pontius Pilatus“.
Das ist längst vor uns geschehen. Wir glauben: Es ist für uns, für Sie und für mich geschehen:

„Da ich noch nicht geboren war, / da bist du mir geboren / und hast mich dir zu eigen gar, / eh ich dich kannt, erkoren. / Eh ich durch deine Hand gemacht, / da hast du schon bei dir bedacht, / wie du mein wolltest werden.
….
Ich sehe dich mit Freuden an / und kann mich nicht satt sehen; …“

Tomas Tranströmer, ein schwedischer Lyriker, der 2011 den Literatur-Nobelpreis erhielt und mit seinem kaum fünfhundert Seiten umfassenden Gesamtwerk bis dahin nur einer kleinen Lyrik-Gemeinde bekannt war, veröffentlichte 1983 in dem Gedichtband „Der wilde Marktplatz“ ein irritierendes Gedicht.
Es trägt den Titel „Neunzehnhundertachtzig“.
1980 – es war das Jahr nach dem Sturz des Schahs von Persien und der Gründung der Islamischen Republik Iran – eine tiefe Zäsur für die Geopolitik des Nahen Ostens, wie wir heute wissen.
Tomas Tranströmer dichtete damals Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, als noch kein Mensch von 9/11 wusste und niemand vom „Clash of civilization“ sprach:

„Neunzehnhundertachtzig
Sein Blick wandert ruckhaft über die Zeitungsseite.
Da kommen Gefühle, so gefroren, dass man sie für Gedanken hält.
Nur in tiefer Hypnose konnte er sein zweites Ich werden,
seine geheime Schwester, die Frau, die mit den
Hundertausenden geht,
>Tod dem Schah!< rufend – obwohl er schon tot ist -,
ein marschierendes schwarzes Zelt, fromm und voll Haß.
Dschihad! Zwei, die einander nie begegnen, nehmen
sich der Welt an.“

Ein Mensch irgendwo in Europa liest am Frühstückstisch die Zeitung und es schaudert ihn: Krieg und Gewalt im Namen Gottes, „ein marschierendes schwarzes Zelt, fromm und voll Haß“ – nichts gibt es hier zu verstehen oder zu beschönigen. Entsetzen ist alles. Der „Blick wandert ruckhaft über die Zeitungsseite“. Und es „kommen Gefühle, so gefroren, dass man sie für Gedanken hält.“
Doch Tomas Tranströmer wäre kein wahrhaft großer Dichter, früher sagte man „Seher“, wenn er bei dieser Szene einfach die Schublade öffnete und eine Grenze markierte, zwischen „uns“, natürlich den „Guten“ und „den Anderen“, den Unheimlichen, den Fanatikern, den Verrückten.
Tranströmer wagt es, seinen Zeitungsleser in Trance zu versetzen. Er lässt ihn beim Blick auf das Foto des marschierenden schwarzen Pulks imaginieren, dass dort drin, in der Masse der unheimlichen Fremden, der „Anderen“ ein Mensch sei wie er selbst: „seine geheime Schwester“, „sein zweites Ich“.

Das ist irritierend, keine Frage. Solch ein Sehen zieht sich den Vorwurf zu, politisch naiv zu sein, defätistisch und letztlich gefährlich für unser aller Sicherheit.
Es gibt, Gott sei es geklagt, Situationen, in denen erreichen vernünftige Argumente „die Anderen“ nicht und in solchen Situationen benötigen wir einen Staat, der in der Lage und Willens ist, sein Gewalt-Monopol zum Schutz der eigenen Bürgerinnen und Bürger auch einzusetzen.
Und zugleich bin ich davon überzeugt, dass es eine Brücke geben muss vom Blick des Dichter-Sehers hin zur Real-Politik:
Wenn wir aufhören, im „Anderen“ die „geheime Schwester“ zu sehen – dann wird es defätistisch, dann wird es richtig gefährlich für unser Gemeinwesen und für unser aller Sicherheit.

