Predigt zum ökumenischen Friedensgebet: 30 Jahre Deserteursdenkmal in Erfurt
28. August 2025 | 17 Uhr | Lorenzkirche Erfurt
Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, dem Vater und unserem HERRN Jesus Christus, Amen.
Es macht mich immer wieder fassungslos: Ich stehe vor einem von vielen Kriegsdenkmälern vor einer Kirche und lese: „Unseren Helden: Gefallen für Volk und Vaterland.“ Und obgleich das nicht schon genug einseitige Interpretation wäre, steht noch ein Wort der Bibel (Joh 15, 13) darunter: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Heldengedenken mit Jesu-Wort-verdrehender Parteinahme für den Krieg. Das hat nichts mehr mit gebotenem, ehrendem Respekt von Menschen zu tun, die ich den hier betrauerten von Herzen wünsche. Was mich so fassungslos macht, ist der Begriff „Held“. An Einseitigkeit kaum zu überbieten. Und so schlage ich die Bibel in der Hoffnung auf, gute Beispiele für andere Verwendung des Begriffs „Helden“ zu finden.
„Held“ – je nach Übersetzung - bis zu 93 mal. Aber da geht es nicht etwa um den Einsatz für die Schwachen und Entrechteten, auch nicht um „Alltagshelden“ wie die Eltern, die ihr Kind mit angeborenen besonderen Beeinträchtigungen trotz aller Widrigkeiten am gesellschaftlichen Leben beteiligt oder die Gruppe Jugendliche, die in einer brenzligen Situation Zivilcourage zeigt. Nein, wenn in der Bibel von „Helden“ die Rede ist, dann sind in den allermeisten Fällen Kriegshelden gemeint. Menschen, die sich im Krieg als besonders ‚tapfer‘ erweisen, die mehr Feinde töten als alle anderen und ganze Heere in die Flucht schlagen.
[In gleich zwei biblischen Büchern – dem zweiten Samuelbuch und der 1. Chronik – wird ausführlich von den sogenannten „Helden Davids“ berichtet, einer Gruppe von „Elitesoldaten“ (2Sam 23,8-39 par. 1Chr 11,11-47). Detailliert wird erzählt und bejubelt, welcher Held welche Feinde auf welche Weise tötete. Und dann gibt es die Bibeltexte, die Gott auf der Seite der Kriegshelden wähnen (z. B. Ri 6,12ff.) oder göttlichen Beistand für die eigene Kriegspartei in Anspruch nehmen (z. B. Dtn 20,1-5, Jos 1.10 und Ri 4-5.7).]
Dass Menschen die Waffen niederlegen, nicht weiterkämpfen – davon erzählen biblische Kriegsgeschichten nur im Kontext von Flucht und Niederlage.
Und das ist eben ein großer Teil der biblischen Tradition, in der wir stehen: Wer im Krieg kämpft und tötet, ist ein Held; wer flieht oder desertiert, ist ein Feigling. Diese Überzeugung hat sich fortgesetzt in der Kriegsbegeisterung vieler Theologen, Bischöfe, Christenmenschen im ersten und zweiten Weltkrieg. Es wurde viel zu lange kein Wert darin gesehen, das eigene Mittun an Gewalttaten zu verweigern. Das sage ich heute mit Beschämung: Die meiste Zeit sind wir als Kirche nicht auf der Seite von Deserteuren gewesen.
Bis 1945 wurden auf dem Petersberg – im Schatten mehrerer Kirchengebäude! – Urteile gegen Deserteure verhängt, die meisten davon Todesurteile. Wie viele Menschen insgesamt als Deserteure der Wehrmacht ermordet wurden? Wissenschaftliche Schätzungen vermuten mehr als 20.000. Viele blieben unbekannt, sie wurden totgeschwiegen. Die alten Wehrmachtsurteile blieben bis 2002 in Kraft, Hinterbliebene erhielten keinerlei Entschädigung, und die wenigen überlebenden Deserteure wurden weiterhin als Feiglinge denunziert. Erst 2008 beschloss der Bundestag eine generelle Rehabilitierung, für viele zu spät.
Dass wir heute anders auf Menschen schauen, die den Gebrauch einer Waffe gegen Menschen verweigern, ist wesentlich ein Verdienst Jesu, der uns als Schriftgelehrter seines Volkes die Torah anders ausgelegt hat. Aufgenommen wurde dies im 20. Jahrhundert vor allem von den Friedensbewegungen in West und Ost. Im Osten Deutschlands etwa begannen 1980 die jährlichen Friedensdekaden, ab 1981 war ich als Leipziger Kind dabei. Dreizehnjährig nahm mich mein Vater mit. Ich habe in den Jahren danach viel lernen dürfen, konnte zuhören und selbst Fragen stellen und wurde auf Denkwege mitgenommen. Ein solcher Denkweg betrifft den Umgang mit prophetischen Worten zum Frieden, wie etwa das bekannte „Schwerter zu Pflugscharen“ bei Micha, aber auch die bei Jesaja und Sacharja.
