29.09.2019
Predigt von OKR Christhard Wagner zum Abschluss der Legislaturperiode des Thüringer Landtags am 26.September 2019 in der Thomaskirche Erfurt

Predigttext zum Barmherzigen Samariter:  Markus 10,25-37

Liebe Landtagsgemeinde,
wenn wir im 30. Jahr der friedlichen Revolution und am Ende einer Legislatur schauen, wo wir stehen, können wir dies unter dem Dreiklang des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung tun. Die Bedeutung dieser ökumenischen Basisbewegung für die friedliche Revolution ist bisher noch nicht ausreichend wahrgenommen und gewürdigt worden.

Denn an ihr kann man noch heute ablesen: Die Kirchen öffneten nicht nur ihre Türen, sondern waren selbst entscheidende Impulsgeber, Moderatoren, politische Akteure. Damals wie heute brachten Christen ihren Glauben, den Grund ihrer Hoffnung, die biblische Dimension ein – und waren gleichzeitig und selbstverständlich offen für Partner jenseits der Kirche.
Christen sind niemals Öl im Getriebe, sondern sind Salz der Welt.

Sie lassen ihren Glauben nicht hinter verschlossenen Türen verkümmern, sondern wollten Licht der Welt sein.

Das ist Auftrag der Christen in der Welt, unabhängig, in welcher Gesellschaftsform wir leben.

Die Themen Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung – sie sind geblieben, wenn auch die damit verbundenen Inhalte sich veränderten.

Unsere damaligen Forderungen nach Gerechtigkeit richteten sich zuerst gegen das alltägliche Unrecht in der DDR. Aber schon damals hatten wir das himmelschreiende Unrecht gegenüber den Entwicklungsländern im Blick.

Heute leben wir in einem Rechtsstaat. Gott sei Dank. Wir stehen auf gegenüber allen Versuchen, ihn verächtlich zu machen, um ihn abzuschaffen. Die Hoffnung auf eine gerechte Weltwirtschaftsordnung ist, Gott sei´s geklagt, immer noch nicht ansatzweise erfüllt.

Krieg in Europa war in den 80er Jahren eine sehr reale und beängstigende Bedrohung. Wir sind heute dankbar für 75 Jahre Frieden in Europa. Wer den Krieg oder die sehr reale Kriegsgefahr des Kalten Krieges nicht persönlich erfahren hat oder sehr vergesslich ist, empfindet heute Frieden als selbstverständlichen Normalfall. Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Wer meint, dies sei nicht unser Thema, vergisst, wie fragil der Frieden ist. Vergisst, wie die Kriege in unserer globalisierten Welt nicht weit weg, sondern ganz nah sind. Er übersieht, welche Erwartungen an uns gerichtet werden, dass Unsere dafür zu tun, dass Frieden in der ganzen Welt wächst.

Vor 30 Jahren war die Forderung nach Bewahrung der Schöpfung für jeden selbstverständlich. Wir spürten sie in den Bronchien. Heute ist die Bewahrung der Schöpfung nicht allein ein Bitterfelder oder Erfurter Problem. Heute ist es eine Existenzfrage der Menschheit.

Wir haben immer noch nicht die Zeichen der Zeit in ihrer ganzen Schärfe erkannt. Wer um kurzfristiger Erfolge Willen sich vor einer wirklichen Umkehr drückt, versündigt sich an den Ärmsten der Welt und an unseren Enkeln und Urenkeln.

Sie sehen: die Überschriften sind geblieben. Die Inhalte haben sich verschoben. Die Rolle der Kirchen bleibt die Gleiche wie damals: die Not derer zu sehen, die unter Ungerechtigkeit, Krieg und der Zerstörung der Schöpfung leiden. Für sie wollen wir beten. Für sie müssen wir eintreten. Für sie wollen wir schreien. Wir dürfen sie nicht allein lassen. Sie erwarten zu Recht unsere Hilfe.

Die Geschichte vom barmherzigen Samariter kennen Viele von uns seit Kindertagen. Der zentrale Satz dieser Geschichte verbindet Christen und Juden. Jesus zitiert aus der hebräischen Bibel: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzen Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Gott und den Nächsten lieben – das ist der Kern christlichen Lebens.

Beides wird gebraucht. Wo die Gottesliebe fehlt, reduziert sich das Liebesgebot auf Moral und wird am Ende zu Moralismus.

