DDR-Kirchenkampf und der 17. Juni 1953

Im Jahr 1952 hatte Walter Ulbricht mit einer rigorosen Strategie das Startsignal für den konsequenten „Aufbau des Sozialismus“ gegeben – es ging um die Zentralisierung der Verwaltung, die Beseitigung verbliebener „bürgerlicher Strukturen“ und um die Sozialisierung in der Landwirtschaft.

Dies Programm wurde mit einem eskalierenden Kampf gegen die Kirche, insbesondere gegen ihre Jugendarbeit, verbunden. Wegen der großen Resonanz der Jungen Gemeinde unter der Schülerschaft und der Studentengemeinden an den Universitäten wurden grobe repressive Maßnahmen eingesetzt. Die Junge Gemeinde wurde als eine illegale Organisation bezeichnet. In den Schulen wurden Schüler unter massivem Druck aufgefordert, sich von der Jungen Gemeinde zu distanzieren. Der Studentengemeinde wurde unterstellt, dass sie westlich gesteuert sei – die Junge Gemeinde wurde als „verlängerter Arm der Terrororganisation BDJ“ diffamiert. Schülerinnen und Schüler wurden wegen ihrer Zugehörigkeit zur Jungen Gemeinde von den Oberschulen verwiesen, evangelische Studenten wegen der Evangelsichen Studentengemeinde (ESG) exmatrikuliert.  Bestimmte kirchliche Mitarbeiter wurden in der Presse als Agenten westlicher Geheimdienste beschimpft.

Im Februar 1953 wurden in der Kirchenprovinz Sachsen Studentenpfarrer Johannes Hamel/ Halle (1911- 2002), im März der Landeswart des Jungmännerwerks Fritz Hoffmann (1906 – 1996) verhaftet. Sie haben in der Untersuchungshaft der Staatssicherheit mit dem Schlimmsten rechnen müssen. Verhaftet wurden ebenfalls Propst Helmut Schapper / Stendal (1891) und der Landwirt Wilhelm Borchert /Nahrstedt (1897 – 1975) Mitglied der Kirchenleitung). Bischof Ludolf Müller wurde in der Presse in unverschämter Form laufend angegriffen, weil er gegen die Diffamierung der Jungen Gemeinde protestiert und sich hinter die Bauern, die sich der Kollektivierung widersetzten, gestellt hatte.

Um der blühenden kirchlichen Jugendarbeit zu schaden, wurde Schloss Mansfeld (1947 der Kirche zur Nutzung für 80 Jahre übertragen!) unter staatliche Verwaltung gestellt. Im April und Mai 1953 wurden die großen diakonischen Einrichtungen in Magdeburg (Pfeiffersche Stiftungen) und Neinstedt beschlagnahmt. Eine wüste Pressekampagne mit grotesken Vorwürfen gegen die Anstaltsleitungen war jeweils vorausgegangen.

In der DDR wuchs der Unwille. Massenhaft flohen Lehrer, Schüler und Landwirte in den Westen. Anfang Juni wurden die führenden Mitglieder der SED-Führung nach Moskau einbestellt. Das ZK der KPdSU wies die DDR-Staatsmänner zurecht und forderte, die verschärften Maßnahmen sowohl auf dem Sektor der Wirtschaft wie gegenüber der Kirche zurückzunehmen. Daraufhin lud Ministerpräsident Grotewohl die Bischöfe der Evangelischen Kirchen für den 10. Juni 1953 zu einem Gespräch ein – in dem er den „Neuen Kurs“ verkündete und die Aufhebung aller belastenden Maßnahmen zusagte. Die Inhaftierten wurden freigelassen, die beschlagnahmten Institutionen zurückgegeben, relegierte Schüler wurden wieder in die Schulen aufgenommen und gekündigte Lehrer durften wieder unterrichten.

Dieser radikale Wechsel wurde als ein Wunder empfunden. Der Funke zündete und machte offenbar den Arbeitern Mut, am 17. Juni 1953 in den Streik zu treten und die Aufhebung der Normverschärfungen zu fordern.

Die SED hat dann andere Methoden gesucht und gefunden, um den Einfluss der Kirche zurückzudämmen (z.B. die Einführung der Jugendweihe). 1955 und 1957 gab es neue Verhaftungen und Repressionen. Es wurde aber nicht wieder behauptet, dass Junge Gemeinde und Studentengemeinde illegale Organisationen im Dienste westlicher Geheimdienste seien.

 

Professor Dr. Harald Schultze (Magdeburg), ehemaliger Beauftragter der Evangelischen Kirchen bei Landtag und Landesregierung Sachsen-Anhalt