07.09.2019
Gottesdienst zur Einführung von Landesbischof Friedrich Kramer als Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Am 7. September 2019 im Dom St. Mauritius und Katharina zu Magdeburg
Predigt zu Mt 10,1.5a.7-8.32-33.40 

Gnade sei mit euch und Friede von dem der da war, der da ist und der da kommt, Christus Jesus, Amen.

"Und er rief seine zwölf Jünger zu sich ... und sprach: Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus."

Diese Aufgabe ist viel zu groß. Diese Aufgabe ist einfach nicht zu schaffen für mich. Diese Aufgabe ist viel zu groß auch für dich. Diese Aufgabe ist viel zu groß für unsere mitteldeutsche Kirche: Tote aufwecken, Kranke heilen, Aussätzige reinmachen, Dämonen austreiben. Wir haben doch schon genug zu tun mit dem, was wir uns selbst vorgenommen haben – an Strukturreformen, an Umbau, am Versuch, nicht völlig zu verzweifeln – und jetzt noch das obenauf. Ist das nicht ein bisschen viel?

Aber, davor steht der Satz: "Gehet hin und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“

Zu wem eigentlich schickt Jesus seine Jüngerinnen und Jünger? Zuerst zu den Schafen des Hauses Israel. Ihnen, Israel, gehört das Heil zuerst. Israel ist das erwählte Volk, aus dem auch der Jude Jesus kommt. Er schickt seine Nachfolgerinnen und Nachfolger zuerst nach Israel, zuerst zu den Schwestern und Brüdern.

Wir halten also fest, was wir lange in unserer Theologie falsch gesehen und falsch gesagt haben: Zuvorderst gehört das Heil und gehört das Himmelreich den jüdischen Schwestern und Brüdern Jesu. Und das gilt bis heute. Ihre Erwählung gilt und wird von Jesus bestätigt.

Welche Aufgaben nun traut Jesus seiner Jüngerschaft zu?

Da ist zuerst: Tote auferwecken. Das ist eigentlich die zweite Aufgabe, aber ich fange damit an, weil sie mir am schwersten erscheint.

Dass Jesus Tote auferweckt, und dass es die Auferweckung der Toten gibt, das bekennen wir jedes Mal im Glaubensbekenntnis. Und ich glaube das auch. Ich glaube an die Auferstehung der Toten. Aber dass ich oder dass du oder dass wir Tote auferwecken sollen! Ist das nicht harter Tobak? Zwei Gedanken, wie dies gelingen kann:

Als der verlorene Sohn sein Erbe sich auszahlen lässt, in die Fremde zieht und es durchbringt, mit Huren und Prassen, und dann zurückkommt zum Vater, da sagt der zu den Knechten: „Mein Sohn war tot und nun ist er wieder lebendig.“

Heimkehr zu Gott, Rückkehr zur Mutter Kirche – das ist Totenauferweckung.

Darum laden wir Jede und Jeden ein zurückzukommen. Wir sind die einzige Ex, die sich freut, wenn man zurückkommt! Und was ist da alles möglich?

Wir hören immer die Austrittszahlen, aber jedes Jahr treten Tausende in Deutschland wieder in die Kirche ein. Machen Sie mit, seien Sie dabei! Eine sehr gute Idee! Und lasst uns daran arbeiten, dass Menschen Lust haben, vom Tod ins Leben zu kommen, wieder hineinzutreten und mitzumachen. Und dabei kommt es auf jede Einzelne und jeden Einzelnen an.

Eine andere Idee zur Totenauferweckung: Sie findet überall dort statt, wo wir die Musik der Alten Meister spielen und singen. Und auch der neuen Meister. Wo beschriebenes Papier zu lebendiger Musik und zu Tönen wird, wo sich die Erfahrung und die Fähigkeit der großen Meister mit dem Atem derer mischt, die Lust haben mitzusingen, und wo diese wunderbare Resonanz unsere Herzen lebendig werden lässt, in unseren Chören, in unseren Orgeln, in unseren Posaunen und an den E-Gitarren, Schlagzeugen – da werden wahrhaft Tote auferweckt und das sollten wir fröhlich weiter so tun.

