Lädierter Engel

Mit der Adventsdeko bin ich dieses Jahr etwas hinterher. Nicht, dass ich besonders viel schmücke. Aber ein paar Sterne müssen schon sein. Der alte Nussknacker kommt auf den Tisch im Arbeitszimmer. Neben die Schale mit den Nüssen. Und der Lichterengel wartet auf seinen Einsatz auf der Fensterbank. Soll mir vom großen Gotteslicht erzählen. Vorsichtig nehme ich ihn aus seiner Verpackung, wickle ihn aus dem Seidenpapier - und wumms, fällt er mir auf den Boden. Eine schöne Bescherung: Kopf ab, Oberkörper ab, die beiden ausgestreckten Arme mit den Kerzenhaltern auch. Ich sammle die Einzelteile ein. Bin sauer auf mich. Und skeptisch. Ob ich den wieder heil machen kann? Mit Holzkleber mache ich mich an die Arbeit. Aber es klappt nicht. „Der wird nicht wieder“, sage ich zu meinem Mann. Der macht sich noch einmal an die Arbeit. Säubert behutsam die Klebeflächen. Hält geduldig die beiden hölzernen Arme fest, bis sie die beiden Kerzen wieder sicher tragen. „Geht doch“, sagt er zufrieden. Der Engel sieht ein wenig lädiert aus. Am Kopf fehlt auf der einen Seite ein Stück vom Haar. Und ein Arm ist jetzt ein kleines bisschen höher als der andere. Aber er ist wieder ganz. Irgendwie ist er jetzt ein menschlicher Engel: Zerbrechlich, verletzt - und doch: Er steht wieder da. Lädiert, aber schön. Mit Lebensspuren. Denn: Auch Typen mit Gebrauchsspuren können vom Gotteslicht erzählen. Einen hellen Tag wünscht Kristina Kühnbaum-Schmidt, Regionalbischöfin der evangelischen Kirche in Meiningen.