Rückschau auf die geliebte Kirchenprovinz (1815) 1946 – 1990 (2008)

Wenn eine Landeskirche sich mit einer anderen Landeskirche zusammenschließt, geht sie nicht unter. Das ist vergleichbar einer Ehe – beide bringen sich ein, mit ihren je eigenen Vorzügen und Problemen.

Was aber ist das, was die Kirchenprovinz Sachsen (KPS) geprägt hat, was sie auszeichnet – und was sie, wenn möglich, fruchtbar machen kann in der neuen Gemeinschaft der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland? Entstanden war sie 1815 in einem Patchwork-Verfahren als Teil der riesengroßen preußischen Landeskirche. Dieser Gemeinschaft – der späteren Evangelischen Kirche der Union – blieb sie treu verbunden. Wie aber konnte sie eine eigene Identität gewinnen?

Profil gewann sie durch ihre Bereitschaft, Reform-Initiativen aufzugreifen und nach Möglichkeit strukturell umzusetzen. Das war riskant, auch mit Enttäuschungen verbunden. So konnten etwa die Anstrengungen, in den Gemeinden ein neues Konfirmationsverständnis zu vermitteln, dem staatlichen Jugendweihe-Druck nicht standhalten. Das Konzept „konfirmierenden Handelns“ brachte trotzdem neue Zugänge zum Abendmahlsverständnis.
Die Konfrontationen mit dem Staatsapparat der DDR führten zu großen Schwierigkeiten. Manchmal wurden diese noch größer als in anderen Landeskirchen, weil Bischöfe und Kirchenleitung sich auf die geforderten Akklamationen nicht einließen. Im Frühjahr 1953 wurden in Magdeburg und Neinstedt diakonische Einrichtungen enteignet. Mehrere Mitarbeiter wurden verhaftet, darunter Studentenpfarrer Hamel und Landesjugendwart Fritz Hoffmann. Als 1957 plötzlich die Banknoten der DDR umgetauscht wurden, kam es zur Verhaftung des Konsitorialpräsidenten Kurt Grünbaum und des OKR Dr. Siegfried Klewitz. Im Volksbildungssektor gab es durch Jahrzehnte scharfe Repressionen. Verweigerungen von nötigsten Baumaßnahmen sollten die Kirchenprovinz gefügig machen.
Später hat der Staat die kirchenkampfähnlichen Maßnahmen fallen gelassen. „Die Machtfrage war geklärt“. In den „Lücken des Systems“ aber gab es zuversichtliche Gemeindearbeit. Unter dem phantasievollen Engagement der Mitarbeiterschaft wurden Jugendtreffen (Petersberg!) und regionale Kirchentage - im Lutherjahr 1983 sogar vier! - organisiert.

Der Prozess der Minorisierung ließ sich nicht aufhalten. 1946 zählte die Kirchenprovinz 3 ½ Millionen Mitglieder; heute sind es 493.610. In wiederholten Ansätzen wurde versucht, dies geistlich zu verarbeiten. Wegweisend wurde 1973 Werner Krusches Vortrag „Die Gemeinde Jesu Christi auf dem Weg in die Diaspora“. In der Tradition der Bekennenden Kirche hatte man gemeint, die Kerngemeinden zu stabilisieren. Die Volkskirche hielt nicht stand – ein neuer Gemeindeaufbau wurde versucht. Energisch wurde das ökumenische Modell der missionarischen Gemeinde aufgegriffen. Funktionen der Region und des Kirchenkreises wurden gestärkt durch aktivere Mitverantwortung von Laien in der Leitung. Das neue Modell erwies sich als tragfähig. Die DDR und eben auch die KPS wurden nicht zum gottverlassenen Land.

Die Kirchenprovinz hatte Rückhalt in dieser Zeit: Finanzielle Hilfeleistungen der westdeutschen Kirchen spielten eine entscheidende Rolle –für die Ausbildungsstätten, die Bauaufgaben und die Motorisierung, für die Modernisierung diakonischer Einrichtungen. Kontakte zur Ökumene brachten geistlichen Austausch, Impulse und die Weitung des Horizonts. Und: Die Kirchenprovinz blieb in der Gesellschaft attraktiv durch das große Erbe an mittelalterlichen Kirchen, durch die Pflege der Kirchenmusik, die diakonische Arbeit und das Erneuerungspotential der Reformation. Martin Luther und Thomas Müntzer hatten hier ihre Heimat.

Die Reformbemühungen wurden getragen von intensiver theologischer Arbeit, zu der sich Pfarrkonvente und Kirchenleitung Zeit nahmen. Das brachte Klärungen, gegebenenfalls Korrektur. Nicht zu vergessen, wie Erneuerungsimpulse vom Konsistorium aufgenommen und mitgeprägt worden sind – etwa für neue Modelle der Gottesdienstarbeit, für den Entwurf des neuen Gesangbuchs (EG) oder im Aufbau von Partnerschaftsbeziehungen zu Kirchen in Europa und Übersee. Auch für die Friedensarbeit waren wiederholt Impulse - z.B. für die Soldatenseelsorge und den Dienst in den Baueinheiten - aus Magdeburg und Naumburg gekommen. Gemeinsam mit anderen DDR-Initiativen mündete dies Friedenszeugnis in den Konziliaren Prozess und dann in die Gebete um Erneuerung in der „friedlichen Revolution“ 1989. Neue Herausforderungen, ganz anderer Art, waren dann ab 1990 zu bewältigen.

Freilich gab es einzelne konfliktreiche Phasen – als z: B. die finanzielle Not 1956 so groß geworden war, dass die Mitarbeiterschaft unruhig nachfragte, ob nicht in der Leitung ein Wasserkopf entstanden sei. Oder 1976, als nach der Selbstverbrennung von Oskar Brüsewitz in den DDR-Kirchen lebhaft Beschwerde darüber geführt wurde, dass sich die Leitungsorgane irgendwie mit dem Staat verständigten oder gar arrangierten, ohne das den Gemeinden zu vermitteln. Wichtig wurde aber, wie solche Konflikte aufgearbeitet werden konnten und sich das Vertrauen neu befestigte.

Voller Dankbarkeit darf der Bischöfe Ludolf Müller, Johannes Jänicke, Werner Krusche, Christoph Demke und Axel Noack – aber auch der Pröpste in der Aufbruchstunde 1945/46 und den Jahrzehnten bis heute gedacht werden. Es hat seinen Grund, dass die Kirchenprovinz Sachsen sich als eine Kirche bewährt hat, in der man sich gern engagierte, weil ein Grundvertrauen untereinander bestand und besteht.

Harald Schultze
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Buchtipp:
Ein lebendiges Zeugnis der theologischen, aber auch politischen Arbeit in der Kirchenprovinz zwischen 1946 und 1989 ergibt sich aus den Kirchenleitungsberichten an die Synode:
Harald Schultze (Hrsg.): Berichte der Magdeburger Kirchenleitung zu den Tagungen der Provinzialsynode 1946-1989. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2005.
ISBN 3-525-55760-4. 744 S. 98,- €.