Predigt Landesbischof Friedrich Kramer Festgottesdienst zur Einsegnung der Diakoninnen und Diakone am Sonnabend vor dem 1. Advent 30.11.2024 um 10.00 Uhr in der Augustinerkirche Erfurt
Festgottesdienst zur Einsegnung der Diakoninnen und Diakone am Sonnabend vor dem 1. Advent 30.11.2024
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
AMEN
Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder und heute besonders: liebe Diakoninnen und Diakone!
Heute ist ein Fest unserer Kirche, denn wir feiern die feierliche Einsegnung von Ihnen, die Sie das diakonische Amt ergreifen werden. Was für eine Freude für uns alle und was für ein Fest. Heute ziehen Sie ein in den Dienst als Diakoninnen und Diakone und wir als Gemeinde rufen: Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herren, so wie es in unserem heutigen Predigttext beim Einzug Jesu in Jerusalem gerufen wurde.
Da ist ein geschäftiges Treiben in Jerusalem, liebe Gemeinde. Die Stadt ist viel voller als sonst, zigtausende sind unterwegs; aus allen Himmelsrichtungen kommen sie zum großen Fest, dem Passah. Nur noch wenige Tage bis zum Beginn. Man erledigt letzte Einkäufe in den fein herausgeputzten, festlich geschmückten Geschäften. Da ist ein emsiges Kommen und Gehen. Die Preise sind hoch, höher als sonst, aber die Leute kaufen; schließlich kommt man nicht so oft hierher und das große Fest steht bevor. Es gibt Verkehrsstaus und Müllberge. Aber es ist das große Fest, das alle zusammenführt. Hört was dort geschah und wie es bei Matthäus im 21. Kapitel beschrieben wird:
“1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus 2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir! 3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen. 4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): 5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.« 6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, 7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf. 8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. 9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! 10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der? 11 Das Volk aber sprach: Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa.”
Gott schenke uns ein Herz für sein Wort
und ein Wort für unser Herz! AMEN
Trubel und Bewegung, festliche Stimmung und dann taucht am Horizont des Ölbergs gegenüber der Stadt auf einmal ein ganz besonderes Grüppchen auf. Einer sitzt auf einem Eselchen und die Schar seiner Freunde ist um ihn herum. Was die wohl in der Stadt möchten? Die Volksmenge erkennt ihn: Das muss dieser Jesus sein!
Man erzählte sich im Land viel über diesen wundersamen Menschen. Er predigt kraftvoll, ja er soll heilen können und von ihm geht eine Faszination aus, aber viele wissen nicht recht, was sie von ihm halten sollten. Er hatte ihnen eine neue Botschaft gebracht, Worte, die sie nie zuvor gehört hatten. Musste man ihm misstrauen, war er einer der Typen, die sich selbst aufdrängen mit reißerischen Botschaften und bei denen doch nichts dahintersteckt? Aber sie wussten auch um die vielen guten Taten, die er getan hatte; wie er die Armen unterstützt hatte, sich mit Menschen eingelassen, die in der Gesellschaft verachtet oder vernachlässigt wurden. All das war in Galiläa geschehen, in der Provinz, draußen auf dem Land. Und jetzt hier in der Metropole, im Zentrum, in der Hauptstadt?
Vielleicht, ja vielleicht ist er ja wirklich der Messias, auf den sie so lange gewartet und für dessen Kommen sie so oft gebetet hatten. Es könnte sein. Ja, es könnte sein. Sollen wir ihm die Ehre erweisen und ihn bejubeln? Doch was hier beschrieben wird, so habe ich in der Christenlehre gelernt, ist eine Ehre, wie man sie nur einem König erwies, ein umjubelter Einzug mit allem Drum und Dran. Aber ist das wirklich ein Königseinzug? Ist das nicht eher eine Erinnerung an den Eselshirten Saul, der auszog, um die Esel zu suchen und als gesalbter König heimkam? Oder ist das eine Parodie auf die Triumphzüge der Römer, die auch in Jerusalem mit Pferden und Streitwagen und mit, Lorbeerkränzen und Standarten einzogen? Was wird hier gespielt?
Sie werden von dem Spiel der Jünger und Jüngerinnen mitgerissen, ein fröhliches Theater der Unterdrückten. Hier kommt kein Unterdrücker, sondern der Friedenskönig, sanftmütig daher. Und sie legen Kleider auf den Boden, damit Jesus nicht auf der bloßen Erde reiten muss, sie streuen abgeschnittene Zweige auf den Boden und werfen ihm Blumen zu. Sie jubeln und singen Freudengesänge, begleitet vom stakkatoartigen Rufen: Hoscha-na, Hoscha-na, Hosianna. Ein fröhlicher Spaß, der die Römer verspottet und gewaltfrei die Befreiung ausruft. Der hier kommt ist von Gott! Hosianna. Ein alter hebräischer Ruf, ursprünglich ein: Hilf doch Herr, das aber als Ruf der Freude und des Jubels verstanden wurde: Hier hilft Gott. Und sie nennen Jesus den Davidssohn, der auf dem Esel als dem Reittier des Messias in die Heilige Stadt einzieht.
