21.08.2020
"Wir haben Glocken läuten lassen, damit die Polizei die Menschen nicht verprügelt"

Seit der umstrittenen Präsidentschaftswahl gibt es in Weißrussland Massenproteste gegen Machthaber Alexander Lukaschenko. Wie die Lutheraner das vor Ort sehen, erzählt Pfrarrer Vladimir Tatarnikov aus der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Grodno, der einzige Gemeindepfarrer in ganz Weißrussland, im Interview mit Dariusz Bruncz von ewangelicy.pl.

Dariusz Bruncz von ewangelicy.pl: Wie sehen die Lutheraner die Situation?

Vladimir Tatarnikov: Nach den Massenprotesten der vergangenen Tage kam es im ganzen Land zu Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. Sowohl die römisch-katholische als auch die orthodoxe Kathedrale öffneten ihre Türen für Demonstrierende, damit sie Schutz finden konnten. Die evangelisch-lutherische St. Johanneskirche befindet sich im Stadtzentrum von Grodno. Gleich neben der Kirche steht die Hauptpolizeistation für Stadt und Bezirk. Dort wurde der Einsatzstab der Polizei stationiert. Deswegen wurde das Gelände rund um unsere Kirche abgeriegelt. Alle Kirchen in der Stadt, auch die lutherische, läuteten ihre Glocken, damit die Polizei aufhörte, Menschen zu verprügeln. Das war unser ökumenischer Appell an die Polizei, die Protestierenden nicht zu schlagen. Unsere Kirchen war geöffnet für alle Schutzsuchenden und natürlich für das Gebet. Ähnlich war es in anderen Kirchen. Es war wichtig, denn die Menschen, die in der Stadt unterwegs waren, sei es auf ihrem Weg nach Hause oder beim Spaziergang, wurden von Sicherheitsdiensten geprügelt und mitgenommen. Darüber hinaus werden mehr als 80 Menschen vermisst und keiner weiß, wo sie sich derzeit befinden.

Wie viele Lutheraner gibt es in Grodno und in ganz Weißrussland?

Tatarnikov: In Weißrussland gibt es zwei Großkirchen: die orthodoxe und die römisch-katholische Kirche. Unsere evangelisch-lutherische Kirche ist sehr klein und hat eine sehr schwierige Geschichte. Die Kirchengemeinde in Grodno unterstand vor dem Zweiten Weltkrieg dem Konsistorium in Warschau. Danach lösten die Kommunisten die Gemeinde auf und in der Kirche wurde ein Stadtarchiv eingerichtet. Alle Lutheraner wurden von Stalin nach Kasachstan oder Kirgistan vertrieben. Heute haben wir Gemeinden in Minsk, Witebsk und Grodno, wo es landesweit die einzige lutherische Kirche gibt.

Gibt es für die evangelisch-lutherische Kirche in Weißrussland Einschränkungen? 

Tatarnikov: Wir unterhalten gute Beziehungen zum Oberbürgermeister von Grodno, aber im Land gibt es gewisse Hindernisse. Wir sind keine Kirche im rechtlichen Sinne, weil wir zu wenige Kirchengemeinden haben. Wir dürfen weder ausländische Pastoren zu Gottesdiensten einladen, nicht einmal aus Russland, noch können wir Vereinbarungen mit Vertretern anderer lutherischer Kirchen aus dem Ausland auf weißrussischem Territorium schließen. Hinzu kommt die Tatsache, dass jede Hilfe, sei es finanzielle oder sachliche Unterstützung, bei entsprechenden Ämtern registriert werden muss. Und wir dürfen nicht jede Hilfe in Anspruch nehmen. Wenn uns unsere Schwestern und Brüder aus der lutherischen Kirche im Ausland Geld für Strom- und Wasserrechnungen spenden, müssen wir davon 18 Prozent Steuern entrichten. In den vergangenen Jahren erhalten wir Hilfe vom Zentrum für Mission und Evangelisierung der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen im Rahmen der diakonischen Initiative "Christbaumgeschenk". Die Sachspenden erreichen uns im November, aber die Genehmigung für ihre Verwendung und Bescherung der Kinder kriegen wir erst im März des darauffolgenden Jahres. Und obendrein müssen alle Veranstaltungen, die keine Gottesdienste sind, sondern zum Beispiel Konzerte, mit der Stadtverwaltung abgesprochen werden.

Wie sieht die nationale Struktur der lutherischen Kirche in Weißrussland aus?

Tatarnikov: Die Mehrheit unserer Gemeindemitglieder sind derzeit Weißrussen, die der lutherischen Kirche beitraten, weil sie sich von der Botschaft der Reformation angesprochen fühlten. Wir haben auch eine deutsche, eine estnische und eine finnische Familie. Wir fühlen uns geistig verbunden mit dem Bund Evangelisch-Lutherischer Kirchen in Russland, Kasachstan und der Ukraine (ehemals ELKRAS). Ich bin der einzige Gemeindepfarrer in ganz Weißrussland und dazu kommen noch zwei Diakone in Grodno und Witebsk. Allmählich planen wir weitere Gemeindegründungen. Wir sind der evangelischen Kirche in Polen dankbar für Hilfe und Fortsetzung der Zusammenarbeit. Wir pflegen freundschaftliche Kontakte zu Pfarrer Tomasz Wiglasz aus dem ostpolnischen Białystok, sowie zum Diözesanbischof der Masuren-Diözese Pawel Hause (Kętrzyn/dt. Rastenburg).


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