Weimar feiert 100 Jahre Nationalversammlung

Weimar (epd). Mit einem Festakt wird am Mittwoch in Weimar an den 100. Jahrestag der Weimarer Nationalversammlung erinnert. Dazu werden neben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auch die Spitzen von Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht in der Klassikerstadt erwartet.

Nach einem ökumenischen Gottesdienst in der Stadtkirche St. Peter und Paul ist am Nachmittag ein Festakt im Weimarer Nationaltheater (DNT) geplant, bei dem Steinmeier eine Rede halten wird. Die Stadt und viele Vereine laden an dem Tag zu einem Bürgerfest ein. Am 6. Februar 1919 war die Nationalversammlung zu ihrer konstituierenden Sitzung im Weimarer Theater zusammengetreten.

Der Gottesdienst mit Ilse Junkermann, Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), und Ulrich Neymeyr, Bischof des Bistums Erfurt, beginnt um 12.30 Uhr. In der Stadtkirche, die besser bekannt ist als Herderkirche - benannt nach dem im 18. Jahrhundert dort tätigen Theologen und Dichter -, hatten sich am 6. Februar 1919 die protestantischen Mitglieder der neu gewählten Nationalversammlung eingefunden. Anders als bei den aktuellen Feierlichkeiten versammelten sich damals die katholischen Abgeordneten in einem gesonderten Gottesdienst in der Weimarer Herz-Jesu-Kirche.

Am Festakt im DNT ab 15.15 Uhr sind auch Reden von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) und Landtagspräsidentin Birgit Diezel (CDU) vorgesehen. Ramelow bezeichnete bereits vorab die Reichsverfassung als Meilenstein für die Entwicklung der Demokratie. Er verwies auf die in ihr verankerten Grundrechte wie die Anerkennung des Volkes als Souverän und die Gleichberechtigung der Geschlechter. Darüber hinaus habe die Verfassung den Staat erstmalig darauf verpflichtet, allen Bürgerinnen und Bürgern ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, sagte Ramelow.

Die Weimarer Feierlichkeiten sind zugleich der Auftakt für das Jahr der Demokratie 2019. Zu den herausragenden Jubiläen der kommenden Monate zählen unter anderem 100 Jahre Bauhaus, 70 Jahre Verabschiedung des Grundgesetzes sowie der Fall der Berliner Mauer und die friedliche Revolution vor 30 Jahren in der DDR.

Irmgard Schwaetzer erinnert an Bedeutung der Weimarer Verfassung

Hannover (epd). Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Irmgard Schwaetzer, hat an die Bedeutung der Weimarer Verfassung für das Verhältnis von Kirche und Staat erinnert. Mit der Weimarer Reichsverfassung sei die Grundlage für das moderne Religionsverfassungsrecht des Grundgesetzes gelegt worden. Es sichere die Religionsfreiheit. Das öffentliche Wirken der Kirchen werde vom Staat in "fördernder Neutralität" geschützt, sagte Schwaetzer am Dienstag in Hannover.

Schwaetzer sagte, bis heute seien die Regelungen der Weimarer Verfassung prägend für das Verhältnis von Staat und Kirche. "Die Freiheit zur Religion bedeutet eben auch, dass den Religionen Raum zur öffentlichen Entfaltung eingeräumt wird", erläuterte die ehemalige Bundesministerin. Das sei von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Zukunft.

Die erste deutsche Demokratie wurde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs am 9. November 1918 ausgerufen. Die Verfassung sah im Bezug auf das Verhältnis zwischen Kirche und Staat die weltanschauliche Neutralität des Staates vor. Der Staat räumte den Kirchen dennoch eine Sonderstellung ein, ermöglichte ihnen, Kirchensteuer zu erheben und in der Wohlfahrt einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.

Die Weimarer Nationalversammlung

Weimar (epd). Die Weimarer Nationalversammlung war das verfassunggebende Parlament der Weimarer Republik. Es tagte vom 6. Februar 1919 bis zum September 1919 in Weimar.

Bei den Wahlen am 19. Januar 1919 wurde die Zusammensetzung der deutschen Nationalversammlung über Parteilisten bestimmt. Erstmalig durften sich auch Frauen am Urnengang beteiligen, wenn sie - wie die Männer auch - am Wahltag ihr 20. Lebensjahr vollendet hatten. Wichtigster Auftrag der Nationalversammlung war die Ausarbeitung und der Beschluss einer Verfassung.

Wegen der angespannten Lage in der Reichhauptstadt wurde ein Umzug des Parlaments in eine ruhigere Umgebung beschlossen. Unter mehreren Städten, die sich um die Ausrichtung bewarben, konnte sich am Ende Weimar gegen die verbliebene Konkurrenz aus Jena, Bayreuth und Nürnberg durchsetzen. Dabei spielte der Klassikerstadt neben ihrer reichen kulturellen Historie - der sprichwörtliche Geist von Weimar - auch deren verkehrsgünstige Lage auf halbem Wege zwischen Berlin und München in die Hände.

Die Nationalversammlung mit ihren 421 Abgeordneten, darunter 37 Frauen, trat am 6. Februar 1919 zum ersten Mal in Weimar zusammen. Die Tagungsstätte, das frühere Hoftheater, war bereits im Januar 1919 in Deutsches Nationaltheater (DNT) umbenannt worden. Vor der Parlamentseröffnung hatten die Abgeordneten noch getrennt nach ihren Konfessionen Gottesdienste gefeiert - die Katholiken in der Kirche Herz Jesu und die Protestanten in der Herderkirche.

