15.09.2019
Predigt von Regionalbischöfin Dr. Friederike Spengler zur Goldenen Ordination

Am 15. September 2019 in der Georgenkirche Eisenach

Liebe Festgemeinde - Schwestern und Brüder, vor allem aber: liebe goldene Ordinanden,

„Treuer Gott, wir danken Dir für unseren Pfarrer / unsere Pfarrerin und für den Segen, den du auf seine /ihre Arbeit gelegt hast. (…) In Gedanken an Fehler und Versäumtes hilf unserem Pfarrer /unserer Pastorin, barmherzig mit sich selbst zu sein. Wandle in Segen, was nicht gelungen ist. Und vergib uns, was wir ihm/ihr schuldig blieben.“ Mit diesem oder einem ähnlich formulierten Gebet wurden Sie vor Jahren aus dem aktiven Dienst verabschiedet.

Barmherzig mit sich selbst zu sein, gehört (oder gehörte jedenfalls) nicht gerade zu den Kardinaltugenden evangelischer Erziehung. Das Leben ist Dienst und der Dienst ist das Leben, basta. Es gibt nur wenige Berufsgruppen, die sich so ausliefern mit ihrem ganzen Sein, wie Pfarrer, Priester, Ordensleute.  Da bleibt mitunter etwas auf der Strecke, da bleiben welche am Rande liegen: Familie, Freunde, man selbst. Wir bleiben einander und uns immer etwas schuldig. Barmherzig mit sich selbst sein: Sich nicht nur akzeptieren können, wie man ist, sondern sich selbst lieben, weil Gott uns liebt, mit Herz und Verstand, Haut und Haar. Das klingt so einfach, klingt mehr als selbstverständlich und ist doch oft ein schweres Geschäft! Doch genau so muss der Weg beginnen, damit Barmherzigkeit nicht zur Pflichterfüllung, Liebe nicht zum Zweck wird. Die Texte für diesen Sonntag beschreiben einen genialen, einen großen Barmherzigkeitsbogen, den ich in seinem Gesamtzusammenhang wahrnehmen möchte. Ein Gewölbe wird sichtbar, ein Lebensraum der Barmherzigkeit Gottes, in den wir eingeladen sind. Seine Zuwendung, seine Liebe meint dich, deine Familie und Freunde, ja selbst deine Feinde. Damit ist überboten was uns sonst vielleicht verbinden würde: Blutsbrüderschaft, Familienschwüre. Alles überholt. Vielmehr bietet diese Barmherzigkeit einen Ermöglichungsraum, der uns bereits gegeben ist. Wir sind hineingestellt in den Horizont der Liebe Gottes. Und so verstehe ich auch die durchaus befremdliche Reaktion Jesu auf die Ansprache der Jünger: „Siehe, da draußen sind deine Mutter und deine Brüder und Schwestern und fragen nach dir.“ Und Jesus antwortete „Wer ist meine Mutter und meine Brüder“ Und er sah ringsherum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gotte Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ (so der Predigttext aus Mk 3, 31ff)

 „Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Die Frage, die Jesus von einem Gesetzeslehrer gestellt wird – wir haben sie im Evangelium gehört - findet im Raum der Barmherzigkeit Gottes eine völlig unerwartete Antwort. Dabei war die Frage von ganz anderen Interesse geleitet: „Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ Die Frage stellt einer, der sich hervorragend in den Schriften des Volkes Israel auskennt, der dir Tora täglich studiert und die Gesetze Gottes in und auswendig kann. Und dennoch fragt er. In der Anrede „Meister“ gesteht er Jesus einen Ehrentitel zu und macht deutlich, dass er ihm die Antwort ohne Wenn und Aber zutraut. Der Meister, bewandert in jüdischer Lehre und bestens unterwiesen in den Gesetzen, geht mit dem Gesetzeslehrer auf Augenhöhe: „Was steht im Gesetz? Was liest du?“ Der Gesetzeslehrer  kennt natürlich die Antwort. Er könnte sie aufsagen, selbst wenn man ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen würde: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben von ganzem Herzen, mit all deiner Kraft und deiner ganzen Vernunft und deinen Nächsten, wie dich selbst.“ Richtig geantwortet, sagt Jesus. Also lebe danach. Hier könnte das Gespräch zuende sein. Ist es aber nicht. Dazu ist es dem Gesetzeslehrer viel zu wichtig, es geht schließlich um etwas, vielmehr: es geht um alles! Dass, was dieser bestens ausgewiesene Jude für sich klären muss, ist die Jackpot-Frage: Alles oder nichts.

Die Geschichte, die Jesus nun erzählt, ist Euch, liebe Schwestern und Brüder, die Ihr heute hier zum Gedenken an die Ordination vor 50 Jahren sitzt, unzählige Male erzählt, gepredigt, gehört und kreativ umgesetzt worden. Sie gehört zu den bekanntesten Geschichten der Bibel und manch einer hat vielleicht auf einer Reise nach Israel auch schmunzeln müssen, als man ihn auf den angeblichen Standort der Herberge am Weg zwischen Jerusalem und Jericho hinwies: Holy place! Ja, natürlich, alles heilige Orte. Kein Gedanke daran, dass Jesus hier eine Geschichte erzählt, die uns zum Verstehen einlädt.

