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PREDIGT zum Ostergottesdienst am 20.04. a.d. 2025 in Sondershausen Friedrich Kramer, Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Ostergottesdienst am 20.04.2025 in Sondershausen

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist, der da war und der da kommt: Christus Jesus. Amen.

Liebe Geschwister,
es kann sehr verschiedene Wege geben, das Osterfest zu feiern. Ich weiß nicht, wie es für Sie ist. Denke ich an Ostern, sehe ich: eine renovierte Kirche, einen lichten Raum, die Sonne scheint, Menschen sind da. Am Gesang können wir noch ein bisschen üben, aber es ist froher Gesang, Fröhlichkeit breitet sich aus. Es wird einfach Ostern, man kann gar nicht anders als sich gegenseitig zuzurufen: 

Der Herr ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!

Oder gehen wir in unserer Erinnerung 35 Jahre zurück: Wir sehen eine kleine romanische Kirche, sie ist kaputt, Geld für die Sanierung fehlt, es riecht muffig. Alles wirkt so alt wie die alten Gesangsbücher. Und doch durchbricht ein Lichtstrahl das Fenster und es wird Ostern. Es gibt verschiedene Weisen, wie das Osterfest gefeiert wird. Klangvoll mit Trompeten, Orgel und Posaunen oder leise, zart und still. Angeschlagen und trotzdem: die Freude bricht sichtbar an.

Diese zwei Bilder stehen für verschiedene Ostererfahrungen. Denn Ostern ist nicht einfach da und die Botschaft der Auferstehung nicht gleich zu verstehen. Der normale aufgeklärte Mitteleuropäer sieht die Auferstehung eher skeptisch. Wie soll das gehen? Tot ist tot. Aufstehen geht nicht. Und doch: wir treffen uns heute hier, bekennen es froh und glauben es fröhlich: er ist auferstanden.

Zwei Bilder, die sich auch in der Bibel finden - Zwei ganz unterschiedliche Geschichten. Die lichte und helle mit Trompeten und Posaunen passt zur Ostergeschichte nach Matthäus. Da bebt die Erde, wenn Christus aufersteht. Viele Gräber öffnen sich.  und eine leuchtende Engelsgestalt erscheint Die Soldaten fallen in Ohnmacht. große Szenerie, riesige Freude, laut und für jeden sichtbar.

Besonders eindrucksvoll finde ich, dass die Soldaten an dieser Stelle erstarren, unfähig zum Kampf Ich wünsche mir so ein Ostern, gerade in diesen Tagen, dass die Soldaten dieser Welt endlich die Waffen niederlegen Frieden schließen.

Und dann die andere, die leisere Geschichte: eine verzweifelte Frau, und doch, es wird Ostern. Hört selbst die Worte aus dem Johannes Evangelium im 20. Kapitel.

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein, und siehe, zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einer zu Häupten und der andere zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“, und sie meinte, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: „Herr, hast du ihn weggetragen? So sage mir, wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen.“ Spricht Jesus zu ihr: „Maria“, da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: „Rabuni“, das heißt: mein Meister. Spricht Jesus zu ihr: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Gehe aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater. Zu meinem Gott und eurem Gott.“ Und Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: „Ich habe den Herrn gesehen“ und was er zu ihr gesagt habe. 
Gott schenke uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für sein Wort. Amen.

Eine anrührende, fast leise Ostergeschichte. Kein Erdbeben, keine Posaunen, und obwohl alles merkwürdig ist, obwohl plötzlich Männer in weißen Gewändern in dem Grab sitzen, kann Maria, gebeugt von der Trauer, nichts erkennen.

