Landesbischof Friedrich Kramer

Predigten


03.05.2021
Ordinationsgottesdienst am 2. Mai 2021 im Magdeburger Dom

Gemeinsame Predigt von Landesbischof Friedrich Kramer und Pröpstin Dr. Friederike Spengler

 

Jesaja 40, 1-3.6-8

1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. 3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 6 Es spricht eine Stimme: Predige! Und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. 7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.

 

Teil 1 Friederike Spengler | Ort Kanzel |

Trost

Bleiern zäh zogen die Jahre dahin. Jahr um Jahr verstrich, wie es gekommen war. Und ER schwieg. Gott unvernehmbar. Sein Volk untröstlich. Sicher, das Leben ging weiter: Herrscher kamen und gingen. Reiche zerfielen. Aber die Umstände zehrten an ihnen, rieben ihre Seelen wund. Dünnhäutig nun: Frauen, Männer und Kinder. Erfahrungen mit Gott lagen lange zurück. Das „Weißt du noch?“ hatte aufgehört, das „Wie war das denn?“ war verebbt. Trostlosigkeit nistete sich ein und baute ihre Nester in Köpfen und Herzen. Geistliche Heimatlosigkeit: Ja, sie hatten bereits vergessen, dass sie Gott vergessen hatten.

            (fünf Sekunden Stille)

„Tröstet! Tröstet mein Volk“, spricht euer Gott! Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.“

Eine hört. Unglaublich: Immer ist es einer, dessen Ohr nicht verschlossen, dessen Geist nicht abgestumpft ist. Eine hört des Herren Wort. Und Einer lässt sich rufen. „Tröstet! Tröstet mein Volk, ja, auch meine Kirche, die Eingepfropfte im Ölbaum. Also: „Tröstet!“ Im Hebräischen heißt es hier „Redet den Leuten ins Herz“ und „sprecht ihnen Mut zu“. Trost ins Herz sprechen. Dazu seid ihr ausgebildet, liebe Schwestern und Brüder! Worte der Klage, der Frage und des Tostes zu suchen. Die Herzen offen zu halten. Wir senden euch zu diesem Dienst: die Augen zu öffnen für den sorgenden Gott. Miteinander zu fragen und zu klagen und Trost zu suchen. Wegbegleiter zum Trost zu sein: Zum Vertrauen zu verhelfen und darin zu stärken, dass man Gott und sich selbst wieder über den Weg trauen kann. Krisen und Leid nicht schönreden. Aber in erfüllte Stille führen. Und irgendwann ins Wort finden lassen.

Jede Zeit hat ihre Trostlosigkeiten. Solange diese Erde steht, werden Menschen das erfahren. „Tröstet! Tröstet mein Volk, spricht euer Gott!“

Ihr werdet heute ordiniert zum Dienst des Tröstens auf der Kanzel und am Altar. Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr's tut.

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Teil 2 Friedrich Kramer | Ort Altar

Vergebung der Schuld

Hier am Altar werdet Ihr stehen und das Sakrament des Altars einsetzen und austeilen, auf dass die Menschen sehen und schmecken, wie freundlich der Herr ist. Ja sie sollen spüren: „Die Knechtschaft hat ein Ende und die Schuld ist vergeben“. Aber wir leben und reden nicht nach Gottes Gebot, sondern sind oft verkrümmt in Gier und Geiz, in Selbstsucht und Naturzerstörung. Besessen von Angst und Unglaube stürzen wir uns neu in Schuld und Knechtschaft.

In der Taufe und im Abendmahl tritt das Reich Gottes in diese Welt. Hier und heute können Gerechtigkeit und Frieden herrschen, kann die große Freiheit der Kinder Gottes erlebbar werden. Und ihr seid bereit ein Leben lang dafür die Türen zu öffnen, Wege zu bereiten, dass wir in Gottes Geist miteinander leben. Ihr habt Euch rufen lassen zu diesem großartigen Liebesdienst.

Das Volk hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle seine Sünden. Als Christen bekennen wir: Der Gekreuzigte hat alle Strafe auf sich genommen. Er hat die Sünde besiegt, damit wir täglich neu aus den Gräbern der Sünde auferstehen können und ihm als dem Auferstandenen ins Leben folgen. Ihr seid beauftragt zu Taufe und Abendmahl, dazu in der Seelsorge die Menschen zu begleiten und in der Beichte die Vergebung der Sünde zuzusprechen, damit Schuld vergeben und Freiheit erfahrbar wird.

In der Fußwaschung, die wir in der Vorbereitung auf die Ordination miteinander begangen haben, ist diese Vergebung deutlich als Reinigung spürbar und die Füße werden auf den Weg Gottes gebracht. Geht diesen Weg weiter.

So tut den Dienst an Kanzel und Altar: nicht gesetzlich, moralisch und eng, sondern evangelisch, geistreich und befreiend. Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr's tut.

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BLÄSER – INTRADE

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Teil 3 Friederike Spengler | Ort Altar

PREDIGE! …Was soll ich predigen?

