Ramelow: Erstarken des Antisemitismus nicht Flüchtlingen zuschieben | Ministerpräsident gegen Pflichtbesuche von Schülern in KZ-Gedenkstätten

Der Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat davor gewarnt, für das Erstarken des Antisemitismus in Deutschland nur Flüchtlinge aus muslimisch geprägten Ländern verantwortlich zu machen.

Antisemitismus sei immer präsent gewesen, mittlerweile in der gesellschaftlichen Mitte angekommen und "wieder alltagstauglich", sagte Ramelow dem Evangelischen Pressedienst (epd) vor einer Reise zur KZ-Gedenkstätte Auschwitz.

Junge Flüchtlinge seien zwar oft "mit Hass auf Israel großgezogen" worden, sie hätten jedoch nur "ein weiteres Kapitel" aufgeschlagen. Antisemitismus dürfe nicht muslimischen Flüchtlingen zugeschoben werden, aber auch als Problem nicht aus dem Blick verloren werden.

Am Donnerstag trifft sich der Thüringer Regierungschef in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz mit jungen Juden und Muslimen aus Deutschland. Zu der Gedenkfeier werden auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) und die Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman A. Mazyek, sowie der Union progressiver Juden in Deutschland, Rabbiner Walter Homolka, erwartet.

Es sei wichtig, dass sich muslimische und jüdische Jugendliche träfen, offensiv diskutierten und sich mit der dunklen deutschen Geschichte befassten, betonte Ramelow. Sicher seien auch Aufenthalte in Tel Aviv und Haifa eine gute Sache, "aber bitte alles Schritt für Schritt. Ich sehe da überhaupt keinen Widerspruch, sondern viele weitere sinnvolle Austauschmöglichkeiten", betonte der Ministerpräsident.

Ramelow sprach sich zudem gegen verpflichtende Besuche in Gedenkstätten im Rahmen des Schulunterrichts aus. Diese hätten bei jungen Deutschen zu Selfies mit erhobenem rechten Arm geführt, was genauso schwer zu ertragen sei wie etwa der Fangesang "Juden Jena" im Erfurter Fußballstadion.

"Der Weg hin zu Respekt und Toleranz kann nur der Weg der persönlichen Erkenntnis sein, Verpflichtungen als Zwang sind da nicht hilfreich", so der Politiker der Linken.

Zudem sei der Besuch einer Gedenkstätte nur ein Element auf dem Weg zu der Erkenntnis, wohin Intoleranz, Größenwahn und Menschenverachtung führten, sagte Ramelow: "Das Tragen religiöser Zeichen - wie Kippa, Kopftuch oder Kreuz - zu respektieren, ist ein Schritt dahin, gesellschaftliche Vielfalt als Bereicherung zu empfinden und Toleranz auch zu leben." Wer aber den Nationalsozialismus und seine Verbrechen als Vogelschiss der deutschen Geschichte verniedliche und eine 180-Grad-Wende in der Erinnerungskultur verlange, müsse sich den Vorwurf gefallen lassen, verantwortungslos zu handeln und die Gegenrichtung einzuschlagen. "So wird nicht Respekt, Menschenwürde und Toleranz gefördert, so wird weiter Hass gesät", sagte der Ministerpräsident.

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