Bereits wenige Tage später, am 11. Februar 1919, wählte die Nationalversammlung Friedrich Ebert (SPD) zum Reichspräsidenten und beauftragte Philipp Scheidemann (SPD) mit der Bildung einer Reichsregierung, die am 13. Februar ihre Geschäfte aufnahm. Die Reichsverfassung wurde am 31. Juli 1919 verabschiedet. Ebert unterzeichnete sie am 11. August im südtosthüringischen Schwarzburg in der Sommerfrische, weitere drei Tage später trat sie am 14. August in Kraft.

Ab dem 30. September 1919 tagte die Nationalversammlung im sanierten Reichstagsgebäude in Berlin. Nur noch einmal, während des sogenannten Kapp-Putsches, wichen die Abgeordneten am 18. März 1920 nach Stuttgart aus. Die Nationalversammlung löste sich am 21. Mai 1920 auf. Nach den Reichstagswahlen am 6. Juni 1920 trat der neugebildete Reichstag als Gesetzgebungsorgan an ihre Stelle.

Mit der Weimarer Verfassung erlangte Deutschland seine erste effektive demokratische Verfassung. Das Deutsche Reich wurde zu einer föderalen Republik. Viele Artikel nach dem Entwurf des damaligen liberalen Innenministers Hugo Preuß entstammten direkt der Paulskirchenverfassung von 1849, einige gingen in das geltende bundesdeutsche Grundgesetz ein. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts, des Achtstunden-Arbeitstages, der Trennung von Staat und Kirche und der Begründung des sozialen Rechtsstaats galt sie vor 100 Jahren als eine der modernsten Verfassungen weltweit.

Nach dem Ort ihrer Verabschiedung wird das Deutsche Reich in der Zeit von 1919 bis 1933 als Weimarer Republik bezeichnet. Der 11. August wurde in ihren späteren Jahren ein Nationalfeiertag.

Die Weimarer Herderkirche

Weimar (epd). Die Chronik der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul kann sich sehen lassen. Martin Luther (1483-1546) etwa predigte mehrmals in der spätgotischen Hallenkirche, die in den Jahren 1498 bis 1500 auf den Resten eines älteren, durch Feuer zerstörten Gotteshauses errichtet wurde.

Zwischen 1518 und 1540 stieg Luther immer wieder auf die Kanzel, wenn er - oft auf der Durchreise - in Weimar zu Gast war. Johann Sebastian Bach (1685-1750) verbrachte mehr als neun Jahre in der Stadt an der Ilm. Zwischen 1708 und 1717 musizierte er auch in St. Peter und Paul; sechs seiner Kinder wurden dort getauft.

Der Dichter und Theologe Johann Gottfried Herder (1744-1803) wirkte von 1776 bis zu seinem Tod als Oberhofprediger, Oberkonsistorialrat, Generalsuperintendent und Pastor an der Stadtkirche, die seitdem im Volksmund seinen Namen trägt. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts an bis Anfang des 17. Jahrhunderts war die Stadtkirche die fürstliche Grablege der ernestinischen Wettiner.

Die Niederlage des Herzogtums im Schmalkaldischen Krieg kostete 1547 Johann Friedrich I. die Kurwürde. In der Folge verlor er auch weite Teile seiner Ländereien an seinen Vetter Moritz und verbrachte die letzten Lebensjahre in Weimar. Neben den prächtigen Grablegen macht vor allem der 1555 von Lucas Cranach dem Jüngeren gemalte Flügelaltar die Kirche zu einem Besuchermagneten. Bemerkenswert ist auch der Lutherschrein, ein Triptychon aus dem Jahr 1572, das Martin Luther als Mönch, als Junker Jörg und als Magister zeigt.

Vor ihrer ersten Zusammenkunft im Deutschen Nationaltheater besuchten die protestantischen Mitglieder der neu gewählten Nationalversammlung am 6. Februar 1919 einen Gottesdienst in der Herderkirche. Anders als bei den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestags dieses Ereignisses war damals an Ökumene noch nicht zu denken - die katholischen Abgeordneten nutzten für ihren Kirchgang die Weimarer Herz-Jesu-Kirche. Das Thema der historischen Predigt in der Herderkirche blieb dagegen aktuell: "Ich gebe euch Hoffnung und Zukunft", ein Bibelwort des Propheten Jeremia.

Bei Luftangriffen wurde die Kirche am 9. Februar 1945 durch Bomben stark beschädigt. Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) stiftete im August 1949 bei einem Besuch in der Klassikerstadt die 20.000 (Ost-) Mark für den ihm verliehenen "Goethe-Nationalpreis" für den Wiederaufbau der Kirche. Am 14. Juni 1953 erfolgte die feierliche Wiedereinweihung. 60 Jahre später - im August 2013 - wurde direkt neben der Kirche das Herderzentrum als Veranstaltungs- und Begegnungsort eröffnet. Nach sechsjähriger Sanierung erstrahlt die Herderkirche seit Ende 2016 wieder in neuem Glanz.

Die Kirche ist seit 1998 Bestandteil des Unesco-Weltkulturerbes "Weimarer Klassik". Sie zählt neben der Wartburg, der Gedenkstätte KZ Buchenwald und den Weimarer Klassikerstätten zu den touristischen Highlights Thüringens. Jährlich werden etwa 200.000 Besucher gezählt.

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