Denn: Bevor geschossen und getötet wird, wird immer zuvor das Menschsein der Anderen irgendwie in Abrede gestellt, wird irgendwie bestritten, dass der Mensch dort drüben „meine geheime Schwester, mein geheimer Bruder“ ist.

Wir schauen das Kind in der Krippe an und sehen einen Mächtigen. Er macht sich verletzlich, um den Anderen tatsächlich auf Augenhöhe zu begegnen.
Wir sehen einen hohen Herrn. Er wählt die Unscheinbarkeit, damit überhaupt ein echtes Gespräch in Gang kommen kann.
Wir sehen einen, der sich in die Anderen hineinversetzt, ja, in sie hineinverwandelt und –legt, um eine wirkliche Verständigungsbrücke zu schlagen.
Jesus Christus: Unser geheimer Bruder, der uns im Anderen unsere Schwester, unseren Bruder erkennen lässt.
„Zwei, die einander wahrhaft begegnen, nehmen sich nun der Welt an.“ – so möchte ich die letzte Zeile des Tranströmer-Gedichtes abwandeln.

Wie gut, dass uns Dichter und Bild-Künstler den Blick führen, uns zu einer neuen Blickführung leiten...
Tomas Transströmer führt unseren Blick, Paul Gerhardt führt unseren Blick, wir können nicht oft genug und tief genug hineinschauen in diese Urszene:
„Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen …“

Wir schauen das Bild an. Und umgekehrt schaut das Bild uns an. So bildet es uns. So prägt es uns in den Tiefenschichten unserer Einstellungen, unserer Leitbilder, unserer Gefühle und unbewussten Prioritätensetzungen. So werden wir verwandelt in das, was wir anschauen.

Der Zusammenhang von „Bild“ und „Bildung“ ist häufig nicht bewusst, obwohl beide Wörter direkt miteinander verwandt sind:
Geprägt hat das Wort „Bildung“ der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart (1260-1328), den man in Erfurt nicht besonders vorstellen muss.
Eckhart jedenfalls wollte genau das zur Sprache bringen:
Wir werden verwandelt in das, was wir anschauen.
Gott bildet den Menschen, er prägt ein Bild und stellt es uns vor Augen: In der Krippe. Damit vertieft, ja, bekräftig Gott seine Schöpfung. Bereits in der Hebräischen Bibel heißt es in der Schöpfungserzählung:
„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.“
Im hebräischen Urtext heißt es übrigens an dieser Stelle nicht: „Mann und Frau“, sondern: „Gott schuf den Menschen männlich und weiblich“ – in gleicher Würde also.
Nicht der Mann ist eigentlich „der Mensch“ und dann kommt irgendwie auch noch die Frau hinzu:
Vielmehr: Gott schuf den Menschen, und dieser Mensch ist weiblich und männlich, Mensch im Vollsinn sind beide zugleich, ohne Abstufung untereinander.

Vor zweieinhalb tausend Jahren, als dieser Text entstand, war diese Aussage alles andere als selbstverständlich und in manchen Gegenden unserer Erde ist sie es bis heute nicht:
„der Mensch – männlich und weiblich“

Der Mensch – das Bild Gottes auf der Erde.
Glaubt Gott noch an sein Bild?
Hält er ihm die Treue?

Wirklich?!

Meister Eckhart zitiert in einer Predigt ein Gleichnis des Kirchenvaters Origines, der davon sprach, dass das wahre Bild Gottes im Menschen, das Urbild, wie es rein und klar in dem Menschen Jesus von Nazareth aufscheint, dass dieses Urbild in unserem Seelengrund ist wie ein Brunnen klaren Wassers.

Man kann diesen Brunnen mit Dreck bewerfen, man kann Gift in ihn schütten und ganz zu verstopfen suchen:
Doch diese Wasserquelle entspringt ganz ganz tief im Bergesinneren. Diese Quelle, dieses wahre Bild Gottes tief im Menschen - ich zitiere Meister Eckhart - : „bleibt … in sich selbst lebendig, und wenn man die Erde, die von außen oben darauf geworfen ist, wegnimmt, so kommt der Brunnen [wieder] zum Vorschein und man wird seiner gewahr. …
Im inneren, edlen Menschen ist Gottes Same und Gottes Bild eingedrückt und eingesät“

Wir werden verwandelt in das, was wir anschauen.

