Predigt von Ralf-Uwe Beck im Radio-Gottesdienst am 31. Oktober 2017 in Erfurt

Liebe Gemeinde,

heute auf den Tag genau vor 500 Jahren hat ein junger Theologieprofessor, Juniorprofessor, in der kleinen, unbedeutenden Universitätsstadt Wittenberg, so etwas wie eine Rückrufaktion gestartet. So wie Autos in die Werkstätten, Lebensmittel oder Kinderspielzeug wegen irgendwelcher Mängel zurückgerufen werden, hat Luther seine Kirche aufgefordert, die Ablassbriefe zurückzurufen und die Ablassprediger zurückzupfeifen – wegen erheblicher Mängel …

Der Ablasshandel war das miese Spiel mit der Angst: Erst den Menschen im wahrsten Sinne die Hölle heiß machen, um dann die Hand aufzuhalten, damit sie sich von der Angst freikaufen.

These 27/28: Es heißt: Sobald die Münze im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt. Aber sicher ist, dass wenn die Münze im Kasten klingt, Gewinn und Habgier zunehmen können.

Der Ablasshandel war eine geniale Geschäftsidee – die bis heute funktioniert. Angst frisst Seele auf. Eine Kirche zu erleben, die den Menschen einen strafenden Gott überhilft, das war für Luther, der den liebenden Gott gefunden hatte, unerträglich. Es war das Gegenteil dessen, was er aus dem Evangelium herausgelesen hatte: Wir können auf einen gnädigen Gott vertrauen, wir müssen uns nicht abstrampeln. Du bist etwas wert, das musst du weder erarbeiten noch erkaufen, das gilt! Luther sieht, wie seine Kirche versagt und die Menschen nicht nur im Stich lässt, sondern sie sogar ins Elend stürzt.

These 45: Wer einen Bedürftigen sieht und ihm nicht hilft, sondern Ablass kauft, erwirbt sich keinen Sündenerlass, sondern den Zorn Gottes.

Luther wollte mit seinen Thesen die Kirche wieder zurückholen an das Evangelium.

Es ist doch so: Jede Idee, jede Vision, verlangt nach einer Institution, die ihr zum Leben verhilft, die sich darum kümmert, dass sie ins Laufen kommt. Aber fast gesetzmäßig dreht sich die Institution irgendwann nicht mehr nur um die Idee, sondern auch um sich selbst. Je länger, desto mehr. Sie entfaltet ein Eigenleben, um sich zu erhalten, zu vergrößern. Und dabei entfernt sie sich unweigerlich von der Idee, für die sie da sein soll.

Das gilt nicht nur für die Kirche … es gilt generell – für alle Ideen, alle Institutionen. Wie weit weg ist das Gepauke an unseren Schulen von der Idee einer Bildung, die die Kinder in den Mittelpunkt stellt? Oder unsere Demokratie: Jeder Mensch soll Entscheidungen, die ihn betreffen, beeinflussen können. Aber Volksabstimmungen auf Bundesebene werden uns verweigert.
Anspruch und Wirklichkeit klaffen auseinander. Das hat Luther auf den Plan gerufen. Der Tischler aus Nazareth hatte seine frohe Botschaft auf den Tisch der Weltfamilie gelegt: Jeder Mensch hat seine Würde und ist aufgehoben bei Gott – unabhängig von Aussehen und Ansehen, von Herkommen und Einkommen, von Ansichten und Einsichten. Aber was hatte die Kirche daraus gemacht?

These 50: Die Peterskirche wird mit Haut, Fleisch und Knochen der Menschen gebaut.

Luther wollte die Kirche wieder an das Evangelium zurückholen. Reformation ist der Versuch, eine ursprüngliche Idee, eine Vision freizuschaufeln vom Schutt.

Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Diese knappe Formel stammt von Dietrich Bonhoeffer. Und er hat – radikal wie Luther – hinzugefügt: Die Kirche soll all ihren Besitz verschenken.
Kurz: Das Geld gehört den Armen!