Und wo die Liebe zu Gott nur der eigenen frommen Erhebung dient und sich auf das Private verengt, wird sie zu egoistischem Götzendienst. Ohne Nächstenliebe keine Gottesbeziehung.
Der Priester und der Levit hätten eigentlich wissen müssen, was zu tun ist – und gingen vorbei. Sie hatten sicher gute Gründe: Vielleicht wartete eine große Gemeinde auf den Priester – er konnte sie doch nicht warten lassen. Terminkollision. Sachzwänge!

Und der Levit: vielleicht hatte er auch Angst: Könnte ja auch eine Falle sein. Oder ist der Kerl einfach nur betrunken? Da müssen die dafür Zuständigen handeln.
Falsche Anreize. Das große Ganze im Blick haben.

Manchmal ist es nicht so einfach, zu wissen, was hilft und was schadet. Das war schon zu Jesu Zeiten so. Sonst hätte er die Geschichte nicht erzählt. Die zentrale Botschaft macht uns vielleicht nervös. So eng, so unauflösslich verbunden ist die Nächstenliebe mit der Beziehung zu Gott. Ich finde in der Geschichte keine Ausnahmetatbestände, die uns das Ganze etwas erträglicher machen.
Sie müssen als Politiker viele Entscheidungen treffen, bei denen es viel abzuwägen gilt.
Ist Nächstenliebe dabei eine politische Kategorie?

Wer Verantwortung übernimmt, kann falsche Entscheidungen treffen. Er kann oft nur zwischen zwei schlechten Möglichkeiten wählen. Er macht sich angreifbar. Er wird verantwortlich gemacht.
Deshalb:  Wer von Barmherzigkeit weiß, wird eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit stärken. Wer von der Menschenfreundlichkeit Gottes weiß, wird für einen fairen Umgang zwischen Politik, den darin handelnden Menschen und der Gesellschaft eintreten.

Wer die Bibel kennt, wird die biblische Botschaft den Menschen wie einen Mantel hinhalten, in den sie hineinschlüpfen können und ihnen nicht die Wahrheit mit dem Scheuerlappen um die Ohren hauen.
Es gibt nur wenige Politiker, die es riskieren, für ihre Überzeugungen so zu streiten, dass sie dabei ihre politische Karriere gefährden. Ihnen gilt einerseits unser Respekt und andererseits unsere Unterstützung.
Und dann steht die Erwartung Jesu: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ immer noch im Raum. Kann Nächstenliebe Realpolitik prägen?
Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter spricht eine klare Sprache: Lasst euch anrühren von denen, die in Not sind. Gewöhnt euch nicht an das Elend. Übernehmt Verantwortung – nicht allein im persönlichen Leben, sondern an der Stelle, an die euch Gott gestellt hat.

Und lasst euch nicht einreden, in der Politik sind Kategorien wie Barmherzigkeit, Demut und Nächstenliebe gesinnungsethisch zu vernachlässigen. Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand sind mit diesen so altmodisch klingenden Werten besser zu erreichen als mit neoliberaler Kälte, nationalem Egoismus und alles dem Erfolg unterordnenden Strategien.
„Wem viel gegeben ist, dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“, sagt Jesus (Lukas 12, 48).
Ein ernstes Wort an uns Alle.

Wer politische Macht anvertraut bekommen hat, der kann wie jeder andere den Blick für das Wesentliche verlieren und wie der Priester und der Levit an denen, die seine Hilfe brauchen, vorübergehen. Auch Staaten können an ihrem Egoismus ersticken.

Wir können aber auch im Geist der Nächstenliebe handeln – sei es aus christlicher Motivation oder aus anderen Quellen schöpfend.
Jesus erzählt die Geschichte vom barmherzigen Samariter, um uns die Augen zu öffnen. Seht die Not eures Nächsten. Vor eurer Tür. Im Mittelmeer. In Afrika. Seht auf eure Enkel und Urenkel. Lasst euch berühren. Haltung ist wichtiger als Erfolg.

Liebe Landtagsgemeinde,
Ihnen stehen vier anstrengende Wochen bevor. Seien sie versichert: wir beten für Sie. Unser Herr ist mit Ihnen, ob Sie es glauben oder nicht.
Mit Dietrich Bonhoeffer will ich Ihnen ein Wort auf den Weg geben, dass die wunderbare Freiheit in Verantwortung beschreibt, in der wir uns aufgehoben fühlen können:
„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösen,
Gutes entstehen lassen kann und will.

Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber es gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“
Bleiben Sie behütet. Amen.


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