„Es spricht eine Stimme: Predige!

In unseren Kirchen wunderbare Altäre. Kanzeln, auf denen schon Reformatoren standen. Orgeln, deren Fertigstellung Bach höchstselbst beiwohnte. Plastiken in wundervoller Schönheit. Meisterliche Arbeiten von Abendmahlsgeschirr und Taufen. Einprägsames Bildwerk.

Auf den Kirchenbänken aber ist noch Platz. Viel Platz mitunter.

„…und ich sprach: Was soll ich predigen?“ Was nützen uns die schönsten Häuser, wenn nur wenige darin unsere Predigt hören wollen und kaum einer sie mit Leben füllt? Der Prediger ist skeptisch, die Predigerin spricht es aus: Ist nicht alles zum Welken verurteilt, verdorrt und verödet, gerade hier in Mitteldeutschland? Braucht es nicht nur einen Windhauch und schon fallen sie um? Was tue ich hier? Das ist doch alles vergebliche Liebesmüh.

Rabbi Chanoch von Alexandrov hat einst gesagt, dass die eigentliche Verbannung der Kinder Israels darin bestanden habe, dass sie gelernt hätten, mit ihr zu leben.

Ja, die Sehnsucht nach Heil, nach Gott liegt nicht obenauf. Das war damals nicht anders als heute. Die Sehnsucht ist mit einer dicken Schicht an Maßlosigkeit und Gleichgültigkeit überdeckt. Und unsere Selbstüberschätzung wiegt schwer. „Ja, alles Gras ist verdorrt und die Blumen verwelken“, meldet sich eine Stimme zu Wort, die weiterspricht zum kraftvollen „Aber!“ Ihr seid die Wachhalter der Sehnsucht! Ihr seid die lebendigen Gefäße für Gottes Verheißungen!

Auch hier in den ausgedünnten Gebieten und kleinen Gemeinden? „Aber ja! Dieses „Aber!“ ist der Einspruch Gottes, ist sein Wort. Es ist Zuspruch des Sinns: sein Wort. Setzt Letztes gegen Vorletztes, Lebens gegen Tod: Sein Wort. Ihr seid die Erinnerer an das eine Wort Gottes.

Predige! Sage ihnen: Es gibt keine gottverlassenen Orte!

Predige! Rufe ihnen zu: Gott hat das letzte Wort!

Predige! Glaube mit und für sie: Seine Auferstehung ist auch deine Auferstehung!

Ihr werdet heute ordiniert zum Dienst an Kanzel und Altar. Sagt der Gemeinde Gottes Zuspruch und Anspruch in Wort und Sakrament. Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr's tut.

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Teil 4 Friedrich Kramer | Kanzel

Verbum domini manet in aeternum

Aus allem Vergehen und auch erlebter Vergeblichkeit erhebt sich die getröstete Stimme: „Aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit | verbum Domini manet in aeternum“. Das ist der Spruch, der in der Reformationszeit zum Leitspruch wurde. Und oft findet sich die Abkürzung VDMIAE in unseren Kirchen. Gottes Wort bleibt und Eure Aufgabe ist es, zu der wir Euch heute berufen, das Wort Gottes unter die Leute zu bringen. Und schon steht die Frage im Raum, soll ich auf die Kanzel oder lieber vom Pult unten im Raum predigen? Erhebt sich die Predigerin oder der Prediger nicht, wenn er auf die Kanzel steigt? Haben wir nicht das Priestertum aller Getauften? So gab es Zeiten in unserer Kirche, in denen die Kanzel gemieden wurde. Aber es geht nicht um die Überhöhung des Pfarr- oder Predigtamtes, sondern darum, dass Gottes Wort die Ehre gebührt. Es soll uns aufrichten und erheben und über allem stehen. Und ihr dürft es in die Häuser bringen, in die Gemeinden und auf die Kanzeln.

Im Hebräischen geht es sprachlich nicht um das Bleiben, sondern um das Aufstehen: Gottes Wort steht in jeder Zeit der Welt auf. Und genau das ist die Aufgabe. Ihr seid Predigerinnen und Prediger der großen Geheimnisse Gottes. Das Wort Gottes ruft zu Glaube, Hoffnung und Liebe, aber die Liebe ist die Größte. Mit Euch und Eurer Predigt und Eurer Feier der Sakramente steht Gottes Wort heute und hier in dieser Zeit auf: für Gerechtigkeit und Frieden, für Bewahrung der Schöpfung und ein menschliches Miteinander, für Befreiung aus Knechtschaft und Schuld.

Predigt klar und frei und vertraut darauf bei allem was uns anficht an Sinnlosigkeit und Vergänglichkeit: Gottes Wort steht auf – ja es bleibt in Ewigkeit.

Wenn Ihr dies wisst, selig seid ihr, wenn ihr´s tut.

Amen

 

Spengler: Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft…

Kramer: …bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

AMEN

 


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