Kleiner Kerl mit Stern

Als sie den Dienstplan bekam, musste sie laut seufzen: Heiligabend Schicht bis 16 Uhr. Musste das sein? Sie liebt ihren Beruf: Kinderkrankenschwester. Keine Frage. Und sie legt sich krumm für die kleinen Patienten. Aber: Sie hat auch Familie. Und gerade an dem Tag ist so viel zu tun. Müssen die Kinder wohl wieder alleine machen.
Was soll’s. Dienst ist Dienst.
Am Heiligabend ist sie also auf Station. Es geht ruhig zu. Wer kann, ist zuhause. Und wer hier ist – bei dem kullern schon mal die Tränen. Deswegen ist sie gerne hier. Weil sie das kann. Doch. Na klar. Hat Taschentücher immer zur Hand. Tröstet, verteilt Schokoladenweihnachtsmänner und Strohsterne.
Auch an den kleinen Mann in Zimmer Nummer fünf. Die Diagnose war ein Donnerschlag. Die Eltern bleiben lieber weg, als ihre verweinten Augen zu zeigen. Was für ein trüber Tag. Und er liegt ermattet an Drähten und Schläuchen.
Als sie klein war, stand sie Heiligabend auf der Bühne in der kleinen Dorfkirche. Stolz. Mit Schriftrolle in der Hand. Sie weiß ihren Text noch heute.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst.“ (Jesaja 9)
Schön fand sie’s damals. Ein bisschen heilig.
Als sie ihre letzte Runde macht, ist es schon 16 Uhr. Was soll’s. Sie setzt sich hin. An das Bett vom kleinen Kerl in Nummer fünf. Und erzählt. Vom Stern über Bethlehem. Wie er heller war, als alle Sterne. Und wie er den Erwachsenen den Weg gezeigt hat. Hin zum Kind.
Fröhliche Weihnachten, kleiner Mann – wünscht Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche.