Predigt von Regionalbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt am 09.04.2017

Predigt im MDR-Rundfunkgottesdienst am Sonntag Palmarum in der Stadtkirche Unser lieben Frauen in Meiningen zu Markus 14, 3-9

„Das ist doch reine Zeitverschwendung“,
hat er gesagt.
„Ändern wirst du so auch nichts.
Und überhaupt:
Wie stellt du dir das bloß vor?
Deine Ausbildung unterbrechen.
Ein Jahr durch die Weltgeschichte reisen.
In Hilfsprojekten mitarbeiten.
Ohne Bezahlung. Einfach so.
Was dir da alles passieren kann.
Und wenn du wiederkommst - was dann?
Deine Ausbildungsplatz ist jedenfalls weg.
Wer weiß, ob du wieder so eine gute Stelle bekommst.
Mensch Greta, denk doch mal nach.“
Ja, Greta denkt nach.
Aufgeregt sitzt sie vor mir.
Erzählt von dem Gespräch mit ihrem Vater.
„Ist das denn wirklich so verrückt?,“
will sie wissen.
Sie knetet ihre Hände.
„Reine Zeitverschwendung“ -
die Worte ihres Vaters hängen ihr nach.
Wahrscheinlich hat er Recht:
Was kann sie schön ändern?
Vielleicht ist es ja doch keine so gute Idee,
einfach alles stehen und liegen zu lassen.
Dabei will sie doch nur tun,
was ihr Herz ihr sagt.
„Und wissen Sie, sagt sie zu mir,
da gibt es so ein Lied.
Ist schon ein paar Jahre alt,
aber es geht mir nicht mehr aus dem Kopf.“
Sie summt es mir vor:
„Komm verschwende deine Zeit
mach einfach nichts und nimm dir frei
davon geht die Welt nicht unter
lass dir nichts erzählen.
Vieles ist so nichtig
nicht so wirklich wichtig
absolut unwichtig
mach was dir gefällt
komm verschwende deine Zeit.“

„Komm, verschwende deine Zeit.“
Lisa hat mir einen Ohrwurm verschafft.
Auch mir hängt die Zeile jetzt im Kopf.
Ich kann sie verstehen.
Und ihren Vater auch.
Und den Satz
„Damit verschwendest du doch nur deine Zeit,“
den hab ich auch schon gehört.

Immer dann, wenn andere meinten:
Was du da tust, ist doch sinnlos.
Da hast du nichts davon.
Das bringt dir doch nichts.
Verschwendete Zeit.
Bei mir hat eine solche Bemerkung immer ganz gut gesessen.
Denn verschwenderisch, das will ich eigentlich nicht sein.
Im Gegenteil:
Achtsam möchte ich sein.
Sorgfältig umgehen mit den Gaben der Natur.
Mit den Kräften anderer Menschen.
Mit meinen eigenen Ressourcen.
Jedenfalls nicht verschwenderisch.
Schon gar nicht jetzt,
gegen Ende der Fastenzeit.
Die heißt ja bekanntlich
„Sieben Wochen ohne“.
Und nicht: Sieben Wochen mit immer mehr.
Also alles andere als verschwenderisch.
Sondern maßvoll, begrenzt.
Und das ist auch wichtig.
Der sorgsame Umgang mit den Gaben der Schöpfung Gottes.
Der achtsame Umgang mit sich selbst
und den eigenen Kräften.
Damit man nicht irgendwann im burn-out landet.
Aber offen gestanden:
Manchmal ist mir das alles auch ein wenig zu richtig.
Zu vernünftig.
Irgendwie so „wohltemperiert“.
So leidenschaftlos.
Lisas Liedtext tickt da anders:
Vieles ist so nichtig
nicht so wirklich wichtig
absolut unwichtig
mach was dir gefällt
komm verschwende deine Zeit.“
Für einen Gottesdienst zu Beginn der Karwoche.
aber vielleicht nicht so ganz der richtige Text.
Hören wir statt dessen auf den Predigttext zum heutigen Sonntag.
Er steht im Markus-Evangelium im 14. Kapitel:

„Und als Jesus in Bethanien war
im Hause Simons des Aussätzigen
und saß zu Tisch,
da kam eine Frau,
die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbaren Nardenöl,
und sie zerbrach das Glas
und goß es auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig
und sprachen untereinander:
Was soll diese Verschwendung?
Man hätte dieses Öl
für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können
und das Geld den Armen geben.
Und sie fuhren die Frau an.
Jesus aber sprach:
Lasst sie in Frieden!
Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Denn ihr habe allezeit Arme bei euch,
und wenn ihr wollt,
könnt ihr ihnen Gutes tun.
Mich aber hat ihr nicht allezeit.
Sie hat getan,
was sie konnte.
Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch:
Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt,
da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis,
was sie jetzt getan hat.“