Und die Szene muss wirklich lustig ausgesehen haben, denn sie legen die Kleider auf die Eselin und das kleine Füllen und darauf sitzt Jesus. Wie konnte er sich halten auf diesen beiden Tieren? Das hoppelnde Füllen unter der Decke war sicher ein lustiger Anblick und alles andere als als ein würdiger Einzug auf einem Streitwagen. Spüren wir noch den Spaß und die Freude, die hier aufflammt. Lachen das befreit und doch wird genau deutlich was geschieht. Eine andere Macht, die Macht der Sanftmut und Liebe und der Freude zieht ein.
Heute feiern wir hier die Einsegnung und Ihr seid einen Weg zusammen gegangen in der Ausbildung zum Diakon. Ihr habt den Ruf in dieses Amt in Euren Herzen geprüft und wollt heute in den Dienst dieses Königs treten, der sanftmütig und freundlich ist, der uns das diakonische Handeln vor Augen stellt, als das, was am Ende zählt: Ich war hungrig und ihr habt mir zu Essen gegeben. Ich war durstig und ihr gabt mir zu trinken, ich war nackt und ihr habt mich gekleidet. Gott kommt in den Armen, Gefangenen und Kranken zu uns und will das wir ihn aufnehmen mit Freude und Herzlichkeit. Ihr wollt diesen Weg gehen und diesem Messias folgen. Darüber freuen wir uns und preisen Gott.
Die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem erzählt auch von Täuschung und Ent-Täuschung. So wie wir sie immer wieder auch im Glauben erleben und daran wachsen können. Jerusalem erwartet den verheißenen Messias. Einmal wird er kommen, der Friedenskönig, der auf einem Esel reitet, statt hoch zu Ross. So steht es in den Prophetenbüchern, etwa bei Sacharja, so wie es vom Evangelisten Matthäus in seinem Bericht zitiert wird. Und jetzt, beim Einzug Jesu nach Jerusalem ist dieser Friedenskönig da. Und viele erhoffen sich Befreiung. Weg mit den herrschenden Römern. Wieder ein eigenes Reich, wie in den Zeiten von König David. Der Tag ist gekommen, den dazu passenden Jubelruf in die Gassen zu rufen: Hosanna dem Sohn Davids. Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn. Das Volk macht sich einen Spaß daraus und ist begeistert. Aber die Römer verstehen keinen Spaß und werden ihn am Kreuz töten. Jesus hat das Charisma und das Zeug dazu, gegen die Römer zu vereinen. Aber wie bescheiden er ist, wie sanft und demütig. Er reitet auf einem Esel. Das ist einer von uns, ein bodenständiger, ein einfacher. Das muss der Richtige sein. Das Volk winkt mit Tüchern und Palmenzweigen. Alles jubelt und johlt. Die ganze Stadt ist in Aufregung. Der Evangelist Matthäus bringt den Anlass mit spitzer Feder auf den Punkt, indem er ans Ende seines Berichts die Frage setzt: Wer ist der? Super Stimmung und erst am Ende die Frage: Worum geht es hier eigentlich? Die Erzählung berichtet von einem Hype. Jesus wird gehypt. Ein schnell verpuffter Begeisterungsschwall, Spaß an der Inszenierung gegen die Römer und doch viele blind dafür, worum es geht.
Ein paar Tage später wird Jesus die Stadt wieder verlassen. Er jubelt nicht über Jerusalem, er weint über die Stadt, weil Jerusalem nicht erkennt, was zum Frieden führt. Er rühmt den Tempel nicht, sondern er wird ihn besuchen und feststellen, dass er kein Haus des Gebets mehr ist, sondern ein Ort der Geschäftemacherei. So wird er die Stadt
als Verurteilter verlassen, mit einem Kreuz auf den Schultern. Mit dem Blick auf den Gekreuzigten erleben einige wenige dann die Ent-Täuschung, und sie erkennen die Wahrheit, wie Gottes Macht so anders ist, als Menschen ihren «Gott mit uns» erwarten.
Mächtig sind für uns die Menschen an der Spitze von Regierungen, Konzernen und Gerichten. Mächtig gelten die Menschen, die über Vieles und Viele bestimmen können, die mehr gelten als andere. Man gilt etwas, weil andere gehorchen müssen. Das war auch zur Zeit Jesu so. Der Inbegriff von Macht war der Kaiser. Seine Meinung war Befehl, ihr wurde Geltung verschafft. Das jubelnde Volk spielt eine Gegenwacht und viele hoffen, dass Jesus eine Stimmung erzeugt, die eine Abrechnung mit der Römermacht möglich macht. Gottes Macht zeigt sich an Jesus aber ganz anders. „Denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit“, so hat es Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Korinth formuliert (2 Kor 12,9).