Die zweite Aufgabe die Christus seiner Jüngerschaft mitgibt, heißt: „Macht Kranke gesund.“

Die Hauptkrankheit, die wir in unserer Zeit haben und die sich zurzeit weltweit wie eine Seuche ausbreitet, ist die ICH-Sucht. Ich, ich, ich! Wenn es so weitergeht und wenn es nicht so gemacht wird wie ICH es mir vorstelle – dann ist das schlecht, undemokratisch, dann ist es ungerecht. Wenn es nicht so ist, wie ICH mir das denke – dann kann es einfach nichts Richtiges sein. Amerika zuerst. Deutschland zuerst. Wo soll das hinführen?

Die Verkrümmung des Menschen, der nur noch auf sich selbst schaut und immer weiter sich verkrümmt, weil er nur sich selbst sieht, nennt die kirchliche Tradition Sünde. Und diese Sünde macht unsere Gesellschaft kaputt. Egoismus führt dazu, dass wir die Grundlagen der Erde, unseres Lebens zerstören, dass wir das vielfache Lob, das Gott geschaffen hat, in den Vögeln und Bienen, kaputtmachen und ausrotten durch unsere Gier. Wir brauchen dringend einen Kulturwandel zu einer Haltung des Genug und zu einer Solidarität mit den Mitgeschöpfen. Wir brauchen soziale und ökologische Gerechtigkeit.

Lasst uns fröhlich daran mitarbeiten! Und lasst unsere Kirchen Krankenhäuser sein, zur Heilung dieser Krankheit.

Eine andere Krankheit ist die Blindheit. Und wir lesen in der Bibel immer wieder, wie Blinde plötzlich wieder sehen können.

Wie blind sind wir, für das, was Gott uns täglich schenkt? Schauen Sie doch einfach mal nach links und rechts in der Bankreihe. Ist das nicht ein Grund, die Augen zu öffnen und sich zu freuen, was Gott an Gnade uns täglich schenkt. Wir sind oft nur blind, schauen auf die inneren Bilder, auf die herannahende Katastrophe, dass wir zu kurz kommen, dass da alles ganz schlimm ist. So blind sind wir.

Lasst uns in unseren Krankenhäusern, in unseren Kirchen diese Blindheit heilen.

Ich könnte über noch viele Krankheiten sprechen – über die Taubheit, die verhindert, dass wir die sanfte Stimme Gottes hören, der uns zum Frieden ruft. Und der uns alle Argumente, warum Rüstung und Waffen nötig sind, einfach zu Staub zerfallen lässt.

Ich könnte darüber reden, dass es die Lahmheit gibt – wie lahm wir sind! Er sagt: Geht los! Statt dass wir immer warten, dass jemand kommt.

So viele Krankheiten, so viele Gelegenheiten – eigentlich eine Angelegenheit, die jede Woche Heilung verlangt. Unsere Kirchen stehen offen – kommen Sie!

Die dritte Aufgabe heißt „Macht Aussätzige rein“.

Damals gab es Lepra und deshalb die Quarantäne, man sagte, wir halten uns von den Aussätzigen fern. Das mag noch einleuchten. Heute aber funktioniert Aussätzig-Sein anders. Wir stempeln unseren Nächsten ab. Und wir erleben in unseren Tagen, dass diese Sozialtechnik zur Stärkung der eigenen Gruppe sehr gern gemacht wird. Dafür gibt in den Sozialwissenschaften einen zwar komplizierten Begriff, aber er ist relativ präzise für den Aussatz, er heißt: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Nur weil du zu der Gruppe der Flüchtlinge gehörst, oder zu einem anderen Volk gehörst, nur weil du Christ oder Jude oder Muslim bist, nur weil du lesbisch oder schwul oder transgender bist, wirst du ausgegrenzt, wirst du als Aussätziger, als Aussätzige behandelt. Du sollst nicht dazu gehören!

