Kirche plädiert für Anerkennung des Völkermords an Herero und Nama | "Erster Genozid des 20. Jahrhunderts"

Berlin (epd). Die Auslandsbischöfin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Petra Bosse-Huber, hat eine Anerkennung des "ersten Genozids des 20. Jahrhunderts" in den früheren deutschen Kolonialgebieten gefordert.

In einem Gedenkgottesdienst am Mittwoch in Berlin anlässlich der Rückgabe menschlicher Gebeine der Herero und Nama von Deutschland an Namibia sagte Bosse-Huber: "Wir wollen heute etwas tun, was schon seit vielen Jahrzehnten hätte getan werden müssen: nämlich die Gebeine von Menschen, die Opfer des ersten Genozids des 20. Jahrhunderts geworden sind, an ihre rechtmäßigen Nachfahren zurückgeben." Gemeinsam mit den Nachfahren müsse das Gedenken an die Opfer wachgehalten werden und für die Anerkennung des Völkermords öffentlich eingetreten werden.

Das durch die deutsche Kolonialherrschaft begründete und danach fortwirkende Unrecht müsse überwunden werden, sagte Bosse-Huber. Die Bischöfin bekräftigte zudem das Schuldbekenntnis der Kirche. Durch theologische Rechtfertigung sei der Boden für die koloniale Herrschaft und den Tod tausender Angehöriger der namibischen Volksgruppen mit vorbereitet worden.

In einer gemeinsamen Predigt mit Bosse-Huber erinnerte der Bischof der Evangelisch Lutherischen Kirche in der Republik Namibia und Delegationsleiter des Rates der Kirchen in Namibia, Ernst Gamxamub, an die Geschichte Namibias und Deutschlands, die aus einer schlimmen Erfahrung und Realität geboren sei: "Für viele scheint der Genozid zu einem unbedeutenden Ereignis geworden zu sein, aber für uns ist es ein historisches, denkwürdiges und dunkles Kapitel in unserem Kampf gegen Kolonialismus und ausländische Besatzung aus früheren Zeiten." Der namibische Bischof rief zudem zu einer gemeinsamen Zukunft auf, die von Werten wie Menschenwürde, Respekt, Gleichheit, Frieden und Gerechtigkeit geprägt sein müsse.

Der Gedenkgottesdienst in der Französischen Friedrichstadtkirche fand anlässlich der ersten mit staatlichen Vertretern Deutschlands organisierten Rückgabe menschlicher Gebeine an Namibia statt. Bereits am Dienstagabend hatte es in Berlin unter Ausschluss der Öffentlichkeit eine Totenwache und Gelegenheit für traditionelle Riten geben. Am Freitag sollen die Gebeine in Windhuk in Namibia bei einem Staatsakt in Empfang genommen werden.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes handelt es sich um 27 menschliche Überreste, die im Lauf der deutschen Kolonialzeit (1884-1915) aus Südwestafrika entwendet worden waren. Zuletzt lagerten sie in anthropologischen Sammlungen in Berlin, Greifswald, Ennigerloh, Witzenhausen, Jena, Hannover und Hamburg. Anfang des 20. Jahrhunderts hatten deutsche Kolonialtruppen Aufstände der Volksgruppen Herero und Nama grausam niedergeschlagen. Schätzungen zufolge kamen bis zu 70.000 Menschen ums Leben. Historiker sprechen von Völkermord.

Am Rande der Rückgabe-Veranstaltungen in Berlin protestierten rund 50 Aktivisten und Vertreter von Herero- und Nama-Organisationen gegen das Vorgehen der Bundesregierung und der EKD. Sie forderten von der Bundesregierung Entschädigung und eine offizielle Entschuldigung für den Genozid gegenüber den Herero und Nama.

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