Wonach halten wir Ausschau?
Was zieht unsere Blicke an?
Wovon sind wir beeindruckt?
Welchen Bildern gestatte ich, mich zu bilden?!
Was ist tatsächlich der Aufmerksamkeit wert?!

Die Bibel jedenfalls wagt es, zerstörerische Leitbilder mit dem wenig schmeichelhaften Attribut „Götzenbild“ zu versehen.
So warnt sie:
Richte dich nicht nach den falschen Bildern, etwa wenn behauptet wird, dass der Mensch dem Mitmenschen ein Wolf sei und man mit den Wölfen heulen müsse.
Glaube nicht jenem Bild, das dir zu suggerieren versucht, dass die nackte Macht und Stärke – militärisch, ökonomisch, wissenschaftlich-technologisch – definiert, was wahr ist, was gut und was schön ist: glaube diesen Bildern nicht, es sind Götzenbilder und zugrunde gehen werden diejenigen, welche sich von diesen Bildern leiten lassen!
Wer diesen Götzenbildern Tribut zollt, wirft Dreck in den Brunnen und sorgt dafür, dass die Dämme brüchig werden, die das Chaosmeer des Kampfes aller gegen alle von der bewohnbaren Erde fernhalten.

Wir werden durch Bilder geformt und gebildet. Es ist offensichtlich, dass das Bild Gottes am Menschen, „dem Sohn“ bzw. „der Tochter Gottes“ noch nicht ausmodelliert ist – immer wieder, auch jetzt, in diesem Moment, wird irgendwo Dreck in den Brunnen geworfen.

Es ist – in jede Richtung – eine Wirkung, es ist eine Wechselwirkung: Wir werden gebildet und geformt von den Bildern, die wir anschauen.
Das Geheimnis dieser Bildung ist freilich, dass wir dabei sowohl Bild sind als auch – „wenig niedriger als Gott“ (Ps 8) – Bildner dieses Bildes Gottes in uns und an uns und verwandelt werden in das, was wir anschauen.

Sanft und geheimnisvoll werden wir verwandelt in das, was wir anschauen. Im Kind in der Krippe schauen wir, dass der große Bildner das „Werk seiner Hände nicht lässt.“ (vgl. Ps 138, 8). Er hält ihm die Treue hält, weil sein Bild in uns so tief drinnen liegt wie die Wasserquelle im Berg und immer wieder freigelegt werden kann.

Und ich gestehe Ihnen freimütig: An diesem Bild kann ich mich nicht satt sehen. Hier schaue ich immer wieder hin, weil ich aus dieser Betrachtung meine Hoffnung ziehe, dass ER den Glauben an Sie und mich nicht verloren hat – und auch nicht den Glauben an unsere Mitmenschen in Teheran und Damaskus, in Jerusalem und Washington, in Berlin und Kairo, in Kiew und Moskau, in Erfurt und Magdeburg.
ER hält an Seinem Bild von uns fest: Ein Mensch ist ein Mensch ist ein Mensch: Verletzlich, begrenzt, auf seine Mitmenschen angewiesen. Und seine Mitmenschen sind auf ihn angewiesen, voll Sehnsucht nach Geborgenheit und Orientierung und mit einer unveräußerlichen Würde begabt, die ständig bedroht wird, ihr und ihm aber nicht genommen werden kann, durch nichts und niemanden.
Was für ein Glück! Gott glaubt an uns!
Ich wünsche Ihnen, uns, dass unser Blick auf Ihn das Sanftmütige, das Friedfertige in uns stärke!

„Ich sehe dich mit Freuden an / und kann mich nicht satt sehen; / und weil ich nun nichts weiter kann, / bleib ich anbetend stehen. / O dass mein Sinn ein Abgrund wär / und meine Seel ein weites Meer, / dass ich dich möchte fassen!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!




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