Macht Aussätzige rein, heißt zuallererst diese Ausgrenzungen überwinden – auch die harten Ausgrenzungen im Politischen.

Es kommt auf jeden Einzelnen an, jede Einzelne sollen wir anschauen. Wir sind als Christen aufgerufen, die Ausgegrenzten in die Gesellschaft hereinzuholen. Christus hat das vorgelebt, wenn er mit Zöllnern und Sündern und Huren zusammen gegessen hat. Auch wir sollen zugehen auf die Ausgegrenzten. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, denn er ist wie du. Lasst uns Aussätzige rein machen.

Die vierte und letzte Aufgabe, die wir mitbekommen mit dem heutigen Predigttext, ist wahrscheinlich die schrägste – weil uns am fernsten: Dämonen austreiben.

Manch einer hat einen Horrorfilm gesehen und hat jetzt Bilder vor Augen. Aber darum geht es nicht. Denn dämonische Gedanken, das Dämonische, breitet sich aus und besetzt Menschen. Wenn die Bibel von Dämonen spricht, spricht sie davon, dass etwas Fremdes in den Menschen hineinkommt und von ihm Macht ergreift: Gedanken des Antisemitismus, des Nationalismus, des Rassismus. Sie greifen um sich. Diese Dämonen ergreifen Besitz vom Menschen, und Sie haben das sicherlich schon erlebt: Gerade noch haben Sie mit einem ganz netten und freundlichen Menschen freundlich geredet, plötzlich verändern sich seine Augen, sein Habitus und er spricht Dinge, von denen sie denken: Das kann er doch nicht gesagt haben!? Wie kommt das in seinen Kopf?

Dämonen erkennt man in der Regel immer daran, dass sie laut und aggressiv sind und dass man eigentlich mit ihnen nicht argumentieren kann. Jesus argumentiert mit ihnen auch nicht, sondern er sagt einfach: Fahre aus!

Lasst unsere Kirchen Häuser sein, in denen Dämonen ausgetrieben werden!

Kranke heilen, Tote auferwecken, Aussätzige reinmachen und Dämonen austreiben – was für eine riesige und unschaffbare Aufgabe. Wirklich! Zu viel für mich, zu viel für dich, zu groß für unsere mitteldeutsche Kirche!

Aber vor dieser Aufgabe steht der Satz: Geht hin und predigt „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Wenn wir Jesu Wort verkünden, wenn wir sein Wort sagen und es leben, dann werden Kranke gesund, Tote lebendig, Aussätzige rein, und Menschen werden von Dämonen befreit. Wir können diesen Anspruch nicht aus unserer kleinen, schwachen, kleingläubigen Kraft bewältigen. Aber Christus sagt uns: Ich gebe Euch die Macht dazu! Es ist nicht unsere Macht, wenn das geschieht, sondern sein Wort und seine Kraft. Und er gibt sie nicht einem Jünger, nicht einem Bischof, sondern er gibt sie uns allen, er gibt sie dir und er gibt sie einem jedem von uns.

Wenn wir die großen Aufgaben anschauen, die vor unserer mitteldeutschen Kirche liegen, dann brauchen wir weiß Gott viel Gotteskraft und seinen Geist.

Lasst uns die Augen öffnen und hinschauen! Ja, ich entdecke diese Kraft in dir, ich entdecke sie in mir, ich entdecke sie in Vielen von uns.

Es ist seine Macht und seine Kraft, nicht unsere. Aber er spricht uns zu, dass er uns diese Kraft und Macht geben wird. Wir sollen nicht ängstlich und kleingläubig zum Reich Gottes voran gehen, sondern uns von ihm schicken und uns mit seiner Kraft von ihm ausrüsten lassen.

Die Aufgabe ist groß, zu groß für mich, für mich und für uns – für Christus aber nicht. Er schickt uns und hat uns die Macht gegeben, große Dinge zum Lobe Gottes zu tun. Niemand lasse also den Glauben daran fahren, dass Gott mit ihm eine große Tat vollbringt.

Nun also, kräftig geglaubt und frisch ans Werk!

Amen. Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


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