Es ist die Begegnung von Jesus Christus dem Auferstandenen mit Maria Magdalena. Unzählige Male haben Menschen sie in Szene gesetzt und gemalt. Und sie haben diese Begegnung gestaltet. Noli me tangere tragen sie oft als Bildunterschrift: Rühre mich nicht an, berühr mich nicht, halt mich nicht fest, lass mich los. Oder wie immer man diesen Satz übersetzen möchte. Sehr traurig beginnt diese Ostergeschichte. Es ist finster. Das Licht des Ostermorgens ist noch nicht angebrochen, als Maria zum Grab geht. Sie geht allein. Da sind keine anderen Frauen, die sie begleiten. Der Evangelist Johannes hat den Auferstehungsbericht auf die einsame, traurige Frau konzipiert und zugespitzt. Maria geht im Finstern zum Grab und sieht, dass der Stein weg ist. Sie findet das leere Grab als Erste. Aber das leere Grab sagt ihr nichts, weckt keine Hoffnung. Ganz im Gegenteil, es verstärkt ihren Schmerz und ihre Einsamkeit. Verwirrt rennt sie zu den Jüngern. Die Jünger, von Maria aufgeschreckt, drängen zum Grab. Sie sehen, aber sie begreifen nicht. Sie sehen mit den Augen, was ist, sie nehmen wahr - das Grab ist leer. Die Leichentücher liegen da, säuberlich zusammengefaltet, ja, sogar das Kopftuch liegt separat daneben. Wie um uns zu zeigen: Jesus hat das Grab verlassen, behutsam, ohne Eile. Die Jünger sehen und verstehen nicht. Sie sehen nur mit den Augen und nicht mit dem Herzen. Ratlos gehen sie wieder heim. Für sie ist es nicht Ostern geworden. Maria aber kann nicht mehr rennen. Ihr fehlt jede Kraft. Sie bleibt weinend am Grab. Es ist kalt und sie ist allein. Vielleicht muss es so sein, dass sie in den entscheidenden Momenten ihres Lebens allein ist, um zum Verständnis der Auferstehung durchzudringen. Doch im Unterschied zu den Jüngern, gibt sie sich nicht mit den Beobachtungen zufrieden, sondern sie ist verzweifelt und sucht weiter. Sie wartet. Sie bleibt. Sie sucht etwas mit dem Herzen. Sie sucht nach einem Wohin. Und dieses Wohin fragt sie die Engel. Dieses Wohin fragt sie auch den, der plötzlich hinter ihr steht. Denn der Tote ist weg. Und sie hat keinen Ort der Trauer. Wenigstens das wünscht sie sich: einen Ort, an dem sie trauern kann, aber selbst dieser scheint ihr genommen. Es ist schlimm, wenn man keinen Ort zum Trauern hat, wenn man nicht weiß, wo ein geliebter Mensch geblieben ist
 
In diesem Jahr jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum achtzigsten Mal. Wir denken an all die Männer und Söhne, die damals gefallen sind – und an die unzähligen Frauen, die über Jahrzehnte hinweg Gräber gepflegt haben: Gräber von Verstorbenen, deren Leben der Krieg beendet hat. Oft waren es auch Gräber von Unbekannten – denn viele Männer wurden als vermisst gemeldet und kehrten nie zurück und die Frauen warteten weiter.

Ja, nicht zu wissen, wo ein geliebter Mensch geblieben ist – das ist kaum auszuhalten.

Und auch heute, in den Kriegen unserer Zeit – in der Ukraine, im Gazastreifen – verschwinden Menschen. Männer, Frauen, Soldatinnen und Soldaten. Sie werden vermisst, sie sind verschwunden oder tot, oft unter grausamen Umständen ums Leben gekommen – zerrissen, zerstört.

Wie soll man trauern, wenn man nicht weiß, wo die Verstorbenen sind? Wie soll man loslassen, wenn man keine Gewissheit hat, dass ein Leben wirklich zu Ende gegangen ist?

Schon wenn wir mit eigenen Augen sehen, wie ein Sarg in die Erde gesenkt oder zur Einäscherung gefahren wird, ist das kaum zu ertragen. Und doch ist genau das ein Moment, der etwas in Bewegung bringt: Es gibt einen Ort. Dorthin kann ich gehen. Dort kann ich trauern, mich erinnern. Dort kann meine Trauer sich mit der Zeit in Dankbarkeit verwandeln. Dort kann mein Herz Abschied nehmen – und vielleicht Frieden finden.
Maria sucht diesen Ort der Trauer und muss erschüttert feststellen: Er ist ihr genommen. Das Grab ist leer. Der Tote ist nicht da. Und sie weint. Sie weint verzweifelt und verzweifelt will sie einem Toten hinterherlaufen, aber die Botschaft des Lebens kann ihr Herz noch gar nicht öffnen. Sie wundert sich nicht über die Engel, sondern fragt sie, wohin sie Jesus getragen haben. Und auch den Auferstandenen fragt sie: „Wohin hast du ihn gelegt?“ Tränen, verwirrt fragt sie dies den Mann, der hinter ihr steht und von dem sie denkt, er sei der Gärtner. Zu diesem Missverständnis gibt es in der Meißener St.-Afra-Kirche, eine schöne bildliche Darstellung. Man sieht Maria Magdalena mit dem Gärtner und Jesus, dargestellt mit einem Spaten in der Hand. Dieses Bild hat mir als Soldat immer sehr gefallen, weil wir Spaten-Soldaten genannt wurden, denn statt einer Waffe, hielten wir einen Spaten in der Hand - als Waffendienstverweigerer in der DDR. Und Christus trägt den Spaten. Als ob er etwas zum Graben mitgebracht hat. Maria glaubt, er ist der Gärtner. Johannes deutet mit diesem Wort an, dass hier etwas ganz, ganz Neues geschieht. Er deutet an, dass der Garten, in dem Maria jetzt trauert, der Garten Eden ist. Was aussieht wie ein Grab, ist der Beginn von etwas Neuem. So wie Gott am Anfang der Gärtner war und der Schöpfungsgärtner ist bis heute. Schauen Sie einmal in Ihren Garten. Unglaublich, was Gott darin jedes Jahr zum Blühen bringt. Gott als Gärtner am Anfang in der Schöpfung und hier Christus als Gärtner in der neuen Schöpfung. Ja, hier bricht etwas ganz Neues an.

Und Maria fragt ihn: „Wo hast du ihn hingetragen?“ „Sage mir, wo du ihn hingelegt hast, dann will ich ihn holen.“ Mit den Augen, mit den einfachen Augen können wir Ostern nicht sehen. Es muss das Herz dazukommen. Wir brauchen Osteraugen Zu den Osteraugen fällt mir der Brauch einer italienischen Gemeinde ein: Am Ostermorgen wird von einer Quelle Wasser geholt. Man bringt das Quellwasser zum Taufstein und dann kommen alle aus der Gemeinde und waschen sich ihre Augen mit dem Wasser, mit dem Taufwasser. - Anders sehen, Osteraugen haben und erkennen: „Ja, das Leben bricht an.“ Das Leben ist da. Der Herr ist auferstanden.

Sie wissen, das ist gar nicht so leicht mit dem Verstehen der Auferstehung. Und oft erleben wir die Auferstehung auch negativ. Wir nehmen uns etwas Gutes vor, gute Vorsätze, wollen Gottes Wort erfüllen, folgen seiner Weisung, und dann müssen wir feststellen: Es war nicht so leicht. Der alte Adam ist wieder auferstanden. Sie kennen vielleicht den schönen Witz vom Pfarrer, der sagt: „Jetzt will ich endlich meine bösen Dinge beiseitelegen.“ Daraufhin schaufelt er ein Grab im Pfarrgarten. Tut alles hinein, was er auf dem Herzen hat, all das, von dem er weiß, dass er es nicht gut getan hat, und schreibt auf einem Grabstein.: „Hier ruht mein alter Adam”. Ein paar Tage später steht mit der Handschrift seiner Frau darauf: „Nach dreien Tagen wieder auferstanden.“

Diese Auferstehung kennen wir. Sie ist nicht schön. Aber hier und heute hören wir von der Auferstehung Jesu Christi, die so schwer zu sehen und zu glauben ist. Ja, Maria Magdalena kann sie auch nicht sehen. Sie sieht ihn, aber sie sieht ihn nicht. Sie sieht die Engel und sie sieht es nicht. Ja, selbst als er sie anspricht, erkennt sie ihn nicht an der Stimme. Aber dann spricht er sie namentlich an und sagt: „Maria!“ Ein einfaches Wort, und Maria geht das Herz über. Sie erkennt ihn, will ihn gleich umarmen und nicht mehr loslassen. Aber er sagt: „Rühr mich nicht an!“ „Ich bin der Auferstandene. Du kannst mich nicht wiederhaben, wie ich war, es ist anders.“ Aber sie ist ganz begeistert. Ist wieder wie vorher mit ihm zusammen und ist voller Glück.