Wer ist der? fragt es aus der Menge der Drauflosjubelnden. Es ist ein in dieser Welt Ohnmächtiger, einer, der niemanden braucht, über den er sich erheben muss und bestimmen kann. Seine Geltung hat er von Gott allein. Und dem vertraut er so sehr, dass er diesen momentanen Hype um seine Person freundlich und sanft über sich ergehen lässt. Leid und Tod wird er in Kauf nehmen. Auch wenn ihm die Mächtigen das Leben nehmen werden, er verlässt sich auf Gottes Macht, über den Tod hinaus. Gott vollendet, wo der Mensch nichts mehr kann.
Das ist eine große Ent-Täuschung über Gott, dass er nicht mit Gewalt und Macht kommt, sondern mit Sanftmut und Liebe, die immer ein Ohnmachtskleid trägt. Wir kennen dagegen die Fragen wie: Gott, wie kannst du das zulassen? Damit zeigen wir unsere Täuschung über Gott, nämlich unsere Annahme, dass Gott nur dort sein kann und soll, wo kein Leid und keine Not sind. Eine gerechte und heile Welt, die aber nicht der Wirklichkeit entspricht. Wo Gott lediglich unseren eigenen Vorstellungen dient und für die eigenen Wünsche zuständig ist; so, wie wir die heile Welt gerne hätten und zu unserem Nutzen. Im Christusgeschehen wird die machtverliebte Gottessicht enttäuscht, denn seine Macht ist von ganz anderer Qualität. Und mit dieser Macht der Liebe und der Hoffnung und des Glaubens verbunden zu sein, dass ist das große Geschenk, wenn wir Christus in unser Herz einziehen lassen.
Ihr, liebe Diakoninnen und Diakone habt ein offenes Herz für den Friedenskönig, der sanftmütig zu Euch kommt, der die Lasten mittragen wird, wie eine Eselin und der Dich nicht erniedrigen und klein machen, sondern Dich tragen, erhöhen und froh machen will. Ihr werdet von diesem Messias künden und sein Reich unter uns feiern in Brot und Wein, ihr werdet sein Wort weitersagen und Menschen in den Nöten und Sorten beistehen, weil ihr eine tiefe Verbundenheit mit Gott habt.
Denn im christlichen Leben geht es um das Verbundensein mit Gott. Da ist zuerest unser persönliches Verbundensein, aber darauf beschränkt es sich nicht. Wir können verstehen, dass alles Leben mit Gott verbunden ist, dass alles aus Gott belebt ist und alles zu Gott hin stirbt und lebt. In Jesus zeigt sich dieser «Gott mit uns», dieser Immanuel, der nicht meiner Heile-Welt-Vorstellung entspricht, sondern mit allem Leid, über Sterben und Vergehen hinaus der lebendige Gott ist. In Jesus begegnet einer, der weiß, dass Gottes Reich nicht von dieser Welt ist und doch mitten unter uns ist, wo wir ihm folgen und ihn einlassen. Christus lässt im gespielten und fröhlichen Triumphzug hinauf nach Jerusalem und im bitterernsten Kreuzweg nicht davon ab, dass Gottes Reich ganz und gar für diese Welt ist. Er nimmt die Sünde der Welt auf sich und stirbt für uns alle und alle Menschen.
Täuschen wir uns nicht. Die Ent-Täuschung fordert unseren ganzen Glauben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit der ganzen Kraft (Dtn 6,5). Das Verbundensein mit Gott lebt mit uns. Mit unseren Leben, ja, mit unseren Leben, ist Gott mit der Welt verbunden. Wo das geglaubt und gelebt ist, bricht Reich Gottes herein. Das Reich Gottes bewährt sich nicht in der geträumten heilen Welt von ewiger Jugend, Gesundheit und Spaß; nicht in der gehypten Welt, sondern in der wahren Welt, wo Freude und Leid, Leben und Tod dazugehören.
Was erwartet ihr von Gott? Was erwartet ihr, wie Gott euer Leben, wie er Euren Dienst braucht? Mit der Einsegnung als Diakoninnen und Diakone unserer Kirche zeigt ihr öffentlich, dass ihr mit diesem Gott leben wollt, dass ihr viel von ihm erwartet und dass ihr weitersagen wollt, was euch heiter und gelassen macht. Aber auch, dass ihr nicht verschweigen wollt, dass Heilsames und Schweres ineinander verwickelt sind. Gott lässt diese Verwicklung zu und ist in ihr mit uns verbunden: im Leid und in der Freude, im Zweifel und im Glauben, in der Furcht und in der Hoffnung. Hinter allem steht Gottes Verbunden-Sein mit uns, seine Liebe zur Welt, die er uns im Advent jedes Jahr in besonderer Weise zeigt, gottlob auch in diesem Advent.
Seine Ankunft feiern wir heute in Eurer Entscheidung ihn nicht nur einzulassen, dass er bei Euch ankommt, sondern auch darin, dass ihr mit ihm ziehen wollt. Darin segne Euch und uns alle der dreieinige Gott. AMEN
Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christo Jesu!
AMEN