Und so lassen wir uns einladen in diese Geschichte von der barmherzigen Liebe. Vielleicht entdecken wir dabei einen ganz neuen Aspekt, einen, den wir bisher nicht gehört haben. Gottes Wort ist das zuzutrauen, es überrascht immer wieder. Es überrascht vor allem dort, wo wir es mit unserem Vorwissen gar nicht mehr erwarten. Sehen wir also auf die so bekannte Geschichte: Heute in den Augen der Malerin Paula Modersohn-Becker. (Foto)

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Paula Modersohn-Becker, BarmherzigerSamariter

Eine wunderbare Szenerie: Satte Farben. Die Ölfarbe aufgedrückt mit jedem Pinselstrich, so, als wollte sie auch daran nicht sparen – blühendes Leben! Im Zentrum ein Baum voller reifer Früchte, übervoll. Die Zweige können sie kaum tragen. Weiter unten auf dem Hügel eine große Blume in warmem Goldgelb. Paula Modersohn-Becker führt uns mit ihrem 1907 entstandenen Gemälde eine ganz andere Seite der Geschichte vor. Nicht die Darstellung der Grausamkeit eines unter die Räuber gefallenen Opfers, Nicht die Ignoranz derer, die sich diesem Elend gegenüber verschließen. Nicht die beängstigende Hilflosigkeit, der dieser Mensch ausgesetzt ist – bis auf die Haut entkleidet und alles entbehrend, was er dringend braucht. Nein, im Mittelpunkt des Bildes stehen zwei Menschen, die sich zu Nächsten werden. Ein Perspektivwechsel! Jesus führt die Frage „Aber wer ist denn mein Nächster?“ über den Fragenden selbst hinaus. Er enttarnt die Frage als Suggestivfrage: „Es ist ja wohl klar: Ich kann doch gar nicht alle retten! Wir sind doch nicht das Sozialamt der Welt! Man muss doch Prioritäten setzten! Also, Jesus, mal ehrlich: Wen soll ich retten und wen oder was kann ich links liegen lassen?“ Paula Modersohn Becker lädt alle Fragenden in ihr Bild der Barmherzigkeit Gottes ein. „Es geht nicht darum, dass ein anderer dein Nächster ist, sondern dass du der Nächste eines anderen bist. Verstehst du den Unterschied?, lässt sie Jesus uns fragen. „Hier wohnt Gotte Liebe. Hier baut die Barmherzigkeit Gottes einen Lebensraum und du bist Teil davon. Lass dir von ihm Barmherzigkeit schenken. Lass dich von ihm lieben. Wenn dich dies ergriffen hat, dich ausfüllt, dich so ganz und gar, mit Leib und Seele erwischt, wird alles andere von selbst kommen. Sei sicher, dir werden schon die vor die Füße gelegt, denen du dich würdig erweisen darfst, ihr Nächster zu sein. Und dann wird es auf dich ankommen, ob du auf die Uhr schielst und eine gute Ausrede erfindest oder in dein Portemonnaies und nur den Euro vom letzten Einkaufswagen aus der Hosentasche pulst. Ob du dich bei aller Vor- und Abrechnerei selbst verlierst. Darauf wird es ankommen. An dem Ort, wo DU eines ANDEREN Nächster wirst, ist alles da. Das ewige Leben fließt dir entgegen, das Reich Gottes ist mitten unter uns, es wächst auf, erkennst du es denn nicht?“

Das Wort „Lieben“ ist im Aramäischen, der Sprache Jesu, mit dem Dativ verbunden, dem „Dativus ethicus“. Ich werde also nicht aufgefordert, eine bestimmte Person zu lieben, sondern mich jemandem gegenüber liebevoll zu verhalten. Es geht es nicht um mein Gefühl, sondern um meine Haltung.

Liebe Deinen Nächsten, wie dich selbst. Achte die Rechte des Nächsten, wie du deine Rechte achtest. Gerade im Blick auf die, mit denen wir es schwerhaben – bis hin zum unglaublichen Gebot der Feindesliebe – ist das eine Lebensaufgabe, mit der wir wohl nie fertig werden.

Paula Modersohn Becker setzt die Geschichte direkt aus Jesu Mund in Farbe um: so herrlich üppig, dass die Gestalten, die da weg-eilen, schlicht und einfach verblassen. Lass sie doch laufen, was solls! Um die geht es nicht. Es geht einzig und allein um das, was hier geschieht: Dass da einer ist, dem ich jetzt, in diesem Augenblick ein Nächster sein darf, indem er mir zum Nächsten wird.

Ja, Herr, in dieser Barmherzigkeit will ich leben! Amen.


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