"Thüringen wird wilder" | Fünf Prozent der landeseigenen Forste sollen Urwälder werden

Von Dirk Löhr (epd) Schneekopfmoor und Drachenschlucht, Brandesbachtal und Wurzelbergfarmde - diese Thüringer Flecken klingen nicht nur wild, sie sollen es auch sein. Sie zählen zu den fünf Prozent der Wälder im Land, die sich bis 2029 weitgehend selbst überlassen werden sollen.

Einer entsprechenden Einigung hat das rot-rot-grüne Kabinett zugestimmt, wie Landwirtschaftministerin Birgit Keller (Linke) und Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) am Dienstag gemeinsam in Erfurt mitteilten. Über die Flächen hatte es zuvor zwischen beiden Ressorts zum Teil heftige Auseinandersetzungen gegeben.

Insbesondere die Einbeziehung eines 1.001 Hektar großen Waldstückes am Possen im Kyffhäuserkreis hatte für viel Unruhe bis hinein in die Bevölkerung gesorgt. Der jetzt erzielte Kompromiss sieht vor, dass ThüringenForst für die ausbleibenden Erlöse aus dem Holzverkauf entschädigt wird. Zudem soll eine benachbarte Fläche mit einer Größe von 555 Hektar als Erholungswald ausgewiesen werden. Zur Finanzierung stellt das Land jährlich insgesamt 750.000 Euro bereit, erläuterte Keller. Die erste Tranche werde sofort angewiesen.

"Thüringen wird wilder", erklärte Umweltministerin Siegesmund. Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollen auf den vereinbarten Flächen die notwendigen Waldumbaumaßnahmen abgeschlossen werden. Dann beginne ein neuer Zyklus, der die biologische Vielfalt stärke. Vereinbart seien dafür rund 26.500 Hektar von insgesamt rund 520.000 Hektar Wald in ganz Thüringen. Etwa zwei Drittel dieser Flächen - etwa im Nationalpark Hainich - würden bereits jetzt nicht mehr forstwirtschaftlich genutzt.

Weitere größere zusammenhängende Waldflächen sind nach den Angaben der beiden Ministerinnen in der Hohen Schrecke an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt und im Pöllwitzer Wald im Landkreis Greiz zu finden. Letzterer zählt zu den früheren militärischen Liegenschaften, die der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) übertragen wurden. Mit 7.003 Hektar (26 Prozent) bringe die DBU nach ThüringenForst mit 16.769 Hektar (63 Prozent) die größte Fläche in das Naturschutz-Projekt ein, hieß es.

Bei den Naturschutzverbänden stieß die Einigung auf große Zustimmung. Damit würden auch auf nationaler Ebene Maßstäbe für den Erhalt der Wälder gesetzt, sagte der Landesvorsitzende des BUND, Ron Hoffmann. Von ruhenden Motorsägen profitierten nicht nur Pflanzen, Tiere und Natur, sondern auch der Tourismus, sagte der Sprecher der Bürgerinitiative "ProKyffhäuserwald", Dirk Trute.

Landwirtschaftsministerin Keller sprach von einer guten Nachricht für die 1.400 Mitarbeiter von ThüringenForst. Angesicht des schwankenden Holzmarktes sei die zunächst bis 2025 vereinbarte Finanzierung ein gutes Geschäft, das helfe, Arbeitsplätze zu sichern.

Auf der Webseite des Landesunternehmens heißt es dagegen, "Urwälder in Thüringen? Ein schöner Gedanke - aber diese Zeiten sind schon lange vorbei". Auf einer interaktiven Karte lassen sich dort fast alle betroffenen Wälder ansteuern. Per Mausklick stößt man am Schneekopf auf die Alpen-Smaragdlibelle und die Torf-Mosaikjungfer, trifft im Jungfernloch auf Fransenfledermaus und Großes Mausohr und im Kolben in der Rhön auf Grauspecht und Wendehals.

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