These 51: Der Papst, das ist seine Pflicht, ist willens, die Peterskirche zu verkaufen, und von seinen Reichtümern denen abzugeben, denen jetzt von den Ablasspredigern das Geld abgelockt wird.

Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.
Wie weit sind wir damit? Wir tragen diesen Anspruch, nah am Evangelium zu sein, stolz in unserem Namen, sind „evangelische“ Kirche. Dreht sich die Kirche heute nicht auch oft um sich selbst, anstatt für andere da zu sein? Wir arbeiten im Landeskirchenamt, da ist diese Spannung dauernd zu greifen – von einer Sitzung zur anderen.

Ja, es wird enger, sie verliert Mitglieder, muss sparen. Das bedrängt. Wer Angst hat, etwas zu verlieren, hält es fest. Das ist menschlich.

Aber Gott hat uns doch nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (2. Tim 1,7), so steht es in der Bibel.

Nur ein Beispiel: Diese mitteldeutsche Landeskirche hatte sich vor zwei Jahren vorgenommen, dass bis heute, bis zu diesem Jubiläumsjahr und -tag möglichst alle Kirchen geöffnet sein sollten – in jedem Dorf, in jeder Stadt – eine Einladung, ein Angebot der Stille, ein Ort zum Nachdenken, um ins Gespräch zu kommen, mit sich selbst, mit Gott. Offen ist bisher nur ein Drittel. Immerhin, es ist wahrscheinlicher, dass eine Kirchentür aufgeht, wenn Sie die Klinke drücken. – Aber ist es nicht verrückt, wir bewundern Luthers Standfestigkeit und freuen uns über Socken mit dem Spruch „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ drauf, aber wir selbst schieben wie die Mistkäfer all unsere Bedenken und Ausreden zu einem schönen großen Haufen zusammen, der dann im Weg liegt, damit wir uns nicht bewegen müssen.

Es ist die reinste Form des Wahnsinns, meinte Albert Einstein, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert. Da geht noch etwas, es geht noch etwas – in Kirche, Schule, Partei und Staat. Mit dem müden Dreiklang „Haben wir immer schon so gemacht, geht doch gar nicht anders, könnt ja jeder kommen“ ist kein Blumentopf zu gewinnen. Auf geht’s, mehr Mut – vertraut den neuen Wegen. Denen verleiht Gott seinen Frieden.

Lied: Verleih uns Frieden gnädiglich

Dreieinhalb Jahre nach dem Thesenanschlag wurde Luther gekidnappt und auf die Wartburg gebracht. Wir kennen die Geschichte. Dort legt er sich aber nicht auf die faule Haut, sondern übersetzt das Neue Testament ins Deutsche. Es gab schon Bibelübersetzungen, aber die waren schlecht und sauteuer. Luther nimmt dem Text die Schwere und schaut dem Volk dafür aufs Maul.

Für die Menschen war das, was die Priester damals vor dem Altar erzählten – Hokuspokus. Das Wort stammt aus der Abendmahlsliturgie: Hoc est corpus meum. Verstanden haben die Leute nur Hokuspokus.

Luther war der Edward Snowden der Kirche, er hat die Bibel, nun ja: geleakt! Er wollte, dass sie nicht nur Priestern und ein paar Intellektuellen zugänglich ist. Er hat sie den Menschen eröffnet und von der Wartburg aus hinunter ins Land gerufen: Lest selbst, denkt selbst und handelt danach. Das Evangelium ist die Richtschnur, nicht das, was Kirche und Papst euch predigen.

Wer das Evangelium liest, kann die Kirche messen an dem, was er gelesen hat und – wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern – am Ende laut aussprechen: Seht, der Kaiser ist nackt, damals eben der Papst. Jetzt kann es losgehen mit der Reformation.

Ausnahmslos jeden Menschen als fähig anzusehen, sich einzubringen … heute nennen wir das Demokratie – darin liegt eine große und hoffnungsvolle Kraft.