Ostern entsteht, wenn du dich ansprechen lässt. Wenn du auf Gott hörst und hörst, dass er dich mit deinem Namen ruft. Maria ist eine Gestalt. Maria Magdalena, die oft a la Hollywood in Szene gesetzt ist. Bilder zeigen sie als schöne Frau mit langen Haaren, begehrenswert. Allerdings erzählt die Bibel etwas anderes über sie. Die Bibel erzählt sie hatte sieben böse Geister. Und Jesus hat ihr siebenmal den bösen Geist ausgetrieben. Das ist für so einen grandiosen Heiler und Therapeuten wie Jesus einer war, schon ganz beachtlich, und man ahnt, was diese Frau an Last mit sich trug. Und vielleicht kennen Sie Menschen, die sie als nervig erleben, die sie als böse Geister empfinden und mit denen sie gar nicht umzugehen wissen, auch wenn Sie sich noch so bemühen. Jesus hat es geschafft. Siebenmal treibt er ihr den Geist aus. Erfolgreich; denn danach gehört sie zu den Jüngerinnen und Jüngern, die so befreit, nicht von Jesus lassen können.

Ich stelle mir diese Maria manchmal als eine Frau mittleren Alters vor:  leicht hinkend, nicht sonderlich schön. So wie du und ich, eben ganz normal. Und sie erfährt eine Liebe und Zuwendung, die sie aufrichtet und heilt. Mit diesem Bild ist mir Maria und Ostern näher.

Es geht darum, dass Maria nicht die ferne, schöne, unerreichbare Frau ist, die hier bei Jesus steht, sondern dass Maria für uns steht. Sie steht für dich und für mich. Und sie steht für deine Schönheit. Denn Gott findet dich schön, so wie du heute bist. Schauen Sie mal nach links und rechts, lauter schöne Christenmenschen, Schwestern und Brüder. Wir dürfen uns nicht von falschen Schönheitsbildern die Schönheit Gottes zerstören lassen. Die Schöpfung ist bunt und vielfältig. Und ihr alle seid schön. Die Herrlichkeit Gottes leuchtet darin auf. Und wenn du dich ansprechen lässt mit deinem Namen von Gott, dann wird Ostern. Dann wird das Wort in dir Fleisch, und du kannst dich der Osterbotschaft aufschließen: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

Maria braucht Zeit. Es dauert lange, bis sie den Auferstandenen erkennen kann und aufhört, den Toten zu suchen. Dann dauert es nochmal, ihn loszulassen. Vom Hören der Osterbotschaft bis zum „Loslassen“ des Toten, kann es ein weiter Weg sein. Jesus begleitet Maria einfühlsam, fast zärtlich, auf ihrem Weg. So durchläuft sie einen Weg vom Suchen und Weinen über das Berührt-Werden und Angesprochen-Sein. Bis hinein in die Verkündigung für andere. Sie ist die erste Predigerin der Auferstehung, erfüllt von dieser Begegnung mit den Auferstandenen und ihrem Glauben gewiss, geht sie zu den Jüngern und verkündet die Osterbotschaft. „Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.“ Christus ist auferstanden!“ „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Halleluja!

Vielleicht kann Marias Weg unser Weg heute sein. Vielleicht muss es so sein, dass wir eine Wegstrecke mit Christus gehen, ohne ihn zu erkennen. Vielleicht muss es so sein, dass gerade in diesen Zeiten, die dunkel unser Herz anfassen, und in denen wir Tränen verschleiert kein Osterlicht sehen, erfahren, dass es dennoch hereinbricht. Dass das Licht aufleuchtet. Dass es, wie in der kaputten Kirche, doch durch die Fenster scheint und das Herz erweckt. Ja, dann ist Auferstehung möglich. Wir können Altes und Totes lassen, weil wir Neues gewonnen haben, weil Christus uns anspricht, wird Ostern in uns groß. Und wir können jubelnd singen: „Halleluja, des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein.” Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, 
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus! Amen.

Predigtlied: Christ ist erstanden EG 99

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