Für mich wurde glaubhaft, dass die Visionen der Endzeit, dieses Ziel, auf das unsere Welt – Gott sei Dank – sich hindreht, mittelbare und unmittelbare Auswirkungen auf das Leben Einzelner hat. Was macht mich da so vertrauensselig? Jesu Bergpredigt. Hier werden Ziel und Weg, Weg und Ziel in Eins gesetzt. „Selig SEID ihr, wenn…“, heißt „das gilt schon jetzt.“ Und deshalb ist auch jetzt schon damit zu beginnen. Ja, vollendet wird der Frieden als Frieden aller, als Tischgemeinschaft aller Völker auf dem Berg Zion, Auge in Auge selbst mit allen Putins und Trumps dieser Welt, weil sie vom Friedensfürsten Jesus selbst überwunden sind, erst einst. Aber dieses Ziel, dieser Grund des Vertrauens, das wir Glauben nennen, beginnt heute. Und so habe ich damals auch gelernt, dass nicht nur der aktive Umgang mit Waffen zu den Vorbereitungen auf Kriege gehört, sondern auch das, was meinen Mitschülerinnen und ich im Sportunterricht an Attrappen von Gewehr und Handgranate scheinbar spielerisch und im sogenannten Hilfe-Kurs zur Vorbereitung auf mögliche Auswirkungen eines nuklearen Angriffs dienen sollte und verweigerte dies. Die Bereitschaft, die dann unmittelbar folgenden Konsequenzen auszuhalten, haben mich jene gelehrt, die das Zielbild vom ewigen Frieden in Gottes Reich und die aktuellen Entscheidungen zusammendenken wollten und es bis heute tun. Ich verwehre mich deshalb auch entschieden gegen den Vorwurf, diese Art von radikalen Pazifismus sei naiv. Mitnichten ist er das! Allerhöchstens dann, wenn „naiv“ als „kindlich“ verstanden wird und deshalb Jesu Seligpreisung von deren Himmelreichsnähe gilt…
Liebe Mitmenschen, wir begehen den 30. Jahrestag der Errichtung des DenkMals hier in Erfurt, welches nach wie vor polarisiert. Damit steht es genau in der eben beschriebenen Tradition: Es war noch nie, wirklich nie, einfach, den Weg zu gehen, den einem das Gewissen aufzeigt…
Acht aufrechte Stelen, sieben davon in einheitlicher Form, starr und kantig, geschliffen – so wie das Militär Menschen erziehen kann. Eine Stele aber lässt eine Figur erkennen, sie heraussticht und zugleich so wirkt, als wolle sie sich wegducken, verstecken. So wie der Deserteur sich klar darüber wird, dass er nicht sein kann, nicht sein will wie die anderen um ihn herum und nach einem Ausweg sucht.
Die Widmung des DenkMals ist unmissverständlich: Dem unbekannten Wehrmachtsdeserteur – Den Opfern der NS-Militärjustiz – Allen die sich dem Naziregime verweigerten. Dem Künstler Thomas Nicolai ging es nicht darum, die alten Erzählungen umzukehren: „Ich will den Deserteur nicht zum Helden machen und die Soldaten, die dabeigeblieben sind, [nicht] zu Verlierern.“, sagt er.[1] Denn so leicht ist es nicht mit dem Kriegsdienst und der Kriegsdienstverweigerung – nicht in der Retrospektive und nicht heute.
Das DenkMal ist keine Aufforderung, abwertend über Menschen zu sprechen, die sich heute für die Beteiligung an der Armee entscheiden – darunter sind im Übrigen nicht wenige Christen und Christinnen. Vielmehr geht es darum, wie wir von denen reden, die nicht kriegerisch kämpfen wollen. Und für uns Kirchen ist das DenkMal nicht zuletzt eine Mahnung, dass und wie wir zu denen sprechen, die nicht oder nicht mehr Teil des Militärs sein wollen.
Das Thema Kriegsdienstverweigerung ist gerade so aktuell und virulent wie lange nicht mehr. Der Beauftragter für Friedensarbeit in unserer Landeskirche berät dazu und der Bedarf steigt täglich. Da sind Soldatinnen und Soldaten, die aus der Bundeswehr ausscheiden wollen, da sind Mütter, Väter, Söhne, Töchter, die befürchten, dass sie oder ihre Liebsten in einen Krieg hineingezogen werden könnten.
Am DenkMal steht ein Zitat von Günter Eich: „Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt.“ Ja, wenn das Getriebe der Welt ein gewalttätiges Mahlwerk ist, das Diktaturen und Kriege antreibt, dann braucht es Reibung, Widerstand und Blockierung von innen heraus – auch und gerade von uns. Die Aufgabe der Kirchen ist es nicht, militärische Konflikte religiös aufzuladen, sie theologisch zu legitimieren und so die Kriegstreiber zu unterstützen. Sondern wir sollen die Sehnsucht nach dem gerechten Frieden wachhalten. Wir sollen und können zur Gewissensbildung beitragen und ganz besonders die unterstützen, die nach Wegen der Gewaltfreiheit suchen. Nicht, weil wir besser sind, sondern, weil wir besser dran sind, in dem wir allen Grund haben, dem zu vertrauen, der letztgültig den Tod überwundern hat. Gewaltlos. Und deshalb glaube ich an die Kraft der Gewaltlosigkeit und bin dankbar für jeden Menschen damals und heute, der seine Waffe niederlegt.
Und der Friede Gottes, höher als alle unsere Vernunft…
[1] Thomas Nicolai in der Frankfurter Rundschau vom 16. August 1995.