Lieblingsmensch

Ich muss noch schnell einkaufen gehen nach der Arbeit. Es ist kalt und regnet, der Einkaufswagen ist schwer aus dem Ständer zu ruckeln und in meinem Kopf ist eine Liste, gekrönt von der lästigen Frage, was es wohl heute zu essen geben könnte. Da kommt ein junger Mann auf die Glastür des Supermarktes zu. Er trägt ein schwarzes Sweatshirt mit Kapuze mit einem Schriftzug drauf. Der hat mir irgendwie gerade noch gefehlt. Gleich wird er bestimmt mit seinem Sechserpack Bier und zwei Chipstüten vor mir an der Kasse stehen und wahrscheinlich auch noch mit Karte zahlen.

Ich will mich gerade so richtig reinsteigern in meine unfeierliche Feierabendstimmung. Da lese ich, was auf seinem schwarzen Sweatshirt steht: „Lieblingsmensch“. Ich kann es kaum glauben. Diesem total durchschnittlichen jungen Mann hat jemand so einen Pullover geschenkt. Vielleicht war es seine Freundin. Auf jeden Fall jemand, der ihn liebt. Und jetzt trägt er ihn an einem regnerischen, kalten Abend auf dem Weg zum Supermarkt.

„Lieblingsmensch“. Ich möchte auch so beschriftet sein. Auch wenn ich so ein Sweatshirt nie anziehen würde. Dieser durchschnittliche junge Mann erinnert mich daran, wie schön es ist geliebt zu sein. Und wie gut es ist, wenn man seine Liebe anderen zeigt. In der Bibel steht: „Gott ist die Liebe.“ Ihre Kraft macht, dass mir sogar an einem kalten, grauen Abend warm ums Herz wird.

Wer ist eigentlich Ihr Lieblingsmensch? fragt

Pfarrerin Kathrin Oxen aus der Lutherstadt Wittenberg