15.10.2018
Predigt zum Bußtag von Oberkirchenrat Christhard Wagner am 23.11.2017

Liebe Gemeinde!
Die Begriffe Buße tun und der Begriff sündigen... haben etwas gemeinsam:
Sie werden lächerlich gemacht oder mißverstanden.
Das hat mehrere Gründe. Ich nenne zwei:
Manche ahnen, dass es sich um sehr ernste Lebensfragen handelt. Es ist ihnen unangenehm, und so wollen sie dies weglächeln. Da wird der ungezügelte Griff zur Schokolade schon zum  Inbegriff der Sünde und Buße wird allein mit dem Bußgeld für Falschparken in Verbindung gebracht.


Die erste der 95 Thesen Martin Luthers lautet:
„Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht „Tut Buße“, hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“
Das klingt ziemlich selbstquälerisch, strafend, manche sagen vielleicht sogar protestantisch.
Da hilft es, noch einmal in das Neue Testament zu schauen und das Wort „Buße“ für uns verständlicher zu übersetzen.
Das Wort „Metanoia“ ist für uns nachvollziehbarer, wenn wir es mit „Kehrt um“ übersetzen. Das Wort, dass Luther mit Buße übersetzt, heißt im Griechischen:   Umkehr des Denkens – Sinnesänderung.
Also: Überprüft eure Ansichten. Öffnet eure Augen für eure Selbstgefälligkeit und Gottvergessenheit. Bekennt vor Gott – und wenn nötig, vor denjenigen, denen ihr Unrecht getan habt, eure Schuld. Bittet um Vergebung. Bittet um einen Neuanfang. Verlasst den Weg, der sich als Sackgasse erwiesen hat. Sucht stattdessen die  Wege, auf denen euch Gott gerne sehen und begleiten will.
Landesbischöfin Junkermann hat es treffend so gesagt: „Buße tun heißt umkehren in die offenen Arme Gottes.“
Wir haben die Geschichte vom verlorenen Sohn gehört.
Der verlorene Sohn – der moderne Mensch.
Er besteht auf dem, was ihm vermeintlich zusteht. Ich will Alles, und zwar sofort. Mich interessiert nicht, dass ich mit der vorzeitigen Auszahlung meines Erbes die wirtschaftliche Grundlage meines väterlichen Betriebs gefährde.


Meine Mitmenschen und meine Nachkommen, denen ich damit Lebensmöglichkeiten verschließe: mir egal.   
Was mir zusteht, steht mir zu. Ich will Alles - und zwar sofort. An diesem Egoismus leiden Menschen  – in der Nähe und in der Ferne.
Dieser Lebensentwurf führt auch den verlorenen Sohn an die Wand- oder besser in den Schweinestall. Doch diese Niederlage ist das Beste, was ihm passieren kann.
Viel elender dran sind die vermeintlich Erfolgreichen: sie kommen überhaupt nicht auf die Idee, danach zu fragen, wo sie herkommen, wem sie alles zu verdanken haben und wo sie eine Heimat finden. Wehe den vermeintlich Erfolgreichen – sie werden in ihren Erfolgen an Einsamkeit erfrieren.
Der verlorene Sohn – er ist der Prototyp derjenigen, die umkehren. Die erkennen, dass ihr Weg in die Sackgasse führt. Die wissen, wohin sie sich flüchten können. Der verlorene Sohn: er kehrt um, bekennt seine Schuld, bittet um Vergebung, akzeptiert Konsequenzen. Und wird mit offenen Armen empfangen.
So ist Gott. Barmherzig. Voller Liebe. Voller Freude über jeden, der zu ihm umkehrt. Das ist das pure Evangelium. Gute Nachricht. Jesus erzählt sie uns. Wir können uns über diese Perspektive für uns nur freuen. Gott vergibt unsere Schuld. Seine Arme sind offen. Er wartet auf uns.


Wir beten nachher das Vaterunser. Das Gebet, dass unser Herr Jesus Christus uns gegeben hat. Wir beten: „und vergib uns unsere Schuld.“ Darauf dürfen wir hoffen: Gott erhört unsere Bitte. Die Bitte hat einen Nebensatz, ohne den der Hauptsatz nicht zu beten ist:“...wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Wir erbitten von Gott Vergebung. Wir brauchen Vergebung, Schuldenschnitte.  Neuanfänge. Sonst schleppen wir den Ballast unserer Niederlagen, unserer Enttäuschungen, unserer Scham mit uns herum. Haben nicht die Kraft, Neuanfänge zu wagen. Geraten immer weiter in die Sackgasse unseres Lebens.
Wir dürfen uns glücklich schätzen, von dieser Last befreit zu werden. Dorothee Sölle sagt dazu:“ Buße ist das Recht, ein Anderer zu werden.“ Wie sollte Gott unsere Bitte ernst nehmen, wenn wir nicht die gleiche Bereitschaft zur Vergebung gegenüber denen, die uns gegenüber schuldig geworden sind, haben?
Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Wir brauchen die erste Bitte gar nicht zu äußern, wenn uns die Selbstverpflichtung des Nebensatzes zu viel wird.
Der gestrige Buß- und Bettag hat leider nicht mehr die segensreiche Bedeutung, die er einst hatte. Wir machen das Beste daraus, wenn wir es mit Luthers 1. These halten: „Wenn unser Herr und Meister spricht: „Tut Buße, hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“
Also nicht länger nur ein Mittwoch im November, sondern jeder Tag ein Bußtag – neues Denken. Neue Wege. Vergebung für mich und meinen Schuldiger. Dazu helfe uns Gott, der uns mit offenen Armen erwartet. Amen.


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