Schon wieder: Verschwendung.
Diesmal keine Verschwendung von Zeit.
Aber von Geld und Besitz.
Eine Frau kauft kostbares, duftendes Öl für 300 Silbergroschen.
So viel Geld,
wie ein Arbeiter damals in einem ganzen Jahr verdient hat.
Die Frau muss lange gespart haben,
um so viel Geld zu besitzen.
Und jetzt geht sie hin
und gibt diesen ganzen Batzen Geld aus,
um ein kleines Fläschchen Öl zu kaufen.
Nun gut, kein Speiseöl.
Sondern duftendes, kostbares Öl.
Aber nur, um es dann in einem winzigen Augenblick
einem einzelnen Menschen über den Kopf zu gießen.
Jesus, der sich gerade mit anderen zusammen
an einen Tisch gesetzt hat,
um zu essen, zu erzählen, auszuruhen.
Kurz zuvor haben seine Gegner entschieden,
ihn aus dem Weg zu räumen.
Sie planen, ihn vor Gericht zu bringen
und ihm den Prozess zu machen.
Einen Prozess, bei absehbar ist,
dass er mit dem Todesurteil für Jesus enden wird.
Unmittelbar nach den Ereignissen in Bethanien
nimmt einer der Jünger Jesu,
Judas Ischarioth, mit den Behörden Kontakt auf.
Für eine Belohnung will er verraten,
wo Jesus sich aufhält.
Damit er verhaftet werden kann
und der Plan der Gegner aufgeht.
30 Silberlinge, so erzählt die Bibel,
wird Judas dafür erhalten.
Ein Zehntel des Geldes,
das die Frau in Bethanien für das kostbare Öl ausgegeben hat.
Die einen schmieden Pläne,
wie man einen Menschen schnell, effektiv und scheinbar legal
beseitigen kann.
Und eine andere übergießt
eben diesen Menschen mit duftendem Öl.
Teures, kostbares Öl für einen Menschen,
der ohnehin sterben wird.
Verschwendung?
Diese Frau tut etwas,
was man von einer aus der Umgebung Jesu nicht erwartet.
Damals nicht.
Und heute wohl auch nicht.
Sie verteilt die 300 Silbergroschen,
die das Öl kostet, nicht an die Armen.
Sie spendet es auch nicht für ein soziales oder diakonisches Projekt.
Statt dessen: Pure Verschwendung.
Scheinbar ganz und gar sinnlos.
Ihr selbst nützt es ja nichts.
Und den Armen auch nicht.
Was also soll diese Verschwendung?
Und was daran ist so bemerkenswert,
vielleicht sogar vorbildlich,
dass Jesus von ihr sagt:
„Wo das Evangelium in aller Welt gepredigt wird,
da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis,
was sie jetzt getan hat.“

Eine namenlose Frau salbt Jesus mit kostbaren Öl.
Sie gibt alles, was sie geben kann:
Ihr Vermögen,
vielleicht auch ihren guten Ruf.
Sie lässt ihn ihre Zuneigung, ihre Liebe spüren.
Voller Hingabe und Zuwendung an diesen einen,
diesen kostbaren Moment.
Mit dem, was sie tut, zeigt sie:
Sie hat erkennt, was ihm bevorsteht:
seine Passion, sein Leiden, sein Tod.
Sie salbt ihn,
wie man damals einen Toten gesalbt hat.
Und: Sie hat erkannt,
dass Jesus all das - sein Leiden, sein qualvolles Sterben, seinen Tod am Kreuz -
dass er all das auf sich nimmt,
indem er dabei ganz und gar von sich absieht.
Sich selbst vergisst.
Sich selbst und sein Leben hingibt.
Die Frau in Bethanien erkennt:
Jesus hat seine Lebenszeit verschwendet.
An andere.
an die, die ihn brauchten.
Seine Liebe, seine Zeit, seine Zuwendung, seine Nähe.
Seine tröstenden Worte.
Seine zärtlichen Gesten.
und auch seine klaren Worte.
Die Frau in betanken erkennt:
Hier geht einer verschwenderisch mit sich selbst um.
Aus Liebe.
Verschwendet sein Leben -
für andere.
Für uns.

Das ist es,
was die Frau in Bethanien erkennt.
In einem einzigen Moment.
Einem Moment,
der nicht nur aus Denken und Verstehen besteht.
Sondern alles umfasst:
Kopf und Herz und Hand.
Vielleicht so etwas wie ein erleuchteter,
auf jeden Fall aber ein kostbarer Moment.
Sie erkennt, wer dieser Jesus ist.
Sie spürt, was ihm bevorsteht.
Und sie tut, was jetzt zu tun ist.
Das richtige im richtigen Moment.
Ohne zu zögern.
Überwältigt von dem,
was sie erkennt,
tut sie das, was jetzt an der Zeit ist.
Das, was seinem verschwenderischen Leben,
seiner sich selbst vergessenden Liebe entspricht.
Sie wird selbst verschwenderisch.
Übergießt ihn mit kostbarem Öl.
Fragt nicht danach, was das kostet.
Er fragt ja auch nicht danach,
was ihn kostet,
sich selbst zu verschenken,
sich selbst hinzugeben.
Und der, der sich selbst und sein Leben aus Liebe hingibt,
wird von einer unbekannten Frau gesalbt.
Wird so zum Gesalbten.
Auf griechisch: zum Christus.


Jesus gibt das kostbarste, was er hat:
sich selbst,  sein Leben.
Aus Liebe.
Sie gibt das kostbarste,
über das sie verfügen kann:
duftendes, teures Öl.
Aus Liebe.
Und für einen winzigen Augenblick
berühren sich in der Begegnung dieser beiden
Himmel und Erde,
Gott und Mensch.
Sind ganz Einklang miteinander.
Was für ein kostbarer Moment!

Ja:
Wo das Evangelium in aller Welt gepredigt wird,
da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis,
was sie jetzt getan hat.
Denn diese namenlose Frau gibt eine menschliche Antwort
auf die verschwenderische,
sich selbst hingebende, göttliche Liebe Jesu zu uns:
Sie lässt sich von seiner verschwenderischen Liebe berühren und anstiften.
Sie lässt sich anstiften,
selbst aus verschwenderischer Liebe heraus zu handeln.
Ohne zu fragen, was sie das kostet.
Ohne zu fragen, ob die anderen es verstehen.
Sie tut einfach, was zu tun ist.
Das richtige im richtigen Moment.