28.01.2021
Prachtstück mit Gänsehautfaktor: die Orgel in Ellichleben | Beginn einer Serie über Orgeln in der EKM

Die Königin der Instrumente, die Orgel, ist von den Landesmusikräten zum Instrument des Jahres 2021 gekürt worden.

Zahlreiche Orgeln befinden sich auch in Gotteshäusern auf dem Gebiet der EKM. In einer kleinen Serie in EKM intern, auf der EKM-Website und auf Facebook stellen wir eine Auswahl vor: besonders alte Orgeln, die Orgeln berühmter Orgelbauer, Instrumente in kleinen Dorfkirchen, Orgeln, die nach langen Jahren der Stille wieder zum Klingen erweckt wurden durch das Engagement des Kirchbauvereins vor Ort.

Die Serie beginnt mit der Orgel in der Kirche „Zum Frieden Gottes“ in Ellichleben.  Ein Beitrag von Beate Friedrich, Kantorin im Kirchgemeindeverband Elxleben-Witzleben:

Wer die Kirche in Ellichleben betritt und zur Westempore hinaufschaut, kann sich am Anblick eines prächtigen barocken Orgelprospektes erfreuen. Ich jedenfalls empfand Begeisterung, als ich die Kirche irgendwann nach dem 1. Dezember 1995 im Rahmen meines Kantorinnendienstes zum ersten Mal betrat. Bei näherer Betrachtung stellte sich Ernüchterung ein: die Pedalklaviatur war abgehängt und zusammen mit der Orgelbank beiseitegestellt, das Pfeifenwerk im Inneren übel zugerichtet, kurzum: das schöne Instrument erwies sich als unspielbar.

Anders war das vor knapp 250 Jahren: Nachdem 1720 eine neue, größere Kirche errichtet worden war, in die man die Orgel aus dem Vorgänger-Bau aufstellte, brauchte die Gemeinde fünf Jahrzehnte später eine neue Orgel. Johann Daniel Schulze aus Milbitz baute das Instrument 1776. Er stattete es mit 20 Registern aus. Nicht nur der edle Prospekt, sondern auch viele Details im Inneren der Orgel bezeugen eine außergewöhnlich hohe Qualität seiner Arbeit. Im 19. Jahrhundert erhielt die Orgel neue Manualklaviere vom Orgelbauer August Witzmann aus Stadtilm, und einige neue Register.

Im 20. Jahrhundert kamen die Firma Eifert – Nachfolgefirma von Witzmann – und die Weltgeschichte ins Spiel: die Zinnpfeifen im Prospekt wurden kriegswichtig, und die Eiferts lieferten den zinkenen Ersatz dafür, pflegten und elektrifizierten die Orgel. Später, in den 1960ern, verfielen Kirche und Orgel immer mehr. Wasserschäden und Vandalismus führten zum endgültigen Verstummen der Orgel.

Menschen, die ihre Kirche nicht als Getreidelager sehen wollten und ihre Orgel nicht auf dem Wertstoffhof, sahen dem Verfall nicht tatenlos zu. 1998, nach jahrzehntelangen Anstrengungen, erlaubte es der Bauzustand der Kirche, von einer Orgelsanierung nicht mehr nur zu träumen. Ein Fachgutachten des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Architektur attestierte der Orgel einen hohen Denkmalwert. Also hieß es: Handeln! 2003 gründete sich ein Orgelförderverein. Dank vieler Ideen und Aktionen gelang es, das Herz und Interesse vieler Menschen und etlicher Institutionen zu gewinnen.

Ein vor der Kirche stehender Stein mit der Jahreszahl 1734 darauf brachte etwas Besonderes ins Rollen. Er steht dort zur Erinnerung an die Schlichtung eines Streits mit dem Nachbardorf. Darüber hatte Hugo Greiner ein Theaterstück mit dem Titel „Friede ernährt, Unfriede verzehrt“ geschrieben, das 1910 in Ellichleben seine Uraufführung erlebte. Die alten Textbücher wurden aufgestöbert. Die Nachfahren der Schauspieler von damals standen 2004 erstmals mit der Aufführung des Stückes auf der Bergbühne des Dorfes. Jahr um Jahr gab es ein neues Stück, mit Sagen und Geschichten der Region. Die Eintrittsgelder und Spenden ließen das „Orgelkonto“ anwachsen. Und damit auch die Hoffnung, es schaffen zu können!

Mit Unterstützung unter anderem durch die politische Gemeinde, den Landkreis, das Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und die Landeskirche konnte die Restaurierung ab 2006 beginnen, ausgeführt durch Orgelbau Schönefeld aus Stadtilm.

Am Abend des 17. Juni 2010 hatten die Orgelbauer ihre letzten Handgriffe getan! Da schien die Abendsonne durch ein Fenster neben der Orgel, und brachte die goldene Sonne an der Spitze des Kanzelaltars zum Leuchten! Ein unvergesslicher Gänsehaut-Moment, die Orgel während der Abnahme durch den Orgelsachverständigen Theophil Heinke zum ersten Mal zu hören – im vollen Werk, und in ihren vielen schönen Klangfarben. Am 20. Juni 2010 gab es dann ein wahrlich großes Fest der Orgelweihe, voller Freude und Dankbarkeit.

Am besten, Sie kommen selbst einmal nach Ellichleben – zu sehen und zu hören. Es lohnt sich! Um den 20. Juni herum gibt es zum Beispiel in jedem Jahr ein Orgelkonzert. Wenn der Himmel nicht bedeckt ist, kann man dabei auch den barocken Lichteffekt mit der Altarsonne erleben. Auf der Bergbühne wird übrigens weiter Theater gespielt. Der Orgelförderverein ist bis heute aktiv, und hat sein Aufgabenfeld ausgedehnt auf die Erhaltung der Orgel und der Kirche. Die Orgel erklingt zu Taufen, Gottesdiensten, Trauungen, Trauerfeiern und Konzerten.

Diesen Artikel und noch viel mehr finden Sie im aktuellen Mitarbeitenden-Magazin EKM intern: https://www.ekmd.de/service/ekmintern/februar-2021.html

Und hier sammeln wir alle Artikel zur Serie: https://www.ekmd.de/aktuell/projekte-und-aktionen/orgel-instrument-des-jahres-2021/


Mehr Fotos

Ansicht von unten Orgel Ellichleben  Zustand vor der Restaurierung C-Seite Windlade vom Hauptwerk  Wiedereinbau des restaurierten Pfeifenwerks, C-Seite der Windlade vom Hauptwerk  Spielanlage restauriert Ellichleben

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