Eine kluge Institution weiß um die Gefahr, sich zunehmend um sich selbst zu drehen. Sie legt Wert darauf, sich daran erinnern zu lassen, was ihr eigentlicher Auftrag ist – und ermutigt dazu. Wie oft aber werden Menschen als Netzbeschmutzer beschimpft, wenn sie den Mund aufmachen. Dabei wird ein schmutziges Nest ja nicht schmutziger, nur weil man es anspricht. Es gibt feine Mechanismen, Menschen gefügig zu machen, damit sie in der Kirche, der Firma, staatlichen Einrichtungen, im Verein, der Partei, der Schule – denen, die das Sagen haben, nach dem Munde reden.

Jeder kann selbst Priester sein, mündiger Christ, frei zu Handeln – das ist das Gegenprogramm, das wir von Luther haben.

Aber es ist wie zu Luthers Zeiten und vermutlich war es immer so, dass die Eliten beanspruchen, es schon irgendwie zu richten. Aber schauen wir uns diese Welt an und was aus ihr geworden ist.

Eine Katastrophe jagt die andere, wenn wir jetzt nicht die Kurve beim Klimaschutz kriegen, sind die Messen gelesen, ein für allemal. Derzeit sind 65 Millionen Flüchtlinge unterwegs, es werden bald 200 Millionen sein. Wir haben damit zu tun. Unser Wohlstand geht auf Kosten der Ärmsten. Aber anstatt an die Ursachen zu gehen, werden Obergrenzen definiert und Mauern gebaut. In deren Schatten ist unsere Gerechtigkeit ein schmutziges Kleid, wie der Prophet Jesaja sagt (64,5). Trump hat die Rüstungsspirale wieder angeworfen und wir in Europa sollen den Wahnsinn mitmachen; da gehen unsere Steuergeld drauf – und Konzerne verdienen. Und das soll die Welt sicherer machen? Das ist, während auch durch unser Tun und Lassen andernorts verreckt wird, mehr als nur eine Frage im therapeutischen Stuhlkreis. Reformation heißt, die Welt zu hinterfragen. Schauen wir genau hin, können wir die Probleme, die diese Welt hat, in jedem Dorf wahrnehmen – und ihnen begegnen.

„Wenn wir uns die letzte Chance bewahren wollen“, sagt Stephen Hawking, „bleibt den führenden Entscheidungsträgern dieser Welt nichts anderes übrig, als anzuerkennen, dass sie versagt und die Mehrheit der Menschen im Stich gelassen haben.“ Er verlangt von den Mächtigen Demut und Bescheidenheit.
Da können wir lange warten.

Es kommt auf uns an, auf jede und jeden, sich einzubringen, die Welt zu gestalten. Das ist es, was wir von Luther lernen. Im Sediment der Reformation liegt es, den Menschen etwas zuzutrauen, das macht ihre Würde aus. Letztlich sind es alle Bürgerinnen und Bürger auf der Erde, die für ebendiese bürgen. Gott traut uns das zu, wir dürfen uns das zutrauen.

Es geht darum, aufzubrechen, den Mund aufzumachen für die Stummen, es wenigstens zu probieren, das Wenige, das jeder tun kann, auch zu tun. Jesus hat sich auf die Seite derer gestellt, die oft übersehen werden. Er hat den Menschen in die Mitte gestellt. Jeden Menschen. Damit hat er die Maßstäbe der Welt in Frage gestellt.

Das ist es, was die Welt bitter nötig hat, dass ist es, wo wir gebraucht werden, dass wir ihre Maßstäbe hinterfragen. Das lässt sich nicht delegieren, da kann man keine Firma beauftragen, das kann man sich nicht nach Hause liefern lassen, da müssen wir selbst ran. Hinterfragen wir die Maßstäbe dieser Welt und lassen wir die Maßstäbe gelten, die Jesus gesetzt hat. Nichts anderes meint: Reformation. Es ist Zeit, dass wir neu damit anfangen.

Amen