80 Jahre Reichspogromnacht | EKD: "Antisemitismus ist Gotteslästerung"

Hannover (epd). Die großen evangelischen Kirchenbünde in Deutschland haben zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November jede Form von Judenhass verurteilt. "Antisemitismus ist kein Phänomen von gestern", erklärten die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) und die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) am Donnerstag in Hannover.

"Der Anschlag in Pittsburgh, antisemitische Vorfälle in Deutschland sowie die unverminderte Hetze gegen Jüdinnen und Juden im Netz zeigen: Es ist heute weiterhin nötig, allen Formen von Judenfeindschaft und Antisemitismus entgegen zu treten."

"Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus. Antisemitismus ist Gotteslästerung", fügten die Kirchenbünde hinzu. Zum Novemberpogrom vor 80 Jahren erklärten sie: "Die Bilder von zerstörten Synagogen und verwüsteten jüdischen Geschäften haben sich in das kollektive Gedächtnis unseres Landes eingebrannt. Die Reichspogromnacht gehört für immer zur Erinnerungskultur unseres Landes." Der Widerspruch gegen Judenhass sei nicht nur die Sache einiger weniger, sondern eine Verantwortung aller Christen.

Die Erscheinungsformen des Antisemitismus hätten sich gewandelt, hieß es weiter: "Klassische Formen der Judenfeindschaft nehmen ab, antisemitische Vorurteile sind jedoch in Gestalt einer die NS-Verbrechen relativierenden Sicht der Geschichte und 'antizionistischer' Hetze immer noch stark verbreitet", schreiben Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm für die EKD, Kirchenpräsident Christian Schad für die UEK und Landesbischof Gerhard Ulrich für die VELKD in der 20-seitigen Broschüre "Antisemitismus und was wir dagegen tun können".

Juden sorgten sich aufgrund alltäglicher Erfahrungen mit antijüdischen Anfeindungen um ihre Sicherheit. Gegen jüdische Geschäfte und Einrichtungen gerichtete Anschläge hätten in Frankreich und Dänemark eine Diskussion um "Bleiben oder Gehen" ausgelöst, so die Kirchenleiter. Soziale Medien seien "zu Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und antisemitischer Hetze geworden". Dies mache deutlich, wie unvermindert nötig es sei, Judenfeindschaft und Antisemitismus entgegenzutreten.

Die gemeinsame Publikation von EKD, UEK und VELKD „Antisemitismus – Vorurteile Ausgrenzungen, Projektionen und was wir dagegen tun können“ kann kostenlos bestellt werden beim Kirchenamt der EKD unter versand@ekd.de. Eine Onlinefassung kann als PDF unter https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/2017_Antisemitismus_WEB.pdf heruntergeladen werden.

Mit dem Treffen der lutherischen Landeskirchen hat am Donnerstag die Jahrestagung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) begonnen. In Würzburg kommen zunächst die Vertreter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands zu ihrer Generalsynode zusammen. Am Sonntag wird in der fränkischen Stadt die viertägige EKD-Synodentagung eröffnet. Außerdem trifft sich am Freitag und Samstag die Vollkonferenz der Union Evangelischer Kirchen.

Schramm warnt vor "französischen Verhältnissen"

Erfurt (epd). Vor dem Hintergrund eines erstarkenden Antisemitismus in Europa hat der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, vor "französischen Verhältnissen" gewarnt. Deutschland müsse alles unternehmen, damit nicht wie tausendfach in Frankreich Juden aus Angst um ihre Zukunft nach Israel übersiedelten, sagte er bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des 80. Jahrestages des Novemberpogroms von 1938 am Donnerstag im Erfurter Landtag. Hoffnung machten ihm dabei die "zahlreichen Demokraten" im Land, aber "es könnten ein paar mehr sein" fügte er hinzu.

Die harmlos als "Kristallnacht" bezeichneten Übergriffe auf Juden und ihre Synagogen, Wohnungen und Geschäfte hätten 1938 den Übergang von Ausgrenzung und Diskriminierung hin zu Terror und Mord markiert. Von den fünf Toten im Zuge des Pogroms in Erfurt bis zu den sechs Millionen Toten am Ende des Hitler-Regimes sei "der Weg relativ kurz" gewesen, so Schramm. Die Gesellschaft habe den Terror gegen die Juden damals widerspruchslos hingenommen und damit die Nazis bestärkt.

Auch heute müssten Juden in Thüringen wieder Beleidigungen und Angriffe auf ihre Einrichtungen ertragen, der letzte davon nach Schramms Angaben erst am Donnerstag auf den jüdischen Friedhof in Sondershausen. Wie in der Nazizeit reagierten viele Menschen darauf wieder mit "Schweigen, Wegschauen und heimlicher Zustimmung". Deshalb müsse die Erinnerung an den 9. November 1938 als "Auftakt zum Massenmord" wachbleiben, weil sich die tragischen Fehler, die vor 80 Jahren gemacht wurden, nicht wiederholen dürften, erklärte der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde.

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