Flugtickets für 600 Flüchtlingsfamilien | Diakonie Mitteldeutschland bringt Familien zusammen

Von Dirk Löhr (epd) Ahmad Amar Warda kommt zu spät. Der gebürtige Syrer hat in Leipzig, wo er eine Ausbildung zum Industrie-Elektriker macht, den Zug verpasst. In Erfurt, wo er inzwischen mit seiner Familie wohnt, warten Ehefrau Feryal und zwei ihrer drei Kinder geduldig auf ihn. Dann ist Amar endlich da. Aber was sind schon ein paar Minuten; nicht vor allzu langer Zeit waren die fünf über Monate getrennt.

2014 war das. Der 42-Jährige hält es zu Hause, in einem Vorort von Damaskus, nicht länger aus. Der Bürgerkrieg hat Syrien fest im Griff. Doch wer kämpft gegen wen? Amar kann es bis heute nicht sagen, was für Männer seine Stadt terrorisieren. Sie sagen: "Du hast Alkohol getrunken" oder "dein Bart ist zu kurz". Sie kämpfen nicht für eine Überzeugung, ihnen geht es um Geld. "Das waren keine IS-Leute, das waren Gangster", erinnert sich Amar.

Schweren Herzens macht er sich 2014 mit dem letzten Geld der Familie auf den Weg. Hier verlangt ein General Wegezoll, dort langt ein Schlepper zu. Libanon, Algerien, Tunesien - jede Grenze kostet. In Libyen wird er ausgeraubt, mit nichts in den Händen kommt er in Italien an. Über Österreich geht es nach Bayern, wo der erschöpfte Mann in München der Polizei auffällt. Letzte Station nach 50 Tagen ist Thüringen. In Erfurt wird er als Asylbewerber anerkannt.

Und nun? Wie soll er ohne Geld seine Familie unterstützen? Wann wird er sie wiedersehen? Ein Landsmann gibt ihm den entscheidenden Tipp. Im Büro für ausländische MitbürgerInnen im Evangelischen Kirchenkreis der Thüringer Landeshauptstadt bekommt er Beratung und Geld. Damit kann er die Tickets für seine vier Lieben kaufen. Im September 2015 sind alle fünf wieder glücklich vereint.

Über 50 Beratungsstellen verfügt die Diakonie Mitteldeutschland in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Eine davon ist das Büro am Erfurter Wenigemarkt. Hier konnte seit 2014 fast 600 Familien von Flüchtlingen geholfen werden. Mit etwa 400.000 Euro aus Spenden gelang es, ungefähr 1.800 Menschen - darunter allein um die 1.200 Kinder - nach Deutschland und damit in Sicherheit zu bringen, erklärt Diakonie-Sprecher Frieder Weigmann.

Eine wichtige Rolle beim Sammeln der Spenden spielt die Internetseite "familien-gehoeren-zusammen.de", die um Unterstützung wirbt. "Familie ist ein Menschenrecht", sagt Andreas Hesse, der das Projekt als sogenannter Fundraiser bei dem christlichen Wohlfahrtsverband mit Sitz in Halle (Saale) betreut.

Nicht jeder im Land sieht das so. Als die Seite im März an den Start ging, mangelte es nicht an bösen Kommentaren und unsäglichen E-Mail, erzählt Hesse. Aber die spornen eher an. Bis zum Weihnachtsfest möchte sein Team 30 weiteren Familien eine gemeinsame Zukunft ermöglichen. Bis dahin sollen 10.000 Euro zusammenkommen; eine Summe, die zunächst für die Tickets für 15 Familien reicht. Gelingt das Vorhaben, will die Wuppertaler Bethe-Stiftung den gleiche Betrag noch einmal dazugeben.

"Wir wollen, dass den Frauen und Kindern, die legal nach Deutschland einreisen dürfen, der lebensgefährliche Weg in den Schlauchbooten und über die grünen Grenzen erspart bleibt", sagte Diakonie-Sprecher Weigmann. Sein Wohlfahrtsverband würde auch Menschen mit eingeschränktem Schutzstatus, den "subsidiären" Flüchtlingen helfen. Aber da macht die Politik in Berlin bisher nicht mit.

Amar Warda sieht für sich und seine Familie die Zukunft in Deutschland. Alles hier sei gut, viel besser als in Syrien, sagt seine Frau. Feryal ist im November mit ihrem Sprachkurs fertig. Dann möchte sie eine Ausbildung zur Floristin machen. Der 18-jährige Yaman bereitet sich gerade auf seine Lehre vor; Rahan (16) und Mayar (15) gehen zur Schule. Der mittlere der drei Brüder weiß ganz genau, was danach kommt.

"Ich gehe zur Polizei", sagt er mit Nachdruck. Polizisten gibt es in Syrien schon, gesteht er ein, aber die kümmert nur das Recht des Stärkeren. Hier, in Deutschland, herrscht dagegen Recht und Ordnung. "Ich will helfen, dass es so bleibt", sagt er lächelnd.

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