Neu anfangen

„Vielleicht fange ich doch noch mal an zu studieren“. Die junge Frau im Zug neben mir unterhält sich mit ihrer Freundin. Ja, das hätte sie auch schon überlegt, antwortet die andere. Die beiden sind sicher erst Anfang zwanzig. Ich sitze dabei und höre den beiden ein bisschen zu und denke: So einen Satz könnte ich nicht mehr sagen. Mit Mitte vierzig ist es definitiv zu spät dafür. Alles noch einmal auf Anfang, das geht wohl kaum. Ich bin verantwortlich für meine Familie. Monat für Monat muss das Geld reinkommen. Außerdem habe ich es doch gut, denn ich habe ja studiert, auch wenn das schon lange her ist. Und meine Arbeit macht mir viel Freude.

Aber manchmal denke ich: Soll das nun immer so weitergehen? Oder kommt noch einmal etwas Neues? Diese mittleren Jahre sind eine Herausforderung, finde ich. Der eine oder andere Zug ist abgefahren. Da kann ich mir nichts vormachen. Aber bloß traurig den Rücklichtern hinterher sehen, dazu habe ich auch keine Lust.

Ich denke an einen Menschen aus der Zeit, in der es noch gar keine Züge gab und man überall zu Fuß hingehen musste, auch von einem Land ins andere. Er heißt Abraham und in der Bibel ist seine Geschichte aufgeschrieben. Abraham war 75 Jahre alt, als er die Stimme Gottes hörte. „Geh in ein Land, dass ich dir zeigen werde!“ sagt Gott zu ihm. Und Abraham ging los, ohne Zögern. Darin ist er mir ein Vorbild. Neu anfangen hat keine Altersgrenze.

Mut zu neuen Anfängen wünscht Ihnen

Pfarrerin Kathrin Oxen aus der Lutherstadt Wittenberg